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JörgB Moderator


Anmeldungsdatum: 18.08.2006 Beiträge: 2195 Wohnort: Bielefeld FS-Version: 9.1
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Verfasst am: Di 02 Feb 2010, 18:29 Titel: ALYESKA |
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Vorwort
Hallo Leute.
Vor etwas über einem Jahr begann ich mit dieser Geschichte und postete hier im Forum die ersten beiden Kapitel.
Dann kam, trotz guter Resonanz eurerseits, leider die lange Pause. Dieser Alleingang wurde doch heftiger als erwartet und ab und zu fehlte der freundschaftliche Tritt in den Hintern.
Zur Erinnerung: Bei den Pilots of the Caribbean schoben Malloy, Markus und ich uns gegenseitig an und hauten die Kapitel mit jeder Menge Spaß im Skype und im Forum in Rekordzeit heraus. Diese Form der Motivation war damals bis zur letzten Zeile präsent.
Die Idee zu ALYESKA kam mir bereits während der Pilots, als ich - nur so und um mal etwas Anderes auf dem Monitor zu sehen - einen kurzen Hüpfer von Gustavus zur Wood Lake Research Station in der Szenerie Glacier Bay V2 flog.
Nach den ersten beiden Kapiteln wurde die Story doch größer, als es die Notizen in meinem Storyboard anfangs erahnen ließen. Während des Schreibens kamen neue Ideen hinzu und bestehende Passagen mussten entsprechend neu zugeschitten werden.
Heute kann ich endlich sagen: Fertig.
Herausgekommen sind elf Teile und die gibt es nun auf einen Rutsch. Viel Spaß beim Lesen.
Unnötig zu erwähnen, aber:
Die folgende Geschichte ist erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen ist nicht beabsichtigt und wäre rein zufällig.
Alle Rechte beim Autor.
Danke an Malloy und Markus für die Zeit, Geduld und Nervenstärke. _________________ Beste Grüße
Jörg
Irren ist menschlich. Aber wenn man richtig Mist bauen will, braucht einen Computer.
Dan Rather
Zuletzt bearbeitet von JörgB am Di 02 Feb 2010, 18:39, insgesamt 2-mal bearbeitet |
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JörgB Moderator


Anmeldungsdatum: 18.08.2006 Beiträge: 2195 Wohnort: Bielefeld FS-Version: 9.1
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Verfasst am: Di 02 Feb 2010, 18:29 Titel: (Kein Titel) |
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Teil 1
„Willkommen in Juneau und vielen Dank, dass Sie mit Alaska Airlines geflogen sind.” Die Flugbegleiter verabschiedeten jeden Fluggast mit ihrem trainierten Servicelächeln und der freundlich monotonen Stimmlage der Zeitansage. Ein Dutzend Mal noch, bevor Dan Miller die Fluggasttreppe als Letzter erreichte. Auf dem Podest vor dem Kabineneingang hielt er inne und sah sich mit einer langsamen Kopfbewegung um. Zufrieden atmete er durch die Nase ein. Als hätte ihn jemand über Nacht geputzt, leuchtete der Mendenhall-Gletscher in strahlendem Hellblau und Weiß in der Morgensonne über den Dächern von Juneau. Ein Dunstschleier lag einer schützenden Decke gleich auf seinem Eis. Dan schlug den Kragen seiner GoreTex-Jacke hoch. Es war kühl, für ihn ungewohnt kühl. Seine Nase begann zu laufen. Plus Sieben Grad Celsius zeigte das große Display an der Fassade des Terminals an diesem sonnigen Morgen Mitte Mai. Die Schreie von Möwen wehten mit dem schwachen Westwind vom Lynn Canal herüber. Der Geruch von verbranntem Kerosin mischte sich mit dem Aroma von Salzwasser und Schlick.
Auf dem Vorfeld tanzten bereits die Servicefahrzeuge nach einer gut einstudierten Choreographie um die eben gelandete 737. Jetzt hatte Dan es nicht mehr weit bis nach Hause, nach Gustavus, einem kleinen Ort an der Glacier Bay. Es galt nur noch jemanden zu finden, der ihn dort hin brachte. Zwischen den kleinen Orten und Siedlungen im Südosten Alaskas, auch Panhandle – Pfannenstiel – genannt, gab es keine Straßenverbindungen. Man nimmt entweder das Boot, wenn man seinen Magen im Griff sowie Zeit hat, oder das Flugzeug. Letztere Alternative war bei dem Angebot an tüchtigen Buschpiloten, die mit ihren Flugzeugen Sewards Dummheit tagein tagaus ohne Rücksicht auf Feiertage durchstreiften und das Land am Leben hielten, das kleinere Problem nach der langen Reise von Florida quer über die USA und Kanada. Dann wäre er zu Hause, endlich. Einen Moment lang glaubte er, den selbstgebackenen Erdbeerkuchen seiner Mutter schon hier riechen zu können. Noch ahnte er nicht, was der Tag an Überraschungen für ihn bereithielt.
Vor sieben Jahren verließ Dan den Panhandle, ließ Familie und Freunde zurück, um sich mit seiner Freundin und späteren Ehefrau Pamela Waite in deren Geburtsort Tampa niederzulassen. Schon im ersten Winter wurde sie durch die Kälte und Dunkelheit hier im Norden depressiv und er erfüllte ihren Wunsch, ins warme Florida zu ziehen. Beide glaubten damals, dass dort vieles besser werden würde. Daheim in Florida lernte er die wahre Pamela kennen. Es war nicht mehr die Frau, in die Dan sich verliebte. Lange Zeit glaubte er, dass es an ihm läge und versuchte, der beste Ehemann in diesem Sonnensystem zu werden. Ebenso strengte er sich an, den Kontakt in seine Heimat nicht abreißen zu lassen. So oft es möglich war, verbrachte er den Jahresurlaub in Gustavus bei seinen Eltern und Freunden. Während der letzten Jahre auch oft genug gegen den Willen seiner Ex-Frau.
Heute fühlte er sich ungewohnt frei. Sein Gang war aufrecht und leicht. So, als hätte ihm jemand eine schwere Last von den Schultern genommen. Und er verspürte Hunger. Das Frühstück an Bord war etwas für den hohlen Zahn. Sein Gepäck verstaute er in einem Schließfach. Im Terminal standen ein paar Buschpiloten zusammen und warteten auf Kunden, die sie gegen Bezahlung in die Wildnis fliegen würden. Ähnlich wie die Taxifahrer, nur hatten ihre Taxis Tragflächen und nicht selten Schwimmer statt Räder. Sie tauschten Erlebnisse und Erfahrungen aus, die sie auf ihren Flügen während der noch jungen Saison im unzivilisierten Luftraum des Panhandles machten. Zwei von ihnen trugen selbstgebastelte Schilder bei sich: Pilot for rent.
Das Restaurant in der Shopping Mall am Glacier Highway, wenige Fußminuten vom Terminal entfernt, war schon jetzt am späten Vormittag gut besucht. Countymusik plätscherte aus den Lautsprechern. Ein Tablett mit Hamburger, French Fries und Coke in den Händen bahnte er sich einen Weg zu einem freien Tisch im Restaurant. Ein paar Kinder tobten lachend um die Tische und spielten Fangen. Eine Gruppe Mädchen an einem der Tische sprach kichernd über Jungs und den neuesten Look. Dan grüßte freundlich nickend, worauf die Mädchen anfingen zu kichern.
`Manches ändert sich nie´, dachte Dan und erinnerte sich an seine Schulzeit. Ein Gast schob unachtsam seinen Stuhl zurück, Dan hätte fast seine Mahlzeit auf ihm abgeladen. Er fluchte leise vor sich hin.
„Ist nett, Mister. Aber ich habe gerade aufgegessen.”
Perplex sah Dan in ein lächelndes unrasiertes Gesicht mit braunen Augen und kurzen dunklen Haaren, das er seit seiner Zeit bei der Air Force kannte. Der Mann, der sich von seinem Stuhl erhob, war genau so groß wie er und trug einen dunkelblauen Overall.
„Jerry! Mann. Was für ein Zufall. Wahnsinn.” Dan stellte sein Tablett ab und umarmte den Mann, dem er fast seine French Fries mitsammt Coke in den Kragen geschüttet hätte.
„Komm. Setz dich”, bot Jerry Mannerhoff an und räumte sein Gedeck beiseite. Bevor Dan einen Ton sagen konnte hielt Jerry abwehrend eine Hand vor.
„Warte! Ich hol mir eben noch einen Kaffee. Scheint, als fällt die Pause heute länger aus.”
Kopfschüttelnd und lachend sah er seinem Freund nach. Als Jerry wieder zum Tisch kam, hielt er sich nicht mit Floskeln auf.
„Also. Ich habe deine letzte Mail vor ein paar Wochen bekommen. Geantwortet habe ich. Und dann...” Er zog die Schultern hoch. „Gab´s Stress da unten?”
„Nur für meinen Ex-Boss. Ich hab im letzten Monat alles hingeschmissen. Lange Geschichte. Die letzten zwei Wochen habe ich mich zu Fuß durch den Yellowstone gequält. Ich hatte Menschen extrem satt”, antwortete Dan und biss in seinen Burger.
„Und jetzt?”
„Jetzt bin ich auf der Durchreise nach Gustavus. There is no place like home.”
„Das konnte ich schon herauslesen, daß dir dort Einiges nicht mehr passte. Irgendwann ist der Becher mit den Tröpfchen voller Hoffnung auf Besserung eben leer, Dan.”
Er dachte kurze Zeit über Jerrys Worte nach.
„Du hast Recht, Jerry. Ich hab schon verdammt lang gebraucht, um zu merken, dass ich in Tampa mit der falschen Frau am falschen Platz war. Die Flucht nach Antigua war eigentlich eine Flucht vor mir selbst. Außer einer gesunden Bräune hat´s eigentlich Nichts gebracht. Und du?”, fragte er und musterte Jerry´s Overall, „nicht mehr bei der Feuerwehr?”
„Nein. Ich arbeite seit zwei Monaten drüben auf dem Flugplatz im Cargo. Bessere Arbeitszeiten und mehr Platz für meinen Nebenjob. Schau mal dort hinter der Theke.”
Mit einem Daumen wies er in die Richtung und winkte. Eine der Serviererinnen winkte lächelnd zurück. Dan erkannte Jerrys Frau Deborah und ihm fiel ihr Bauch auf.
„Der Termin im September steht?”
„Wenn meinem Stammhalter nichts Besseres einfällt.”
„Hey. Gratuliere”, sagte Dan und stutze, „Nebenjob?” Jerry lachte.
„Das ist er schon jetzt. Aber ich hab da neben dem Cargo und den Hechelübungen seit drei Wochen noch was am laufen. Wie stehts mit dir? Schon einen Job in Sicht?”
„Noch nicht. Bin ja noch nicht mal richtig hier”, lachte Dan und schob sich mit den Fingern ein paar French Fries in den Mund.
„Hast Recht, Dan. Der Rest findet sich. Ich kann mich für dich umhören, wenn du möchtest. Die drei Platzhirsche suchen bestimmt noch Piloten für ihre Helikopter. Ein paar Kontakte hab ich durch meine Arbeit im Cargo. Dann hättest du wenigstens über den Sommer einen Job.”
„Das wäre okay.”
Jerry sah zum Eingang des Restaurants und sagte lächelnd zu Dan: „Heute ist dein Glückstag. Da kommt dein Lift nach Gustavus.”
Er sah zum Thresen und winkte mit einer Hand. „Hey Doug, DOUG.”
Dan drehte sich um und sah in die Richtung. Ein Mann am Thresen hob kurz die Hand zum Gruß und nickte stumm. Eine abgewetzte, lederne Fliegerjacke mit Fellkragen, bestimmt halb so alt wie sein Träger, ließ dessen große Gestalt noch stattlicher erscheinen. Gelassen bestellte er einen Becher Kaffee bevor er zum Tisch der beiden Freunde kam.
„Hey Doug, darf ich dir einen alten Freund von mir vorstellen? Dan Miller. Er braucht eine Passage nach Gustavus. Dan, das ist Douglas Bishop.”
„Sehr erfreut, Mister Bishop.”
Dan stand auf und reichte ihm die Hand. Selbst stehend musste er zu ihm aufschauen. Der Mann war ein Riese mit einem Paar freundlicher Augen in seinem wettergegerbten Gesicht. Dan schätzte ihn auf Ende 50, Anfang 60. Er antwortete mit sonorer Stimme, den kalten Stummel einer Zigarre in einen Mundwinkel gerammt.
„Nenn mich Doug. Mister Bishop nenn ich mich nur, wenn ich Jerrys Chef am Monatsende die Rechnung gebe.”
„Ich kenne Dan schon seit meiner Zeit bei der Air Force, er flog damals eine F-16. Fast wäre er Testpilot geworden,” redete Jerry weiter.
„Schon okay. Ich nehme deinen Freund ja mit”, sagte Mr. Bishop und wandte sich an Dan, „sag mal, Junge, war dein Kumpel schon immer so eine Quasselstrippe?”
Dan duckte sich und spuckte vor Lachen fast seine Coke wieder aus.
„Weiß nicht, wir setzten uns die Helme schon auf, bevor wir den Hangar betraten.”
„Hey, nun reicht es aber,” Jerry spielte augenzwinkernd den Gekränkten.
„Tja Jerry”, Dan zog ihn weiter auf, „Freundschaft bedeutet eben, daß man jemanden von vorn in den Rücken fallen kann.”
„Den Spruch muss ich mir merken, ” lachte Doug.
Nach ein paar Minuten stand Mr. Bishop wieder auf und sagte zu Dan: „Okay, ich hol mir eben den aktuellen Wetterbericht. Iss in Ruhe auf. Wir treffen uns in einer halben Stunde drüben am Cargo.”
Dan sah Mr. Bishop nach, der das Restaurant ebenso ruhig verliess, wie er es betrat und sagte zu Jerry: „Beeindruckender Typ. Welchen Vogel fliegt er?”
„Sagen wir es mal so: Du würdest an dem Saurier nicht einfach so vorbeilaufen.” Jerry sah auf seine Armbanduhr. „Okay, Dan. Ich muß auch wieder rüber. Wir sehen uns gleich noch.”
Im Weggehen drehte er sich nochmal kurz um und lächelte: „Schön, dass du wieder da bist.”
Zwanzig Minuten später stand Dan am Rand des Vorfelds neben der Cargohalle. Die 737, mit der er ankam, rollte wieder zur Startbahn. Einige der Wasserflugzeuge machten sich mit ihren Passagieren auf den Weg, um sie zu den entlegenen Hütten in Alaskas Panhandle zu fliegen. Vor der Cargohalle trafen sich Jerry und Dan. Sie gingen auf eine Fairchild C-119 zu.
„Doug ist schon bei seiner Maschine. Komm mit.”
„Himmel. Die Mühle fliegt er?”
„Zuverlässig und immer pünktlich. Schönes Ding, eh?”
„Yup.”
Ehrfürchtig musterte Dan das alte Flugzeug vom Bug zum Heck. Man sah ihm die vielen Tausend Flugstunden nicht an. Das polierte Aluminium glänzte in der Sonne. Doug Bishop machte gerade seinen Walkaround mit Putzlappen und Taschenlampe.
„Na, dann kann es ja gleich losgehen. Ich bin hier auch so gut wie fertig,” sagte er.
Intensiv widmete er sich dem Preflight-Check und machte sich nicht die Mühe, die beiden anzusehen während er mit ihnen sprach. Er leuchtete mit seiner MagLite in die Fahrwerksschächte, putzte, und inspizierte die geputzten Stellen erneut.
„Okay. Einsteigen bitte,” sagte er und wies mit einer Hand auf die geöffnete Heckrampe der Flying Boxcar. Die Freunde verabschiedeten sich mit Handschlag und versprachen einander, in Kontakt zu bleiben.
„Also Guten Flug und Willkommen zu Hause,” sagte Jerry und fischte eine Visitenkarte aus der Brusttasche seines Overalls.
„Danke, Jerry. Ich melde mich.”
Dan ging, gefolgt von Mr. Bishop, den schmalen Gang entlang der Kisten vor zum Cockpit. Vorn an der Trennwand befanden sich rechts und links je zwei Sitze für Passagiere. Dan verstaute sein Gepäck auf dem Boden vor den Plätzen auf der linken Seite und wollte sich setzen, als Douglas ihn weiter schob.
„Komm mit ins Cockpit und leiste mir Gesellschaft, Junge. Ich hab nichts dagegen.”
Dan setzte sich auf den Sitz des Copiloten und sah interessiert bei den Startvorbereitungen zu. Die Hände seines Piloten flogen über die Panels. Dan hatte Mühe, ihnen mit seinen Blicken zu folgen. Mit ziemlicher Sicherheit würde Mr. Bishop die Prozeduren im gleichen Tempo mit verbundenen Augen durchführen. Doug Bishop sah nach links aus dem Cockpitfenster und hob eine Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger während die andere Hand mit ausgetrecktem Zeigefinger kreiste. Jerry musste irgendwo in Höhe des Cockpits stehen. Doug drückte den Anlasserknopf und einige Sekunden später ließ der anlaufende Backbordmotor den Rumpf vibrieren.
„Rechts frei?” fragte er kurz. Dan sah aus dem Fenster und hob einen Daumen.
Langsam drehte sich der Propeller und wenige Sekunden später nahm auch der Sternmotor auf Dans Seite einem Gewitter gleich seine Arbeit auf. Die blaugrauen Abgasschwaden bewegten sich wie ein großes Tier über das Vorfeld in Richtung des Towers.
`Immer noch Westwind´, dachte Dan.
Das würde den Heimflug um viele Minuten verkürzen. Sie brauchten keine große Schleife im Steigflug, um über die Berge zu kommen, die den Gastineau-Channel einrahmten. Mr. Bishop kontrollierte die Instrumente, klopfte ab und zu mit einem Finger auf einige der Anzeigen. Während des WarmUp zündete er sich eine frische Zigarre an und paffte dabei dicke Rauchwolken ins Cockpit. Die Instrumente ließ er dabei keine Sekunde aus den Augen.
Nach der Rollfreigabe setzte sich die Flying Boxcar majestätisch in Bewegung. Ihr Pilot vermied hektische Bewegungen und er fädelte die Maschine elegant auf den Taxiway zur Startbahn 26 ein.
Das Cockpit füllte sich allmählich mit dem Rauch der Zigarre. Ihr Geruch mischte sich mit dem von Öl, Flugbenzin und der Ladung. Für Dan war der Weg über den Taxiway wie eine Reise in die Vergangenheit. Er pfiff die Melodie von `Gimme some lovin´ vor sich hin und trommelte mit den Fingern auf seinem Knie.
Ohne Hast ließ Doug Bishop den Fliegenden Güterwagen den Taxiway hinunterrollen und linierte nach der Starterlaubnis die Maschine auf der Startbahn auf. Fast liebevoll bewegte er die Gashebel und die Fairchild nahm mit ihren dröhnenden Sternmotoren langsam Fahrt auf. Schon nach der halben Länge der Startbahn zog Doug die Maschine hoch.
„Heute kann die alte Lady zeigen, was in ihr steckt”, sagte ihr Pilot voller Stolz und wies mit dem Daumen über die Schulter. „Das Zeug da hinten wiegt nicht viel.”
Dan sah aus dem Fenster noch einmal über die Stadt auf den Gletscher, dessen mächtige Zunge am Mendenhall Lake leckte. Doug drehte die Fairchild im Steigflug nach links in Richtung Funter Bay. Auf Dans Seite zog der Leuchtturm von Eldred Rock vorbei, also würden sie die Chilkat Range mit ihren bis zu viertausend Fuß hohen Gipfeln südlich umfliegen.
„Höher als dreitausend Fuß brauchen wir nicht für den kurzen Hoppser. So bleiben wir wenigstens unter den Wolken und können die Aussicht genießen”, sagte Doug, als ob er Dans Gedanken lesen konnte. Die Pilot ließ seine Blicke über den Horizont schweifen. „Herrlich. Ich weiß nicht wie oft ich hier schon durchgekommen bin, aber ich werde nicht müde, mir die Gegend anzusehen. Es sieht jedes Mal anders aus. Diese Momente lassen mich alle Probleme vergessen”, fuhr Doug mit einem poetischen Unterton fort.
Dan sah immer noch aus dem Fenster und nickte zur Bestätigung. Der Wind trieb sein Spiel mit dem alten Flugzeug. Immer wieder hob er den Rumpf leicht an um ihn im nächsten Augenblick auf eine imaginäre harte Fläche fallen zu lassen. Im Sonnenlicht glitzerte das Wasser der Icy Strait. Das an- und abschwellende Dröhnen der Motoren, die ächzenden Geräusche der Cockpiteinrichtung und den Holzkisten hinten im Laderaum liessen Dan fast in einen tranceähnlichen Zustand fallen.
„Ein perfekter Tag. ...... Testpilot?”
Dieses Wort holte Dans Gedanken abrupt ins wirkliche Leben zurück. Er lachte kurz, als er seinen Piloten ansah.
„Naja. Sagen wir mal, ich hab eine Bewerbung abgeschickt.”
„Was ist passiert?” fragte Doug.
„Es war so ein Tag wie heute im Sommer `98. Wir waren mit unseren F-16 auf Patrouille über der North Slope, zwischendurch hatten wir ein Rendezvous mit einer KC-10. Irgendwann bemerkte mein Flügelmann eine Rauchfahne an meiner Kiste und dann knallte es auch schon hinter mir. BUMM. Alle Anzeigen rot, Game over. Also raus an die frische Luft. Bereits am Fallschirm hatte ich heftige Rückenschmerzen und als ich auf dem Boden aufkam, brach ich mir auch noch feierlich den linken Unterschenkel. Mein Flügelmann kreiste, bis der Hubschrauber da war.”
„Jerry ?”
„Nein, Jerry war damals im Maintenance.”
„Das wirft nicht gerade einen hellen Schein auf ihn,” zwinkerte Doug herüber.
„Da muss ich ihn in Schutz nehmen, Doug. Er hatte zu der Zeit Urlaub, war bei seiner Familie in Anchorage. Und er hatte nichts anderes zu tun, als sich in das nächste Flugzeug nach Fairbanks zu setzen. Das war es dann mit Air Force und der Karriere. Mit einer lädierten Wirbelsäule ist man bei dem Verein nicht gerade die erste Wahl und für einen Schreibtischjob konnte ich mich nicht motivieren. Ich war froh, dass es noch für die zivile Fliegerei reichte. Mein Vater bot mir damals an, mit ihm zusammen auf seinem Trawler zu fahren. Aber das war nichts für mich. Du glaubst nicht wie weit ein Mensch kotzen kann, wenn er Rückenwind hat.”
Doug lachte laut auf. „Ja. Ich glaube, dafür muss man geboren sein.”
„Ohne Zweifel. Er fuhr schon immer zur See. Als junger Mann auf einem Walfänger. Und als der Walfang verboten wurde, kaufte er von seinem Ersparnissen den Trawler und arbeitete auf eigene Rechnung. Zuerst als Fischer, später bot er Whale-Watching-Touren in der Glacier Bay an. Vor zwei Jahren hat er das Schiff verkauft und sich zur Ruhe gesetzt. Heute fischt er nur noch zum Spaß.”
Dan sah wieder aus dem Fenster auf das Excusion Inlet und wunderte sich über sich selbst, dass er einem Fremden so viel aus seinem Privatleben preisgab. Aber die Gegenwart dieses alten Haudegens erinnerte ihn sehr an seinen alten Freund Jake.
`Jake wird Augen machen´, dachte Dan und freute sich auf das Wiedersehen.
Es knackte in seinen Ohren und er sah nach vorn. Die Fairchild befand sich im Sinkflug. Vor ihnen lag die Zwo-Neun vom Flugplatz in Gustavus. Dans Gefühle wechselten von Unruhe in Vorfreude. Doug sah lächelnd zu ihm herüber.
„Ein paar Minuten noch und du hast es geschafft, Junge”, sagte er, als ob er ahnte, was in seinem Fluggast vorging.
Sanft setzte Mr. Bishop die Fairchild auf die Landebahn, nicht einmal dieser übliche kurze Aufschrei der Reifen war im Cockpit zu hören. Auf Hälfte der Landebahn drehte er auf die Zwo-Null und rollte über den vorletzten Taxiway auf das Vorfeld.
„Ich hab hier einen Kunden und dann geht es weiter über Yakutat nach Valdez. Da ist dann Feierabend für heute”, sagte Doug auf dem Weg zur Frachtluke.
Dan grinste ihn an: „Ich hab noch zwei Meilen die Strasse runter.”
„Auch das kann ein langer Weg für einen Heimkehrer werden”, lachte Doug.
Mit einem Satz sprang Dan aufs Vorfeld und sah sich um.
`Hier hat sich nichts verändert´ dachte er und sah sich zufrieden lächelnd um.
„Hier, deine Tasche”, sagte Doug und warf sie ihm vom Frachtdeck zu, bevor er selber über die Leiter herabstieg.
„Mehr hattest du nicht bei dir?”
„Nein”, antwortete Dan, „ich hab es mir abgewöhnt, mehr mitzuschleppen, als ich mit zwei Händen tragen kann.”
Er reichte seinem Piloten zum Abschied die Hand. „Hat Spaß gemacht. Danke fürs Mitnehmen und pass gut auf die alte Lady auf, Doug.”
„Keine Sorge, Junge. Man wird mich mit ihr begraben müssen”, lachte er und sah zu einem Hangar, dessen Tor sich in diesem Moment öffnete, „oh, ich werde schon erwartet.”
Dan sah auch in die Richtung, eine weiß-gelbe Cessna Amphibian an der Durchfahrt zur Flugplatzeinfahrt zwischen den Hangars erregte seine Aufmerksamkeit. Er lächelte kurz.
„Was hast du?” fragte Doug.
„Nichts besonders”, sagte Dan und schaute nochmals in die Richtung. Aus dem Hangar, in dem vor Monaten Harold Checkley das Zepter führte und als Mechaniker einen guten Ruf hatte, kam ein untersetzter Mann mit kurzen roten Haaren, gekleidet in Jeans und weißem Hemd mit Schlips, auf die Fairchild zu.
„Hallo Doug. Schön, dass du da bist. Meine Männer fangen mit dem Entladen an, sobald sie ihre Kaffeepause beendet haben. Oder bist du in Eile?”
„Schon okay, Patrick.”
Der Rothaarige nickte zu Dan. „Neuer Copilot?”
„Nein. Er ist ein Fluggast, der in Juneau zugestiegen ist.”
„Achso”, sagte der Mann und reichte Dan lächelnd die Hand. „Willkommen in Gustavus, Mister.....?”
„Miller”, stellte sich Dan knapp und ebenfalls lächelnd vor.
„Oh. Ich bitte um Verzeihung. Meine Name ist O´Bannion, Patrick O´Bannion. Nun”, er machte eine kurze Pause und sah auf Dans Reisetasche, „sie machen sicher Urlaub hier. Falls Sie an einem Rundflug über unsere schöne Glacier Bay Interesse haben, rufen Sie mich ruhig an.”
Er zog eine Visitenkarte aus der Brusttasche seiner Jacke und überreichte sie Dan. „Haben sie schon eine Unterkunft?”, fragte Mr. O´Bannion weiter, aber ohne eine Antwort abzuwarten fügte er hinzu: „Wenn Sie den Flugplatz verlassen gehen Sie nach rechts und nach ein paar Hundert Metern erreichen Sie die Whalesong Lodge.”
„Danke”, sagte Dan und zwinkerte Doug kurz zu, „aber eine Unterkunft habe ich schon.”
Dan war froh, dass sein Pilot schwieg und nur lächelte. Er verabschiedete sich von den beiden Männern und folgte dem Weg zwischen den Gebäuden zur Flugplatzeinfahrt.
`Also doch Jakes Maschine´ dachte er, als er dem Wasserflugzeug näher kam.
Er ging einmal um die Cessna herum.
`Eigenartig. Allerbestes Wetter und seine Stationair ist am Boden?´
Neugierig betrat er einen Hangar, aus dem Musik zu hören war. Der Song `Foggy Mountain Breakdown´ schrabbelte aus einem alten Kofferradio, welches auf einer von Öl geschwärzten Werkbank stand. Dans "Hallo" verhallte unbeantwortet.
„Au Mann, Jake. Du könntest den Hobel aber wirklich mal waschen”, murmelte Dan, als er die Cessna erneut umrundete.
„Gefällt Ihnen das Flugzeug, Mister Miller?”
Dan schreckte auf. Mr. O´Bannion stand plötzlich neben der Maschine. Etwas perplex gab Dan ein kurzes "Ja" von sich. Was hatte dieser Typ mit dem Flugzeug seines alten Freundes zu tun?
„Da haben Sie Glück, Sir. Dieses Flugzeug steht zum Verkauf”, sagte Mr. O´Bannion. „Eine Lizenz haben Sie?”
Dan spielte das Theater mit: „Keine Sorge, Mister. Seit ein paar Jahren schon.”
Mr. O´Bannion klatschte mit einer Hand auf die Motorhaube
„Ein wirklich toller Vogel. Baujahr 1980. Hat etwas mehr als 9500 Stunden auf der Uhr. Der Motor hat etwas über 1000 Stunden. Der Propeller wurde im letzten Jahr ausgetauscht. 180 000 muntere Dollar soll sie kosten. Wenn sie an einem Probeflug interessiert sind, werde ich die Besitzerin anrufen.”
Dan hatte genug gehört. „Gern”, sagte er mit einem gespielten Lächeln, „Ihre Karte hab ich ja. Ich rufe Sie an.”
„Tun sie das”, lächelte O´Bannion zurück, „Sie sind sicher noch ein paar Tage hier. Da finden wir bestimmt einen Weg.”
„Jaja. Ein paar Tage wollte ich schon hier bleiben”, sagte Dan und reichte Mr. O´Bannion abermals die Hand, „ich melde mich. Vielen Dank, Sir.”
Rauchend trottete Dan die Airport Road entlang. Der kühle Wind wehte ihm den würzigen Duft des Nadelwaldes, in dem der Ort eingebettet lag, in die Nase. Jeder Hauch von Wiedersehensfreude wurde von Fragen überfahren.
`Wer ist dieser O´Bannion und wieso hat Jakes geliebte Cessna plötzlich eine Besitzerin? Hatte Jake sich kurzentschlossen ein neues Flugzeug gekauft? In seiner letzten E-Mail hatte er nichts davon erwähnt.´
Nie hätte er gedacht, dass er sich während der ersten Meter auf heimischen Boden derart das Hirn zermartern würde und bereute es, dass er in den letzten Wochen einen großen Bogen um Telefone und Internetcafes machte. _________________ Beste Grüße
Jörg
Irren ist menschlich. Aber wenn man richtig Mist bauen will, braucht einen Computer.
Dan Rather
Zuletzt bearbeitet von JörgB am Mi 17 Feb 2010, 19:16, insgesamt 3-mal bearbeitet |
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JörgB Moderator


Anmeldungsdatum: 18.08.2006 Beiträge: 2195 Wohnort: Bielefeld FS-Version: 9.1
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Verfasst am: Di 02 Feb 2010, 18:30 Titel: (Kein Titel) |
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Teil 2
Dan benötigte für die Strecke vom Flugplatz zum Haus seiner Eltern wie immer länger als nötig. Der Smalltalk am Gartenzaun oder Autofenster gehörte schon immer zum Alltag der rund 450 Einwohner von Gustavus - oder Strawberry Point, wie die ersten Siedler die Gegend aufgrund der Fülle an wild wachsenden Erdbeeren tauften und die hier Lebenden den Ort heute immer noch nennen - wie die Erdbeeren zum Sommer. Und man kann ruhigen Gewissens behaupten, dass Jeder Jeden kennt und man irgendwann auf den Nachbarn angewiesen sein wird, ob einem dessen Nase nun gefällt oder nicht. Der Begriff "Zeit" spielt eine eher untergeordnete Rolle. Man hat sie. Und wenn nicht, dann nimmt man sie sich. Besonders dann, wenn es Neuigkeiten gibt. Dan konnte sicher sein, dass spätestens morgen Abend fast jeder im Ort von seiner Anwesenheit wusste. Nach einer guten Stunde erreichte er sein Ziel. Das kleine Schild mit der Aufschrift Bed `n´ Breakfast war mit einem Stück Pappe abgedeckt. Der CD-Spieler auf dem Sideboard bei der Tür übertönte mit Billie Jo Spears´ Blanket On The Ground, dem Lieblingssong seiner Eltern, das knirschende Geräusch des Kiesbelags der Garagenauffahrt unter Dans Schuhen. Sein Vater saß im Schaukelstuhl mit dem Gesicht zur Sonne. Er hatte seine Basecap ins tief ins Gesicht gezogen und döste. Seine Mutter auf der Bank las in einem Buch, ihre langen grauen Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Es musste ein interessantes Buch sein, von der Anwesenheit ihres Sohnes nahm sie keine Notiz. Für eine Minute betrachtete Dan dieses idyllische Stillleben. Die Blumenampeln rechts und links der Verandatreppe schaukelten sanft im Wind. Der Kaffeetisch war gedeckt, wie immer zierte ihn eine Vase mit frischen Blumen.
Dan hob seine Stimme: „Wer, glaubt ihr, wird im nächsten Jahr das Iditarod gewinnen?”
Dans Mutter schreckte hoch und schaute in seine Richtung. Sie hielt sich eine Hand vor die Augen als sie zusammensackte und tief durchatmete.
„Gott gütiger .... Dan. Irgendwann bringst du mich noch ins Grab.”
Dan lachte. Schon als Kind freute er sich diebisch, wenn er auf diese Art Sachen zum fliegen brachte. Er nickte zu seinem Vater und sagte leise zu ihr: „Der alte Seebär pennt wieder tief und fest? Neben ihm kann eine Bombe einschlagen und er würde sich nur über das Loch im Vorgarten wundern.”
„ ..... in dem ich dich dann begrabe.” Sein alter Herr blinzelte lächelnd mit einem Auge herüber. „Willkommen zu Hause, Sohn.”
Mit einem Satz nahm Dan die drei Stufen zur Veranda, stellte seine Tasche beiseite und begrüßte seine Eltern mit einer Umarmung.
„Wie war der Flug?”
„Wie Flüge so sind, Dad. Langweilige Filme und schlechtes Essen.”
„Ich werde dir besser eine Tasse holen”, sagte seine Mutter.
„Lass nur, Gloria. Ich wollte mir sowieso gerade meinen Tabak holen. Setz dich, mein Junge. Deine Mutter hat zur Feier des Tages wieder einen ihrer legendären Erdbeerkuchen gebacken.”
Die Eltern bombardierten den Heimkehrer sogleich mit Fragen. Vierzehn Tage lang hatte Dan den Yellowstone Nationalpark erkundet. Zu Fuß, wie er betonte. Die Familie betrachtete die Diashow auf Dans Laptop, die er immer wieder für kurze Kommentare unterbrach.
„Sehr schöne Fotos, mein Sohn. Von den Bisons hätte ich gern eine Vergrößerung, wenn das geht.”
„Da kommen noch bessere, Mum. Wenn ich heute darüber nachdenke, dann ist es schon lang her, dass ich so viel umhergewandert bin. Ich glaube, ich sollte mich hier auch wieder ein paar Tage in die Büsche schlagen.”
„Du und deine Tiere”, witzelte Gloria.
„Yup, Ma`am. Nach den letzten Wochen brauchte ich etwas Ehrliches um mich.”
Dan provozierte seine Eltern absichtlich. Ihm fehlte das letzte Quäntchen Wärme nach dem Wiedersehen: Der sonst gewohnte intensive Augenkontakt zwischen ihm und seiner Mutter, den sein Vater im Spaß immer als Flirterei bezeichnete. Dan vermisste diese freundlichen grünen Augen und die Wärme, die sie austrahlten. Sie wich seinen Blicken gekonnt aus und er spürte, dass irgend etwas nicht stimmte. Verglichen mit der Heimkehr in den vergangenen Jahren, fühlte sich Dan heute wie auf einem Staatsempfang. Aber er spielte mit.
„Gleich am zweiten Tag machte ich eine Tour per Bus,” berichtete er, „wir hatten Glück mit dem Wetter und sahen sogar ein Rudel Wölfe, die einen Wapiti erlegt haben. Eine Familie aus Boston saß zwei Reihen hinter mir. Deren Kinder fragten ihre Eltern, was das für Tiere seien. Ihr Vater meinte, das seien Füchse. Unser Guide biss sich fast die Unterlippe ab. Ab dem dritten Tag bin ich allein los marschiert.”
„Diese Städter kommen schon auf seltsame Gedanken,” lachte Gloria und wandte sich an Dans alten Herrn: „Elias, erinnerst du dich noch an die beiden Typen aus Atlanta?”
Der verschluckte sich vor Lachen am Rauch seiner Pfeife und kämpfte gegen den Husten.
„Wie könnte ich die je vergessen, Gloria.” Wieder lachte er und berichtete seinem Sohn: „Lass dir erzählen, mein Junge. Es waren zwei junge Burschen so um die Dreißig, zum ersten Mal in Alaska. Sie waren im letzten Herbst eine Woche bei uns. Einmal wollten sie eine Tagestour durch die Wälder an der Excursion Ridge machen. Deine Mutter packte ein Lunchpaket und nahm dafür den kleinen orange-grünen Rucksack, den sie mir zum Geburtstag schenkte. Die Leute kamen ja nur mit zwei Reisetaschen hier an. Es war ein schöner Rucksack, viele Taschen. Wasserdicht. Er schwamm sogar. Ideal zum Fischen. Also, die gingen morgens los und kamen schon mittags vollkommen außer Atem hier an. Ohne Rucksack. Sagten, ein Bigfoot hätte ihn gestohlen während sie Holz für ein Feuer sammelten.”
Dan sah die beiden an und lachte los: „Ein Bigfoot?”
Elias und Gloria hatten Tränen in den Augen vor Lachen. Sie fuhr fort: „Ja. Und als sie wegliefen, soll ihnen das Biest brüllend gefolgt sein. Ich muss Dir ja nicht erzählen, was danach hier im Ort los war. Alle Leute hatten tagelang dieses Grinsen im Gesicht. Man wollte es schon für die Touristen vermarkten. Den Rucksack sahen wir nie wieder.”
„Und was wurde aus den Burschen?”
„Keine Ahnung, Dan. Jeder im Ort machte Witze über die Typen. Entnervt reisten sie zwei Tage später ab.”
„Oh Gott,” Dan versuchte, sich das Erzählte bildlich vorzustellen und konnte nicht aufhören zu lachen. „Jake hat sicher seine Freude dran gehabt. Was macht er? Ich sah am Flugplatz seine Cessna.”
Es wurde still am Kaffeetisch. Gloria und Elias sahen ihren Sohn mit versteinerten Minen an. Elias atmete tief durch und begann, seine Pfeife zu stopfen. Dan sah abwechselnd in die Gesichter der alten Herrschaften.
„Elias,” sagte seine Mutter leise mit bittendem Unterton.
Dans Vater nahm einen tiefen Zug aus der eben angezündeten Pfeife.
„Nun ja, mein Junge”, eröffnete er zögernd, „wie du weißt, bin ich kein Freund langer Reden. Jake ist vor gut zwei Wochen auf dem Brady-Gletscher in eine Spalte gestürzt. Vier Tage lang haben sie nach ihm gesucht. Ohne Erfolg. Tut mir leid, Dir das sagen zu müssen, mein Junge.”
Dan glaubte, sich verhört zu haben und wiederholte die letzten Sätze in Gedanken. Elias wich dem starren Blick seines Sohnes aus und senkte sein Haupt. Man sah ihm an, dass es ihm selbst weh tat. Dan wischte sich mit einer Hand übers Gesicht und atmete tief durch.
„Er flog an dem Tag morgens mit vier Touristen los, die eine Wanderung auf dem Gletscher machen wollten. Auf dem Weg zum Flugplatz kam er noch auf einen Kaffee zu uns herein und erzählte uns freudestrahlend von einer E-Mail von dir und dass du bald heimkommen wirst. Das war zwei Tage nachdem du uns angerufen hast.”
Gloria setzte sich zu ihrem Sohn und nahm seine Hand.
„Wir hatten Dir Bescheid geben wollen, Dan. Aber jedes Mal, wenn wir deine Nummer wählten, kam dieses `Die Person, die Sie anrufen, ist vorübergehend nicht erreichbar´. Oh, Dan.Es tut mir so leid.”
„Ist schon okay, Mum. Ich hatte es mir ja so ausgesucht, einmal weg von Allem zu sein. Scheiße. Schwer zu glauben, dass gerade er ….. Ich meine, er kannte da oben jeden Quadratmeter.”
„So ist das Leben, Sohn. Ich hab es draußen auf See mehr als einmal erlebt. Eben machst du mit dem Mann neben dir Witze und ein Brecher reißt ihn im nächsten Moment auf Nimmerwiedersehen vom Schiff. Auch wenn es hart klingt, was ich jetzt sage: Irgendwann ist jeder an der Reihe. Leider trifft es ab und zu auch die Menschen, denen man nah steht.”
”Elias. Bitte.”
„Dad hat Recht, Mum”, sagte Dan und legte den Arm um sie. „Wie geht es Melissa?”
„Sie nahm es sehr gefasst auf. Das arme Ding.”
Wieder wischte sich Dan mit der Hand übers Gesicht. Niedergeschlagen und teilnahmslos saß Dan zwischen seinen Eltern, seine leerer Blick wanderte ohne Ziel über den Tisch. Er hörte wie die alten Herrschaften weiter redeten. Aber das klang verdammt weit weg, als ob sie vom anderen Ende eines langen dunklen Tunnels zu ihm sprächen.
„DAN!”
Er schreckte hoch und fragte leise: „Was?”
„Hast du gehört?”
„Was, Mum?” „Ich sagte, wir gehen ins Haus und bereiten das Abendessen vor. Brauchst du noch etwas?”
„Danke, ich brauch nichts. Geht nur.” Dan lächelte zaghaft wie ein schüchterner Teenager.
„Ruf sie wenigstens an.”
„Nein.....nein. Ich fahre morgen früh zu ihr. Das ist besser.”
Seine Gefühle saßen immer noch in dieser Achterbahn, als Dan nach dem Abendessen allein durch seinen Geburtsort ging. Alles um ihn herum kam ihm fremd vor. Nicht einmal der farbenprächtige, fast kitschige Sonnenuntergang vermochte ihn zu wärmen.
Für die zwölf Meilen zum Haus der Turners an der Rink Creek Road lieh sich Dan am nächsten Morgen das Auto seiner Eltern. Er musste den Flugplatz auf der Wilson Road nördlich umrunden. Ein paar Meilen ging es schnurgerade durch bewaldetes Gebiet; vorbei an einzeln stehenden Häusern und einer kleinen Kirche. Er kannte Jakes Tochter Melissa seit ihrer Geburt. Die beiden trennten zehn Jahre und sie pflegten ein geschwisterliches Verhältnis. Trotzdem grübelte Dan, wie er ihr begegnen und, vor allem, was er sagen sollte. Er hatte vor fünfzehn Jahren hautnah miterlebt, wie ihre Mutter den Kampf gegen den Krebs verlor. Damals war Melissa gerade Volljährig geworden. Jetzt stand Dan wieder vor dieser Situation. Gedankenverloren steuerte er den Mazda PickUp durch den Wald. In buchstäblich letzter Sekunde konnte er einem Elch ausweichen, der in lockerem Trab aus dem Dickicht kam und die Straße überquerte, als sei es das Normalste auf der Welt. Okay, in Gustavus war es das Normalste auf der Welt. Und ebenso normal war es, dass die großen Hirsche sogar am helllichten Tag liebevoll angelegte Gemüsegärten plünderten. Dan trat voll auf die Bremse und rief dem Tier durch das geöffnete Fenster eine nicht jugendfreie Beleidigung hinterher.
Minuten später parkte er vor dem alten Holzhaus, das aus den wuchtigen Stämmen alter Douglasien erbaut wurde. Melissas Großeltern erschufen diese Farm gegen Ende der zweiten Dekade des letzten Jahrhunderts. Das junge Ehepaar aus dem Süden folgte dem Ruf der Wildnis und blieb nach langer Reise am Strawberry Point hängen. Die drei bleichen Elchgeweihe über der Haustür gehören zu den letzten Zeugen einer Zeit, in der hungrige Bären die kleinen Rinderherden der ersten Siedler dezimierten oder ein untergehendes Schiff mit der gesamten Ernte an Bord die jungen Existenzen bedrohte. Vor dem Haus gab es ein kreisrundes, mit kleinen Findlingen eingegrenztes Blumenbeet, in dessen Mitte ein Flaggenmast stand. Die Gebäude des Flugplatzes jenseits des angrenzenden Feuchtgebiets konnte man von hier aus gut erkennen. Gedämpftes Jaulen von Hunden erfüllte die Luft. Drinnen reagierte niemand auf sein Klopfen an der Haustür. Die leichte Brise sog eine Gardine aus einem geöffneten Fenster. Dans "Hallo? Jemand zu hause?" verhallte ungehört im Haus. Das Hundegejaul nahm für einen Augenblick an Lautstärke zu. Die Dielen der Veranda, welche das Haus zur Hälfte umrahmte, ächzten unter seinen Schritten, als er zur Rückseite des Hauses ging. Der Geruch von Holzschutzmittel umgab ihn. Melissa musste daheim sein. Der Schuppen unter den Bäumen neben dem Haus stand offen, darin sah er ihren rotgrauer Chevy Blazer.
Er lehnte an einem der Dachpfosten, fischte eine Zigarette aus der Brusttasche seiner Jacke und sah sich um. Zwanzig Meter hinter dem Haus begann die große Pferdekoppel. Links davon standen zwei Ställe. Den Farmbetrieb gab Jake Turner nach dem Tod seines Vaters 1974 endgültig auf, denn schon als Jugendlicher hatte er schneller das Öl eines Flugzeugmotors gewechselt als eine Kuh gemolken. Der dem Wohnhaus nähergelegene ehemalige Kuhstall beherbergt heute eine Tierarztpraxis, der andere rechts davon dient den Pferden als Nachtlager. An drei Seiten umgibt dichter Wald das Anwesen. Im Süden erlaubte offenes Gelände Blicke bis zum Horizont.
Grinsend beobachtete Dan Melissa, die vier Schlittenhunde fütterte. Sie zerrten an ihren Ketten und jeder versuchte die anderen mit seinem Gejaule zu übertönen. Die Hunde waren an Holzpflöcke gekettet, die kreisförmig angeordnet mit ein paar Metern Abstand zueinander standen. Um Raufereien zu verhindern, war jede der Ketten so bemessen, dass die Tiere etwas umher laufen, sich aber nicht berühren konnten. Drei Pferde standen am Zaun der großen Weide und sahen dem Treiben zu.
„Jaaa, ihr bekommt alle das Gleiche, Freunde. Also lasst euer Gejammer. Das zieht bei mir sowieso nicht”, sagte sie laut, um die Hunde zu übertönen.
Einer der Hunde wollte ihre Aufmerksamkeit erlangen, indem er versuchte, von hinten an ihr hoch zu springen. Klirrend spannte sich seine Kette und er stand auf den Hinterbeinen. Die schmutzigen Vorderpfoten hinterließen Abdrücke auf Melissas Jeans.
„Verdammtes Vieh!” brüllte sie. Aus der Drehung heraus packte sie den Übeltäter im Nacken und schüttelte ihn kurz und kraftvoll. Vielleicht lag es an Melissas rauher lauter Stimme, die jedem Drill Instructor einer Ausbildungskompanie zur Ehre gereicht hätte, oder dem heftigen Körpereinsatz der 1,85 großen, schlanken Brünetten. Nun war klar, wer hier der Boss war und der Hund brachte wimmernd mit eingezogenem Schwanz Abstand zwischen sich und der resoluten Tierärztin.
„Mit der Nummer solltest du im Zirkus auftreten”, rief Dan.
Sie sah zu ihm herüber und lächelte. „Wie lange stehst du da schon?”
„Lang genug, um festzustellen, dass du die Lage nicht im Griff hast. Irgendwann endest du als Huskiefutter.”
„Du solltest zum Optiker. Das sind Malamutes. Wenn du es besser kannst, dann komm her und hilf mir.”
Dan hielt die Hände abwehrend vor sich. „Kein Bedarf.”
„Setz dich, ich bin gleich bei dir.”
Er setzte sich an den Tisch, auf dem eine Thermokanne und zwei Kaffeebecher standen und schenkte sich von dem heißen Kaffee ein.
„Hast du mich erwartet?” fragte er.
„Buck hat dich gestern auf dem Flugplatz gesehen.”
Dan grinste kopfschüttelnd. „Also funktioniert die Alarmierungskette noch?”
„Wie in alten Zeiten. Ich hatte gestern schon mit dir gerechnet.”
Melissa beendete die Fütterung und setzte sich zu ihrem Gast. „Die reinsten Energiebündel,” schnaufte sie. Er nickte zu den Hunden.
„Deine?”
„Patienten aus Haines. Für ein eigenes Gespann fehlt mir die Zeit.”
„Nachdem, was mir meine Eltern gestern erzählten, hielt ich es für besser, eine Nacht drüber zu schlafen. Mein Beileid, Melissa. Tut mir leid, dass ich nicht zu erreichen war. Wie geht es dir?”
Sie winkte ab. „So lala. Ich hab genug in der Praxis zu tun. Nur wenn ich abends das Licht ausmache..... Na ja. Und mach dir keine schlechten Gedanken. Was hätte es geändert, wenn du eine Woche früher hier gewesen wärst?”
„Hast Recht. Wie ist es passiert?”
„Mister O´Bannion rief hier morgens um halb acht an und fragte, ob Vater Zeit hätte und mit vier Leuten eine Tour auf dem Brady-Gletscher machen könnte. Es ist ja noch nicht viel los. Also sagte Dad zu. Die Rechnungen müssen schliesslich bezahlt werden. ”
„Yup. Was hat dieser O´Bannion mit dir zu schaffen? Als ich mir gestern Jakes Maschine ansah, wollte er sie mir prompt verhökern.”
„Er hat Harolds Werkstatt übernommen und ich blöde Kuh hab mich von ihm bequatschen lassen,” sagte Melissa kleinlaut, „er rief mich letzte Woche an, als bekannt wurde, dass nicht weiter nach Dad gesucht wird. Fragte, ob ich die Maschine verkaufen möchte. Ich weiß, es klingt überstürzt und.... ”
Sie wischte sich mit dem Handrücken eine Träne von der Wange und zündete sich eine von Dans Zigaretten an. „Ich hänge zwischen zwei Stühlen, Dan. Einerseits mag ich die Hoffnung nicht aufgeben, aber es wird mir nichts anderes übrig bleiben, als Dads Tod zu akzeptieren.”
„Yup. Scheiß Situation. Verdammt schwer zu glauben, dass gerade Jake....” Dan unterbrach sich und sah in Melissas Augen. „Du würdest am liebsten eine Palisade um das Haus ziehen. Oder?”
Sie lächelte und nickte.
„Naja. Die Anteilnahme im Ort ist nett gemeint, aber wenn man zwei Wochen lang die selben Reden hört.......”
Statt einer Antwort legte er seinen Arm um sie und zog sie zu sich heran.
„Das ist besser”, sagte sie leise mit rauchiger Stimme und schmiegte sich fest an ihn.
„Also Themawechsel, du Globetrotter. Wie geht´s dir und wie war es da draußen?”
„Besser als in meiner letzten Mail. Die Zeit in den Lower 48 war klasse. Ich war im Yellowstone.”
„Wow.”
„Yup. Die Fotos zeige ich dir, wenn Gloria und Elias mein Laptop heile lassen. Sind ein paar schöne dabei.”
„Die berühmte Auszeit?”
Dan lachte. „Genau. Und gestern, gleich nach meiner Ankunft in Juneau, traf ich Jerry....”
„Ach, das ist schön. Hab seit Monaten nichts von ihm gehört. Wie geht es ihm und Debbie?”
„Er hat einen neuen Job. Auf dem Flugplatz im Cargo. Er schien zufrieden mit dem Job zu sein. Halt Dich fest. Er wird Vater.”
„Oh. Das ist wirklich eine gute Neuigkeit.”
„Doch, ja. Im September soll es soweit sein. Er und Debbie sahen sehr glücklich aus. Ich sehe ihn morgen. Er wollte sich für mich nach einem Job umhören.” Dan nahm einen Schluck Kaffee aus seiner Tasse und fuhr fort: „Was hältst Du davon, wenn ich den Vogel mitnehme? Vielleicht erreicht Jerry drüben mehr.”
„Wäre fabelhaft, wenn du mir das abnehmen könntest. Dieses Getue um das Flugzeug nervt nur noch. Du willst sie nicht haben?”
„Wir würden uns bestimmt einig. Aber nach meinem letzten Crash....”
Sie lachte. „Verfolgt dich das immer noch?”
Er sah sie etwas zerknittert an und sie entschuldigt sich.
„Glaub mir, Mel. Ich bin in einem Hubschrauber besser aufgehoben.”
„Also wenn ich nach jedem Fehler …. Ach. Ist ja auch egal. Deine Entscheidung. Ich hole dir eben die Unterlagen.”
Gegen Mittag betrat Dan sein Elternhaus. Auf dem Küchentisch fand er einen Teller mit Sandwiches und eine Thermokanne mit Kaffee, daneben lag ein Zettel mit der Aufschrift gone fishing. Er ließ sich zum Lunch auf der Veranda nieder und studierte den Inhalt der Mappe, die er von Melissa erhielt. Das Wetter im Panhandle von Alaska zeigte sich von seiner besten Seite. Die Sonne schien. Die Fichten am Haus wiegten sich knirschend im nach Nadelwald riechenden Wind und er hörte die Rufe der ziehenden Kraniche und Wildgänse über dem Ort. Er ging mit seiner Tasse in den Vorgarten und beobachtete die Zugvögel, die am weißblauen Himmel in Keilformation hinüber zu den Crane Flats flogen.
`Endlich. Der Sommer kommt´ dachte Dan. Man konnte den Eindruck gewinnen, als würden die Vögel ihn zu sich rufen.
„Okay Freunde. Ihr habt mich überredet. Airtime!” sagte er zu sich selbst.
Schnell trug er sein Gedeck in die Küche. Auf dem Tisch sah er wieder den Zettel mit der Nachricht seiner Eltern. Er kritzelte gone flying - see you later auf die Rückseite und legte die Wagenschlüssel daneben.
„Miss Turner rief mich heute vormittag an. Hätte ich gestern gewusst, wer Sie sind....” Mr. O´Bannion unterbrach sich selbst, als er die Schlüssel für die Cessna aus einem großen Stahlschrank holte. Dan sah sich im Büro um. Es roch frisch renoviert und war mit modernen Möbeln eingerichtet. Hinter dem großen Schreibtisch, der wie eine Festung im Raum, stand ein schwerer Ledersessel. Nichts erinnerte an den Vorbesitzer Harold Checkley. Harold führte die Werkstatt mehr als vierzig Jahre lang und war einer der Typen denen man nachsagte, dass sie in ihrem Overall schliefen und aus einer Coladose einen neuen Spinner dengeln konnten. An den Wänden von Harolds Büro, welches beim Besucher mehr den Eindruck einer Coffeebar hinterließ, hatte er dutzende selbst geschossener Fotos von seinen Kunden und ihren Maschinen.
Nun war alles in einem cremefarbenen Ton gestrichen und hatte den Charme einer Arztpraxis.
„Dann sind wir quitt,” erwiderte Dan freundlich.
„Mussten Sie erst Erkundigungen über mich einholen?”
„Ich pflege, den Umgang mit meinen Mitmenschen nicht auf Klatsch und Tratsch Dritter aufzubauen.”
Die Menschen am Strawberry Point kannten einander. Das ihm diese Erkundigungen früher oder später sowieso zugetragen wurden, erwähnte Dan nicht.
„Das spricht für Sie,” sagte Mr. O´Bannion und stieß einen leichten Seufzer aus, als er Dan die Schlüssel überreichte. „Schade. Gestern Nachmittag meldete sich noch ein Interessent, aber da Miss Turner das Flugzeug nun an Sie verkauft hat.... Sie erzählte mir, dass Sie ein Freund der Familie sind. Mein aufrichtiges Beileid. Ich habe Jake Turner als einen freundlichen und hilfsbereiten Menschen kennengelernt. Naja, gegen dieses Band kommt man natürlich schwer an. Ich wünsche Ihnen trotzdem alles Gute mit der Maschine.”
Dan biss sich auf die Unterlippe. "An Sie verkauft" dachte er und fand, dass Melissa etwas zu sehr aufgetragen hatte.
„Wann haben Sie Mr. Checkleys Werkstatt übernommen?”
„Vor gut zwei Monaten. Davor hatte ich einen ähnlichen Betrieb unten in Minnesota.”
„Und jetzt versuchen Sie ihr Glück in Alaska?”
Mister O´Bannion lachte, dass sein Bauch und sein Doppelkinn bebten. „Vielleicht hab ich ja mehr Glück als die Pioniere vor hundert Jahren.”
Aus Höflichkeit lachte Dan über diesen havarierten Witz.
„Dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg bei Ihrer Goldsuche, Mister O´Bannion.”
Dan verabschiedete sich mit Handschlag und verließ Mister O´Bannions Büro mit einem "Willkommen in Alaska" auf den Lippen.
Sanft strich Dan mit einer Hand über den Copilotensitz und sah sich in der Maschine um. Schwer lag der Geruch von Reinigungsmitteln in der Kabine. Minutenlang saß er still und nachdenklich da, als ihn plötzlich eine laute Stimme aus seinen Gedanken riss.
„Ich hoffe, Sie haben die Gebühren für den Schrotthaufen für drei Tage im Voraus entrichtet. Andernfalls leg ich den Vogel an die Kette.”
Dan hielt sich eine Hand vor die Augen, schüttelte den Kopf und begann zu lachen. Wieder ertönte diese laute Stimme: „LOS! RAUS DA!”
Dan brüllte in gleicher Manier zurück: „Ein Finger an der Maschine und Sie bekommen `ne Menge Ärger, Mister.”
Ein kleiner untersetzter Mann im T-Shirt sprang vor die offene Cockpittür. Seine mit Schmutzflecken übersäten Jeans-Shorts gaben den Blick auf weiße Beine frei. Aus den Treckingschuhen quollen derbe bräunliche Wollsocken. Seinen Kopf bedeckte er mit einer verschlissenen Basecap der Tampa Bay Buccaneers. Der quirlige Mittfünfziger mit dem Babyface zuckte immer wieder mit den Schultern und winkte Dan mit beiden Händen zu sich. Dabei tänzelte er herum wie Muhammad Ali in seinen besten Jahren.
„Na los! Raus mit dir, Pilger!” forderte der Typ Dan erneut auf. „Wollen doch mal sehen ob du mit deinen Fäusten genau so flink bist wie mit deinem großen Maul.”
Dans Miene verfinsterte sich, seine Augen waren nur noch Sehschlitze. Mit einem Satz sprang er aus dem Flugzeug und holte mit seiner Rechten zum Schlag gegen das Kinn seines Gegners aus. Der kleine Mann wich geschickt mit dem Kopf aus und und holte ebenfalls mit seiner Rechten zum Gegenschlag aus. Seine Faust stoppte vor Dans Bauch. Die beiden Männer hielten inne und sahen sich an.
„Immer noch die gleiche dumme Taktik. Du lernst es nie, Miller.”
Dan lachte und umarmte das kleine Großmaul.
„Buck. Schön dich zu sehen.”
„Freut mich auch, Dan,” sagte Buck, der mit richtigen Namen Michael Buchanan hieß und seinen Lebensunterhalt als Flugplatzmanager in Gustavus verdiente.
„Du hättest mich gestern ruhig zur Seite ziehen können.”
Buck hielt beide Hände abwehrend vor sich und lachte.
„Ich wollte deine Flirterei mit unserem irischen Prachtjungen nur ungern unterbrechen,” sagte er und betrachtete das Flugzeug. „Dann ist Jakes Kutsche ja nun in den richtigen Händen.”
„Na mal schauen, Buck. Ich wollte sie gerade durchsehen und mit ihr morgen nach Juneau fliegen.”
„Okay. Ich helfe dir. Ziehen wir den Bussard in meinen Hangar.”
Dankend nahm Dan Bucks Vorschlag an und im Hangar machten sich die Männer sofort an die Arbeit.
„Weißt du,” sagte Buck mit gepresster Stimme, als er die Motorhaube öffnete, „ich sprach vor einer halben Stunde mit Melissa. Sie findet es sehr traurig, dass du den Vogel nicht haben willst.”
„Und jetzt sollst du mich zur Vernunft bringen?”
„Nein. Cowboy. Jeder ist seines Glückes Schmied.”
„....aber nicht jeder Schmied hat Glück. Ist jemand mit der Maschine geflogen, nachdem Jake ....?” fragte Dan, der das Fahrwerk überprüfte. Er fand in den Radschächten der Schwimmer etwas Erde, Tannennadeln und Reste von Laub. Er zerrieb etwas davon mit den Fingern und roch daran.
„O´Bannion hatte den Vogel vor ein paar Tagen jemandem vorgeführt. Hab aber keine Ahnung, wo die waren. Hey, was meinst du mit: Nicht jeder Schmied hat Glück? Willst du mich verarschen, Junge? Hey, wie lange kennen wir uns? Na?”
Dan überlegte kurz. Buck zog die Packung Lucky Strike aus seinen Shorts und hielt sie Dan hin. Der sah kurz zur Wand.
„Die Schilder sind für die FAA. In meinem Hangar mach ich, was ich will,” sagte Buck. Dan fingerte sich eine Zigarette aus der Schachtel und zündete sie an.
„Bestimmt schon dreißig Jahre.”
„Ja. Verflucht. Dreißig verdammt lange Jahre. Glaub es! Einen Richtigeren gibt es nicht.”
Dan grinste. Bucks Flucherei ließ kaum den Schluss zu, dass er an manchem Sonntag als Laienprediger in der Kanzel stand. Kopfschüttelnd ging Buck zur Werkbank und murmelte `Nicht der Richtige´.
Er fuhr herum, sein Ton wurde schärfer: „Glaubst du ernsthaft, dass du der Erste gewesen bist, der sein Flugzeug auf den Rücken gelegt hat?”
Dan verdrehte genervt die Augen.
„Gott. Nicht schon wieder die Nummer, Buck.”
„Jaaa, jaaa, jaaa”, bellte der zurück und zeigte mit einem Schrabenzieher auf Dan. „Genau die Nummer, Cowboy! Du kennst doch Rowdy Thompson!”
„Jaaa”, maulte Dan zurück. „Er stürzte vor langer Zeit am Chilkat River ab und......”
„Pah, kalter Kaffee. Über den Stunt kann er heute lachen. Im letzten Herbst hat es ihn genauso erwischt wie dich damals. Er flog zum Adams Inlet, um zwei Wanderer aufzusammeln. Die gleiche Scheiße: Fahrwerk vergessen und ...RABUMM ... trieb seine Beaver auf dem Dach.”
„Davon hatte ich keine Ahnung. Ausgerechnet Rowdy. Der ist doch bestimmt schon....”
„Einundsiebzig,” unterbrach Buck Dan erneut. „Okay, seine Passagiere überprüfen in Gedanken ihr Testament, wenn er mit seinem Gehstock angehumpelt kommt. Aber einmal in der Luft können selbst die Adler noch von ihm lernen.”
„Und was hat das mit mir zu tun?”
„Du bist aus dem gleichen Holz wie Rowdy und Jake. Dan. Ich werde nie vergessen, wie Jake dich als Teenager die Mühle hat fliegen lassen. Er war so verdammt stolz auf dich. Versuch es wenigstens und schmeiß nicht Alles über den Haufen, bloß weil du einmal etwas weniger Glück hattest als andere. Die Fliegerei hier oben ist nun mal kein Sonntagsausflug und auch die Besten haut es irgendwann aus dem Sitz.”
Dan dachte über Bucks Worte nach, als sie stumm an der Cessna weiterarbeiteten. Nach einer knappen Stunde schoben sie das Flugzeug in´s Freie.
„Also. Was willst du machen?” Buck ließ nicht locker.
„Erstmal einen Probeflug und morgen geht´s nach Juneau.”
„Deine Entscheidung.”
Buck hielt an seinem ausgestreckten Arm einen Daumen hoch und peilte mit einem Augen in den Himmel. Dann steckte er einen Zeigefinger in den Mund, hielt ihn in die Luft und machte eine halbe Drehung. Dan sah Buck abwartend zu.
„Also Wind kommt aus der Richtung,” sagte Buck und wies nach Westen, „ und die Wolken werden dich auch nicht ärgern. Sieh zu, dass du wegkommst.”
Die Freunde lächelten sich an und Dan stieg ins Flugzeug.
„Dan?”
„Was gibt´s noch?”
„Port Frederick ist `ne gute Stelle. Wenig Publikum”, sagte Buck augenzwinkernd.
Vierzig Minuten später war Dan über Port Frederick, einer Bucht südwestlich von Hoonah. Der Lycoming schnurrte wie ein Kätzchen, dem man liebevoll den Nacken kraulte. Es war kein Flugzeug zu sehen, nicht mal Boote waren hier unterwegs.
"Ein perfekter Tag" dachte Dan und pfiff die Melodie von Joe Satrianis `Flying In A Blue Dream´. Die Wasserfläche unter ihm glitzerte in der Nachmittagssonne. Ein paar Möwen hoben sich von der Sonne angestrahlt wie Schneeflocken vor den bewaldeten Berghängen ab. "Dann mal los". Er verminderte die Motorleistung, setzte die Klappen und schob den Yoke nach vorn. Kurze Zeit später pflügten die Schwimmer durch die Wellen. Dan gab wieder Vollgas, meckernd schnitten die Blätter des Hartzell-Propellers die Luft. Nach wenigen hundert Metern war das Flugzeug wieder in der Luft. Dreimal wiederholte er dieses Splash`n´go, dann ließ er die Maschine auf dem Wasser ausgleiten und stellte den Motor ab. Sein Rücken schmerzte ein wenig, denn zweimal setzte er den Vogel hart auf.
Die Cessna trieb in der Bucht. Rauchend stand er auf dem Schwimmer, an die warme Motorhaube gelehnt, und ließ die Zeit seit seiner Ankunft in Gedanken Revue passieren. Es fühlte sich immer noch so an, als sei er auf dem falschen Planeten gelandet. In einiger Entfernung stieß ein Weißkopfseeadler vom Himmel herab und fing einen Fisch aus dem kalten Wasser.
`Angeber´, dachte er und sah dem Greifvogel nach, der mit einem triumphierenden Schrei und seiner zappelnden Beute in den Fängen zum nahen Ufer flog. Dort am Ufer erregte noch etwas anderes seine Aufmerksamkeit. Treibholz lag ein paar Meter über dem Wasserspiegel. Dan sah auf seine Uhr.
„Was bin ich für ein elender Idiot”, schimpfte er mit sich selbst. Er sah in Gedanken die Schlagzeilen auf dem Titelblatt des Fairweather Reporter: Sohn eines Seemanns mit Wasserflugzeug in Seenot!
Die Flut hatte längst wieder eingesetzt und in Port Frederick ist ein Tidenhub von sechs bis sieben Metern durchaus normal. Millionen Kubikmeter Meerwasser werden bis in den letzten Winkel dieses Meeresarms gepresst und oft bildeten sich in der starken Strömung Strudel, die für kleinere Wasserfahrzeuge zum Problem werden konnten. In unregelmäßigen Abständen hörte er ein leises Schnaufen. Bevor er wieder startete, suchte Dan die Wasserfläche mit einem Fernglas ab.
„Also doch”, sagte er zu sich, als er in rund einem Kilometer östlich von seiner Position kleine Kondenswolken dicht über der Wasseroberfläche ausmachte. Wale zogen in der Bucht umher. Dan vermutete, dass es Minkwale waren. Aufmerksam verfolgte er ihren Zugweg, denn eine Kollision mit einem dieser bis zu zehn Meter langen Zwölftonner ist alles andere als amüsant.
Bald rollte die Stationair auf das Vorfeld des nahen Flugplatzes von Hoonah. Er erinnerte sich an ein Lokal in dem Ort, der in der Sprache der Tlingit-Indianer "Dorf auf den Klippen" bedeutet, wo es die besten Caribouwürstchen des Panhandles gab.
Auf dem Parkplatz bemerkte er ein Pärchen, das auf dem Boden kauernd über einer ausgebreiteten Landkarte gebeugt in einer fremden Sprache diskutierte. Sie trugen farbenfrohe Outdoorbekleidung eines namhaften Herstellers, neben ihnen standen zwei Rucksäcke, eine Reisetasche und eine Umhängetasche für Fotoausrüstung der gleichen Marke.
„Kann ich Ihnen helfen?” fragte Dan höflich. Er blickte in zwei freundlich lächelnde asiatische Gesichter.
„Sehr freundlich, Sir”, sagte der Mann während sich die Frau still verneigte.
„Wir haben wohl Pech mit unserem Flug gehabt,” erklärte der Mann, „oder besser: Wir haben bestimmt unsere Uhren falsch gestellt. Wie spät ist es?”
„Sechzehn Uhr zwanzig.”
Der Fremde sah auf seine Uhr.
„Fünfzehn Uhr zwanzig. Mein Fehler”
Das Lächeln wich und kleinlaut sah der kurzhaarige Asiate zu Boden. Fast schien es, als würde er sich für diesen Fehler schämen.
„Das mit der Daylight Time passiert selbst uns Einheimischen,” sagte Dan und hoffte, einen aufmunternden Ton getroffen zu haben. „Hierzulande rätseln die Menschen jedes Jahr auf´s Neue, ob die Uhren nun eine Stunde vor oder zurück gestellt werden müssen.”
„Dann musste unser Pilot glauben, dass wir nicht mehr an einem Flug interessiert sind.”
Der Asiate sprach mit seiner Frau in deren Landessprache. Ihr Lächeln wich und auch sie machte nun einen enttäuschten Eindruck. Dan hörte zu, obwohl er nichts verstand und auch nicht deuten konnte, um welche Sprache es sich handelt.
Doch glaubte er, einen bekannten Namen herausgehört zu haben.
„Entschuldigung, Sir. Sagten Sie gerade Bartlett Cove?”
„Ja,” antwortete der Tourist zögernd und überrascht zugleich.
„Nun. Wenn Sie es wünschen, kann ich Sie gern nach Bartlett Cove fliegen.”
„Das können wir nicht verlangen, Sir.”
„Es macht wirklich keine Umstände. Wissen Sie, ich komme aus Gustavus und habe hier nur eine Zwischenlandung gemacht um etwas zu essen,” erklärte Dan.
„Das ist zu freundlich und doch habe ich ein schlechtes Gewissen, dass Sie ihre Pläne für uns ändern. Wieviel verlangen Sie?”
Dan rechnete. An vieles hatte er heute gedacht, bestimmt nicht an zahlende Gäste. Er bot die Passage für einhundert Dollar an. So wären wenigstens die Kosten für den verbrauchten Treibstoff gedeckt.
Der Mann übersetzte das Gesagte für seine Begleiterin. Sie schien sehr überrascht und sprach aufgeregt einige Worte. Wieder lächelte sie Dan an und verneigte sich vor ihm. Dem Piloten wurde die Szene nun etwas peinlich zumal das Trio die Aufmerksamkeit einiger Einheimischer erregte, die grinsend zu ihnen herüber sahen. Er drängte zum Aufbruch und bot an, deren Reisetasche zu tragen. Leicht ist etwas anderes, die Tasche zog an seinem Arm. Um so erstaunter sah Dan zu, wie diese zarte, fast zerbrechlich wirkende Frau scheinbar mühelos ihren schweren Rucksack auf ihre schmalen Schultern wuchtete, ohne vor Anstrengung das Gesicht zu verziehen. Er hatte keine Zweifel, dass sie selbst ihn mit seinen achtzig Kilo Lebendgewicht ebenso locker aus den Schuhen holen würde.
Das Pärchen nahm auf den Rücksitzen Platz und wurde von Dan mit Headsets ausgestattet. Sie unterhielten sich angeregt, als die Cessna zur Startbahn rollte.
„Der Berg dort links”, sagte der Mann zu Dan, „meine Frau sagt, er hat die Form eines Elefanten.”
„Ihre Frau hat einen scharfen Blick. Der Berg heißt auch Elephant Mountain.”
Wieder übersetzte der Mann Dans Worte, die Frau quittierte mit einem Kichern.
„Ich muss feststellen, Sie beherrschen unsere Sprache sehr gut. Woher kommen sie, Sir?”
„Meine Frau und ich kommen aus Shanghai.”
Dan flog kurze Zeit entlang des felsigen Nordufers der Chichagof Insel. Rechts von ihnen lag die Icy Strait und Pleasant Island, dahinter konnte man den Flugplatz von Gustavus sehen. Während des Fluges informierte Dan wie ein Reiseleiter seine Fluggäste über den Glacier Bay Nationalpark und gab ihnen Tipps für den Aufenthalt.
„Unter uns ist Point Adolphus, ich fliege nun eine Rechtskurve und in einigen Minuten können Sie Bartlett Cove sehen.”
Dan nahm sich Zeit für den Anflug und ließ die Cessna langsam sinken. Während seiner Zeit in Florida und Antigua hatte er sich angewöhnt, während eines Fluges seinen Passagieren jeden seiner Schritte zu erklären. Er hatte oft Menschen an Bord, die von Freunden oder Angehörigen zum "Abenteuer Rundflug" überredet wurden und mit diesem flauen Gefühl in der Magengegend einstiegen. Die Taktik ging mehr als einmal auf. Oft wollten gerade diese Menschen am Zielort wieder durchstarten oder buchten prompt für den nächsten Tag die gleiche Runde. Via Headset hörte Dan, wie jedes seiner Worte ins Chinesische übersetzt wurde.
Die Landung in Bartlett Cove zählte Dan nicht zu seinen Besten, aber doch besser und weniger brutal zu seinem Rücken als die Bocksprünge in Port Frederick. Er geleitete seine Passagiere über den schaukelnden Schwimmsteg an Land und trug wieder die schwere Reisetasche.
„Willkommen in Bartlett Cove,” sagte Dan, als sie wieder festen Boden unter den Füßen hatten.
Das Paar verneigte sich abermals vor Dan, dem diese Höflichkeiten schon langsam peinlich wurden. Der Mann griff in seine Jacke und überreichte ihm aus der Verbeugung heraus wortlos mit beiden Händen einen Umschlag. Auch Dan verneigte sich und nahm seinerseits den Umschlag mit beiden Händen entgegen. Die Frau sagte ein paar Worte auf chinesisch. Fragend sah Dan ihren lächelnden Gatten an.
„Möge der Abend mild und Ihrer Seele wohlgefällig sein”, lautete die Übersetzung.
„Vielen Dank. Ich wünsche Ihnen beiden einen schönen Aufenthalt in Alaska.”
Wieder verneigten sich die Asiaten bevor sie sich auf den Weg zum Besucherzentrum machten.
Dan sah ihnen einen Moment lächelnd nach und öffnete den Umschlag, nachdem das Paar im Besucherzentrum verschwand. Möwen zogen ihre Kreise über dem Anleger, an dem gerade ein Boot mehrere Waltouristen ausspuckte. Aus der Ferne war der satte Klang von Sternmotoren zu hören. Dan schenkte dem keine Beachtung, denn hier in Bartlett Cove war das vollkommen normal. Morgens wurden Wanderer von Buschpiloten irgendwo im Nationalpark ausgesetzt und nach Absprache abends wieder eingesammelt. Er stand rauchend am Steg und zählte das Geld nach.
`Hey, das ist doch viel zu viel´ dachte er und wollte seinen Fluggästen schon nachsetzen als ein kleiner Junge sagte: „Wow, Dad. Sieh mal, das Flugzeug da. Schnell. Mach ein Foto!”
Dan grinste über den Spotter in spe und sah in die Richtung, in die der Junge zeigte. Fast fiel im die Zigarette aus dem Mund, als er eine Grumman Goose landen sah.
 _________________ Beste Grüße
Jörg
Irren ist menschlich. Aber wenn man richtig Mist bauen will, braucht einen Computer.
Dan Rather |
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JörgB Moderator


Anmeldungsdatum: 18.08.2006 Beiträge: 2195 Wohnort: Bielefeld FS-Version: 9.1
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Verfasst am: Di 02 Feb 2010, 18:31 Titel: (Kein Titel) |
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Teil 3
Am folgenden Tag in Juneau.
Wie man einen stinkenden Fisch anfasst, ließ Jerry mit zwei Fingern den Hörer auf die Gabel fallen. Er stütze seinen Kopf auf beide Hände und stieß leise Flüche aus. Dan klopfte zaghaft an die Scheibe der Bürotür. Jerry schreckte hoch. Der Hauch eines Lächelns huschte über sein Gesicht, als er seinen Freund erkannte. Ohne eine weitere Reaktion abzuwarten betrat Dan das Büro.
„Störe ich?”
„Quatsch. Komm rein, Dan.”
„Probleme?”
Dan sah sich einen kurzen Moment im Büro um. Bis auf die leere Kaffeetasse auf dem Schreibtisch war dies ein Arbeitsplatz, an dem man sich wohl fühlen konnte. Alles war blitzsauber. An den Wänden hingen Zertifikate besuchter Lehrgänge. Geraffte Gardinen rahmten die perfekt sauberen Fenster. Auf den Fensterbänken standen Blumen, deren dezenter Duft wie ein unsichtbarer Nebel im Raum lag. Jerry zündete sich eine Zigarette an und warf sein Zippo mit einer lockeren Handbewegung auf den Schreibtisch.
„Wie kommst du darauf?”
„Wenn du jemanden zusammenscheisst, wurdest du noch nie laut dabei. Außerdem fingerst du dann immer mit deinem Feuerzeug herum.”
„Der ganz normale Wahnsinn. Logistik eben. Wir haben keine Ahnung davon, aber schauen wir mal was passiert. Die Möglichkeit, dass unsere Kunden jetzt am PC den Weg ihrer Sendungen mitverfolgen können, erhöht den Spaßfaktor um den Wert Zehn. Dann hast du noch extrem schlaue Kollegen wie Ihn eben.”
Jerry sah kopfschüttelnd auf das Telefon und nahm einen Zug von seiner Zigarette. Dan schaute sich wortlos im Büro um. Egal, was da in die Binsen gegangen war, er wollte nicht darauf herumreiten und die Nerven seines Freundes weiter strapazieren. Sein Blick blieb an dem Modell einer F16 auf dem Schreibtisch hängen, daneben standen drei kleine Bilderrahmen. Grinsend zeigte Dan auf das Modell.
„Tja, Dan. Manche Dinge lassen Einen nicht los.”
Jerry lächelte kurz und forderte seinen Freund auf, das Modell genauer anzusehen.
„Tally-Ho,” lachte Dan. „Wie ich sehe, hast du immer noch eine Engelsgeduld. An dem Vogel passt ja Alles.”
„Hab ein halbes Jahr daran gebastelt, als du im Lazarett gelegen hast. Ich wollte es dir erst schenken. Aber ich wusste nicht, ob das gut gewesen wäre nachdem du die goldene Uhr bekommen hast. Die feinen Linien hab ich mit nur einem Pinselhaar gezogen”, sagte Jerry voller Stolz. Dan hob die Hände undbetrachtete respektvoll Jerrys Arbeit, an der er jedes Detail wiedererkannte.
„Ich fass nichts an. Oh shit! Meine alte Mühle? Du bist verrückt........Lieutenant Daniel "Bambi" Miller.” Leise murmelnd las er den Namen unter dem Cockpit und lachte: „Yup, das war ein Millionentreffer.”
„Absolut. Drei Tage haben wir an dem Triebwerk gebastelt.”
Nun konnte sich auch Jerry das Lachen nicht länger verkneifen und schwelgte in weiter in Erinnerungen.
„Hey, erinnerst du dich noch an das Gesicht von Norman Munrowe als er eines Morgens den Namen Marilyn auf seiner Maschine fand?”
Die Männer brüllten vor Lachen. So laut, dass die Leute in der Frachthalle einen Moment inne hielten und zu Jerrys Büro sahen.
„Ich dachte echt, der frisst uns. Aber sein Ständchen im Abendkleid auf dem Geburtstag des Commodore war `ne Wucht. Der Typ war cool.”
Von einem auf den anderen Augenblick wurde Jerry wieder nachdenklich.
„Manchmal wünschte ich, ich wäre wieder in Eielson. Trotz Allem war es eine schöne Zeit.”
„War ein Spitzenladen”, pflichtete Dan seinem Freund bei.
Jerry sah kurz zur Wanduhr. Er schlug sich mit den flachen Händen auf die Oberschenkel und stand auf.
„Okay, Mittagspause. Ich muss hier raus. Essen wir zusammen?”
„Ich dachte schon, du fragst nie.”
Beim Hinausgehen bemerkte Dan auf einer Pinnwand sieben ordentlich aufgehängte Zeitungsausschnitte mit Fotos von Privatflugzeugen.
„Neues Hobby?”
„Nein. Seit zwei Monaten macht sich jemand einen Spaß daraus, fremde Leute um ihr Eigentum zu bringen. Die Beaver stand in Petersburg, die Maule und die 152er in Wrangell. Die BushHawk in Hoonah, die 206er und die 182er hier von unserem Flugplatz. Die Maschinen gehörten Touristen und sie wurden alle in den Abendstunden geklaut.”
„Was ist mit der TurboOtter?”
„Die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Die Größte in der Sammlung und wurde kommerziell genutzt. Komm jetzt, lass uns gehen.”
Draußen auf dem Vorfeld hielt Jerry inne, stemmte die Hände auf seine Hüften und betrachtete seinen Freund einen Moment.
„Was vergessen?” fragte Dan.
„Sag mal, du bist doch nicht hergekommen um alte Erinnerungen aufzuwärmen.”
„Ich hab Jakes Flugzeug dabei und möchte, dass du mal einen Blick drauf wirfst. Sie steht gleich da vorn. Hast du ein paar Minuten?”
„Klar, schauen wir uns das Flugzeug an.”
Dan erzählte, was sich in den letzten Wochen in Gustavus zugetragen hat. Jerry bat um die Schlüssel und inspizierte derweil die Cessna.
„Traurige Sache. Tut mir leid, Dan. Aber der Vogel ist doch nicht der einzige Grund. Gib´s zu! Hattest Sehnsucht!”
„Permanent, Jerry. Im Ernst. Ich war heute morgen drüben bei Temsco.”
„Hatte ich nicht gesagt, du sollst mich deswegen anrufen?”
„Hab´s nicht vergessen. Nur gewisse Dinge möchte ich besser selber in die Hand nehmen. Sonst pflaumen die dich nachher an, was du für einen Idioten angeschleppt hast. Hat sich aber erledigt. Hätte mich schon im Februar melden müssen.”
„Schade eigentlich. Wäre nett gewesen, wenn du hier was bekommen hättest. Und jetzt?”
„Bei ERA war ich auch. Klingt albern für einen Einheimischen, aber ich hab zu wenig Alaskastunden. Jedenfalls haben die sich meine Nummer notiert.”
„Northstar?” bohrte Jerry weiter.
„Den Weg kann ich mir ohne Typerating sparen. Deren gesamte Flotte besteht auch nur aus dreifünfziger A-Star. ”
„Coastal hat noch die gute alte Jet Ranger.”
„Das ist allerdings eine Alternative. Aber mein Bedarf an "Nein. Danke" ist für heute gedeckt.”
„Vielleicht hast du Glück und jemand von den Saisonjockeys holt sich eine kalte Nase. Dein Gerede klingt nicht gerade nach grenzenlosem Arbeitseifer.”
„Wegen dem Geld bin ich nicht nach Hause gekommen. Wenn es allein darum ginge, wäre ich in Antigua geblieben. Reiche Ladies zum Einkaufen fliegen, Strandbunnys, Superyachtsupport. Da blieb bei meiner Genügsamkeit eine Menge hängen.”
„Super ...was?”
„Nun. Wenn eine von den großen Yachten ein Helipad hatte, dann haben die Skipper für eine Party außerhalb der Hoheitsgewässer schon mal gewisse Dinge einfliegen lassen. Die Typen waren alles andere als geizig.”
„Okay .... Alice. Dann schlag mal die Hacken zusammen und komm wieder runter, bevor ich neidisch werde. Wenn Du den Vogel loswerden willst, dann fang bei 165000 an. Da wären noch mehr drin, wenn die Schwimmer nicht so verbeult wären. Jedenfalls sind sie dicht, ist nur die übliche Pfütze drin. Seit Cessna die 206 wieder baut, haben die Preise für Gebrauchte aus den Achtzigern etwas gelitten. Und jetzt soll ich mich bestimmt nach einem potentiellen Käufer umsehen.”
„Um den Gefallen möchte ich dich bitten, Jerry.”
„Geht klar. Aber dreh dem Schwan nicht den Hals um.”
Als sich die Männer in Richtung Donna´s Restaurant aufmachen wollten, wurden sie von einem untersetzten Mann in den besten Jahren mit schwerem Südstaatenakzent angesprochen.
„Entschuldigen Sie bitte, Gentlemen. Charles Moore. Fliegt jemand von Ihnen dieses Flugzeug?”
„Es gehört zu mir, Sir. Dan Miller. Wie kann ich Ihnen helfen?”
„Nun, Sir. Wie es aussieht, hat uns unser Pilot versetzt und nun suche ich eine Möglichkeit, zur Elfin Cove Lodge zu kommen.”
„Haben Sie schon dort angerufen, Vielleicht wissen die....”
„Alles schon probiert, Sir. Dort konnte man mir auch nicht weiterhelfen. Die freundliche Dame dort meinte, dass so etwas schon mal aufgrund einer Panne vorkommen könnte. Hätten Sie eventuell die Freundlichkeit, uns weiter zu helfen.”
„Uns?”
„Wir sind zu zweit, meine Frau wartet im Terminal mit unserem Gepäck.”
Dan überlegte kurz und sagte trotz der geplanten Mittagspause mit Jerry zu. Von Elfin Cove ist es nicht weit bis Gustavus, so hatte sich der Weg nach Juneau wenigstens etwas gelohnt. Als der Mann losrennen und seiner Frau die freudige Nachricht überbringen wollte fragte Dan: „Haben Sie Whisky, Gin oder so was?”
Der Mann glaubte sich verhört zu haben und lachte laut auf.
„Lässt man sich in Alaska mit Schnaps bezahlen?”
„Nein, wir nehmen immer noch Cash. Für den Trip bekomme ich vierhundert Dollar. Ich erwähnte es nur für den Fall, dass Sie eine spezielle Marke bevorzugen. Die Lodge hält nur ein begrenztes Angebot bereit. Und wenn Sie einen erfolgreichen Fang angemessen begießen wollen....”
Der Mann zeigte mit beiden Zeigefingern auf Dan. „Verstehe, Sir. Dann werde ich schnell in den Shop hüpfen.”
„Ich hau ab”, sagte Jerry. „Ist nicht meine Party.”
„Tut mir leid wegen der Mittagspause, Mann.”
„Schon okay. Die Gelegenheit hätte ich auch nicht ausgelassen.”
„Wir sehen uns.”
„Am Sonntag bei mir? Hauen wir uns ein paar Caribousteaks auf den Grill.”
„Klingt gut. Ich freu mich. Hey. Danke für ...” Dan zeigte mit dem Daumen auf die Cessna.
Eine Stunde später passierten Dan und seine aus Fort Worth in Texas stammenden Passagiere Sentinel Island in einer Flughöhe von dreitausend Fuß. Seit dem Start verfolgte Mr. Moore jede Handbewegung des Piloten und stellte einige technische Fragen. Seine Frau rutschte auf den hinteren Sitzen von einer Seite zur anderen und machte Fotos.
Bei dem Anblick eines Kreuzfahrtschiffs unten auf der Icy Strait gerieten die Moores ins Schwärmen. Vor zwei Jahren bekamen sie eine Alaska-Kreuzfahrt von ihren beiden Kindern zum dreißigsten Hochzeitstag geschenkt. Lachend erzählten sie von ihrem Geheimnis, dass sie diese Reise am liebsten gegen eine 7-Night-Cruise durch die Karibik eingetauscht hätten. Schon allein wegen dem Wetter. Heute jedoch seien sie ihren Kindern für dieses Geschenk dankbar. Sie erlebten bei ihren Landgängen und an Bord eine Atmosphäre voller Ruhe und Gelassenheit. Kein großer Bahnhof mit Smoking und Abendkleid beim Captains Dinner. Keine lästigen Animateure, die Erwachsene zu Kinderspielen aufforderten. Diese Bemühungen wären beim Anblick dieser Landschaft sowieso buchstäblich ein Schlag ins Wasser gewesen. Der Ruf „Wal in Sicht” löste nicht selten eine Stampede auf die besten Plätze an Deck aus, und das sogar während der Mahlzeiten. Nach der Ankunft daheim machte sich beim Betrachten der Fotos doch das Gefühl breit, als hätten sie eine andere Form eines Schaufensterbummels erlebt. Sicher, man flog sie in Juneau per Helikopter auf den Mendenhall-Gletscher und in Skagway fuhren sie mit der legendären WHITE PASS & YOUKON ROUTE RAILROAD hinauf bis Carcross. Oft standen sie bis in die späten Abendstunden an Deck, sahen diese abgelegenen Siedlungen oder einzelne Häuser an den Ufern und bewunderten die Menschen, die hier lebten. Aber irgendetwas fehlte. Sie waren fasziniert von der Tatsache, dass in ganz Alaska fast soviel Menschen leben wie daheim in Fort Worth. Nun wollten die Moores selbst herausfinden, wie es sich ohne ausgebautes Straßennetz und der Shopping-Mall um die Ecke lebte.
„Nun aber runter, Mister. Die Rotbarsche erwarten mich bereits”, lachte Mr. Moore.
„Geht gleich los, Sir. Ich warte noch, bis das Flugzeug dort unten gestartet ist.”
„Ooops. Das hab ich gar nicht gesehen.”
„Es ist recht praktisch wenn man Gelegenheit hat, die Kollegen auf dem Wasser zu beobachten. Hier draußen haben wir nicht den Service, den normale Flugplätze bieten. Windrichtung und -geschwindigkeit können wir meist nur grob anhand von Wellen feststellen. Oder wenn wir wie hier Rauchfahnen von den Schornsteinen sehen. Einen Kreis noch, dann sollten wir freie Bahn haben.”
„Ich sehe, wir sind mit einem Experten unterwegs. Nur keine Eile solang wir sicher ankommen. Um so länger können wir die wunderschöne Aussicht genießen”, freute sich Mrs. Moore.
„Ist das dort drüben der Brady-Gletscher?”
„So ist es, Mrs. Moore. Sie werden ihn an solchen Tagen auch von Ihrer Lodge sehen können.”
So schön der Gletscher im Licht der Nachmittagssonne auch strahlte, Dan mochte nicht hinsehen. Wenige Minuten später war es geschafft und er legte eine fast perfekte Landung auf´s Wasser.
„Hier darf Ihnen aber nichts entgegenkommen.”
Mr. Moore verfolgte aufmerksam, wie Dan das Flugzeug durch die enge Einfahrt des kleinen Naturhafens steuerte.
„Wenn man gegenseitige Rücksicht übt, passt das schon. Ein Boot kann im Gegensatz zu uns jederzeit den Rückwärtsgang einlegen.”
Ein paar Meter vor dem Steg schaltete Dan den Motor ab, stellte sich mit einem Tau in der Hand auf den linken Schwimmer und ließ das Flugzeug treiben. Zwei Angestellte der Lodge warteten schon auf dem Steg, um die Neuankömmlinge Willkommen zu heißen.
Am nächsten Morgen.
Dan war nicht sicher, was ihn zuerst weckte. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee? Die Morgensonne, die durch einen Schlitz zwischen den dunkelblauen Vorhängen auf sein Gesicht schien? Oder die Flüche seiner Mutter, nach dem ihr unten in der Küche ein Kochtopf entglitten war und laut scheppernd auf den Boden knallte. Schlaftrunken, mit Jeans und T-Shirt bekleidet, trottete Dan die Treppe hinunter. Seine Mutter stand am Herd und bereitete Eier mit Speck zu. Er trat von hinten an sie heran, legte seine Hände auf ihre Schultern und küsste ihre Wange.
„Guten Morgen, Mum. Das duftet ja köstlich,” sagte er mit rauher Stimme.
„Wollte dich gerade wecken.”
„Hast du doch.”
Seine Mutter sah ihn grinsend an und biss sich auf die Unterlippe.
„War spät gestern Abend?”
„Ja, ich war noch drüben in Elfin Cove. Cynthia lässt herzlich grüßen.”
Er blickte zur Küchenuhr und verdrehte die Augen. Halb sieben. Mit einer Tasse von dem frischen Kaffee trottete er hinaus auf die Veranda.
„Sag deinem Vater, dass wir in zehn Minuten frühstücken können,” rief ihm seine Mutter hinterher.
„Ja, Mum.”
Die Luft war kühl, das Sonnenlicht blendete seine Augen. Die kalten und vom Morgentau feuchten Dielen der Veranda wirkten erfrischend wie ein Fußbad.
„Welch seltener Gast in meinem Haus. Guten Morgen, mein Junge.”
Elias Miller stand vor dem Tisch aus Edelstahl an der Hauswand, auf dem zwei Kühlboxen mit frisch ausgenommenen Fischen standen, und stopfte seine Pfeife.
„Hey Dad. Guten Fang gehabt?”
„Wie Du siehst. Ein Teil ist schon verkauft, muss ihn nur noch abliefern”, sagte er und zeigte mit dem Mundstück seiner Pfeife auf die Kühlboxen. „Es war ein schöner Morgen. Ruhiges Wasser. Hattest du gestern Erfolg drüben in Juneau?”
Dan nahm einen Schluck aus der Tasse und zeigte mit einem Daumen nach unten.
„Tut mir leid, Sohn. Wie geht´s weiter?”
Dan zuckte kurz mit den Schultern.
„Bei zwei Firmen war ich, da sind im Moment alle Stellen vergeben. Ich werde mich per E-Mail noch bei zwei anderen Firmen bewerben und dann heißt es: Abwarten!”
„E-Mail”, lästerte sein alter Herr kopfschüttelnd. Er mochte diese Computer und das Drumherum nicht. Für ihn war das Alles völliger Blödsinn.
„Früher.....”, Elias unterbrach sich und nahm einen Zug aus seiner Pfeife, „früher sind wir noch selber hingegangen und haben nach Jobs gefragt. Du warst doch gestern drüben. Wieso bist du nicht hingegangen?”
„Das funktioniert nun mal nicht so wie bei euch Seeleuten, Dad.”
„Kommt ihr? Frühstück ist fertig”, schallte Glorias Stimme durch das Haus.
Elias klappste seinem Sohn auf den Oberschenkel und stand auf.
„Du wirst wissen was du tust, Junge.”
„Nach dem Frühstück wollte ich zu Mel. Brauchst du das Auto?”
„Ich muss den Fang zum Bear Track Inn bringen. Wenn du willst, kann ich dich mitnehmen.”
Wie versprochen setzte Elias seinen Sohn auf dem Weg zur dem Resort am Fuß der Excursion Ridge bei Melissa ab. Dan machte sich nicht die Mühe, an die Vordertür zu klopfen und schlenderte mit den Händen in den Taschen um das Haus. Melissa stand an der Koppel und beobachtete die Pferde, die auf der Weide grasten. Er nahm sich einen Moment und sah sich um. Dann steuerte er den Tisch auf der Veranda an, auf dem wie immer die Thermokanne und ein paar Tassen standen. Melissa sah sich um, als sie Dans Schritte auf der Veranda vernahm. Er hielt eine Tasse hoch, sie nickte lächelnd. Er schenkte Kaffee in zwei Tassen ein und ging zu ihr.
„Hey.”
Melissa lächelte und nahm ihm eine Tasse ab.
„Hey Mel. Fünf-Minuten-Urlaub?”
Sie nickte und zwinkerte im zu.
„Der schönste Moment des Tages”, sagte sie leise und sah wieder zu den Pferden, „Du holst die Tiere aus dem Stall. Siehst, wie sie umher galoppieren und sich freuen, wieder an der frischen Luft zu sein. Dann stehen sie still da und sehen sich um, fangen an zu fressen. Du hörst die Vögel, spürst den Wind auf der Haut, atmest tief und möchtest, dass die Zeit stillsteht. Gibt es was Schöneres?”
Dan nickte stumm und gab sich dem Augenblick hin.
„Und bei dir?”
„Mittelprächtig. Hatte zwei Absagen. Jerry hört sich wegen der Stationair um. Moment. Ich hab was für Dich.”
Dan griff in seine Tasche und gab ihr eine Bündel Dollarnoten.
„Nanu?”
Dan berichtete, was er in den letzten beiden Tagen erlebt hatte. Erzählte von seinem Flug nach Port Frederick, den Asiaten und den Texanern. Langsam kam eines der Pferde neugierig auf die beiden zu. Die obere Hälfte von Rumpf und Hals waren wie die Mähne und der Schweif schneeweiß, der Rest ihres Körpers dunkelbraun mit wenigen verschieden großen schwarzen Tupfen. Die Stute hielt den Kopf über das Gatter und ließ sich streicheln. Melissa lachte, als das Pferd an Dans Jacke zupfte.
„Sorry. Ich hätte dich warnen müssen. Sie filzt jeden auf Karotten.”
„Ist das eine Schönheit”, sagte Dan, „Appaloosa?”
„Gutes Auge. Sie heißt Termination Dust. Ich hab sie seit ein paar Monaten.”
„Termination Dust,” wiederholte Dan und lächelte.
Einen treffenderen Namen konnte man der dieser Stute nicht geben. Im Slang der Einwohner Alaskas bezeichnet er den ersten Schnee, der sich im Herbst wie eine dünne Schicht Puderzucker auf die Gipfel der Berge legte und den Menschen die Botschaft überbrachte, dass der Sommer bald vom eisigen dunklen Winter ausgelöscht wird.
„Sie ist mir gestern gar nicht aufgefallen.”
„Ihre Hoheit hatte gestern ihren Faulenzertag. Da kommt sie nur zum Fressen aus ihren Gemächern.”
„Sehr sympatisch. Wie alt ist sie?”
„Wird bald sechs. Was ist? Hast du Lust?”
Eine halbe Stunde später saß Dan im Sattel. Melissas Angebot zu einer Reitstunde wollte er nicht ablehnen. Sie stand am Koppelzaun und sah zu wie Dan die Stute hin und her manövrierte.
„Hey, klappt ja bestens. Hast nichts verlernt.”
„Das liegt an ihr. Mit meinem Timing hapert es. Hatte in Florida bei einem unserer Kunden oft Gelegenheit dazu und auf Antigua hatte ich mir oft einen Gaul nach Feierabend geliehen. Aber die waren abseits von Strand und befestigten Wegen schnell überfordert.”
„Kann ich mir gut vorstellen. Mal was anderes: Wenn es mit deinen Bewerbungen nicht so klappt, warum fliegst du nicht für mich?”
„Hältst Du das für eine gute Idee?”
„Willst du mich verarschen, Dan? Erst fliegst du Hinz und Kunz durch die Gegend und dann ...”
„Ich denk darüber nach”, antwortete Dan eher beiläufig. Termination Dust widmete er seine volle Aufmerksamkeit, wollte er nicht wie ein nasser Sack über dem Koppelzaun enden. Wortlos verdrehte Melissa die Augen und ins Haus. Dan sah ihr nach und grübelte, ob er was Falsches gesagt hatte während er auf dem Pferd weiter seine Kreise zog. Eine Viertelstunde später stand sie wieder am Gatter, neben sich einen gefüllten Rucksack.
„Was gibt das?”
„Starthilfe zum Nachdenken. Zelt, Schlafsack, eine Angel, Proviant für zwei Tage, Revolver und eine Schachtel Munition. Den Futtersack für das Pferd bekommst du gleich.”
Der nächste Morgen.
Die letzten Tropfen der nächtlichen Schauer fielen von den Bäumen und trommelten in unregelmäßigen Abständen auf das kleine gelbe Zelt. Ohne diesen gleichmäßigen Rhythmus, bei dem man sich gern noch einmal tief in seinen wärmenden Schlafsack vergräbt und den lieben Gott einen guten Mann sein lässt. Einige fliegende Insekten hatten sich über Nacht zwischen den Zeltwänden verirrt und suchten nun summend den Weg zurück in die Freiheit. Inmitten dieser Stille waren diese Geräusche für Dans Ohren brutal laut.
`Idiotische Viecher´, dachte er und sah auf seine Uhr. Fünf Uhr.
Gestern Abend erreichte er diesen See irgendwo in den Wäldern ein paar Meilen nördlich von Gustavus. Bevor die Konversation mit Melissa am Weidezaun in einem Streit ausartete, gab er klein bei und verschwand in die Wälder. Sie hatte Recht. Seit seiner Ankunft hatte er wirklich kaum eine ruhige Minute gehabt um über die vergangenen Tage nachzudenken und sich mit dem Tod des Freundes auseinander zu setzen, statt anderen zu helfen, mit dem Verlust zu leben. Sie wusste, dass er nach einer gewissen Zeit in der Einsamkeit von selbst damit begann. Und Termination Dust war die absolut richtige Partnerin für diese kleine Flucht. Die Stute war geradezu langweilig unproblematisch und verdammt trittsicher im Gelände. Dan hingegen lag auf anspruchsvolleren Passagen, wo er abstieg um das Pferd zu schonen, ein paar Mal auf der Nase. Draußen war es noch ruhig, fast schon zu ruhig. Dan schlug die Augen auf, das leuchtende Gelb der Zeltwand brannte in seinen Augen. Sofort suchte er wieder Schutz in dem warmen Schlafsack und verharrte noch ein paar Minuten.
Gestern baute er für Dusty dieses kleine Areal, in dem er ein Seil um drei Bäume spannte und an das er etwas stärkere, noch grüne Zweige einer umgestürzten Douglasie lehnte. Hoch genug, dass sie als visuelle Barriere dienten, aber nicht zu hoch um eine Flucht zu verhindern. Fest an einen Baum wollte er das Pferd nicht binden. Das wäre für einen umher streunenden Bären wie eine Einladung zum Buffet. Dusty stand auf, als sie ihren Reiter bemerkte und begrüßte ihn mit Kopfnicken und einem zufrieden klingenden Grummeln. Es war ein kühler Morgen. Dan roch diese muffige Mischung aus den Regenschauern der vergangenen Nacht und verottendem Holz. Mückenschwärme tanzten über dem Wasser. Der Wind trieb kleine Wellen vor sich her, die fröhlich glucksend Steine und freiliegende Baumwurzeln am Ufer benetzten. Dunstschleier bewegten sich wie Gespenster über den kleinen See und durch den Wald, der seit Jahrzehnten keine Axt oder Motorsäge gefühlt hatte und in dem die Bäume nicht wie Nutzholzsoldaten in Reih und Glied standen. Zwischen ihnen lagen, wie von der Hand eines Riesen locker ausgestreut, verschieden große Felsen. Diesen Wald überließ man sich selbst und den Tieren, die darin lebten. Umgestürzte Bäume entfernte man nicht und sie boten Pflanzen und Tieren neue Lebensräume. Nur den Ureinwohnern war es gestattet, Bäume für ihren Totemkult zu fällen.
Dan richtete alles für ein Frühstück, warf die Angel aus und entfachte ein kleines Lagerfeuer. Eine Tasse heißer Kaffee war nun genau das Richtige. Mit glasigen Augen starrte er träumend in das Feuer und lauschte dem jodelden Gesang eines Eistauchers, der diesen See als sein Revier beanspruchte. Es erinnerte ihn an seine Kindheit, als es diese Lollies in Form einer Flöte gab. Sie hatten einen beweglichen Plastikstiel, und mit ihnen konnte man fast die gleichen Töne erzeugen. Er freute sich immer wie ein Schneekönig, wenn er solch einen Lutscher bekam. Seine Eltern waren dagegen nach kurzer Zeit schwer genervt, als er mit so einem Ding im Mund durchs Haus lief. Wie in Trance sah Dan diesen Film seines Lebens in den Flammen des Lagerfeuers; erinnerte sich an seine Einschulung, die erste Freundin, das erste Auto, den traditionellen Abschlussball. Dann sah er das lachende Gesicht dieses kleinen Jungen. Seine Familie lebte damals unten in Angoon und er bekam zu seinem fünften Geburtstag diesen roten Spielzeugtraktor mit Pedalen und Kettenantrieb. Vorne dran war eine kleine Schaufel. Es war eine von Dans ersten Touren nach der Zeit bei der Air Force. Fast hätte er diesen Traktor wegen seiner Größe nicht ins Flugzeug bekommen.
Jäh wurde Dan aus diesen Erinnerungen gerissen. Termination Dust wieherte und trampelte mit einem Vorderhuf auf den Boden. Was versetzte dieses sonst so ruhige Pferd in Aufregung?
`Ein Bär? Das hat mir noch gefehlt´
Dan und versuchte, das Tier zu beruhigen. Dusty grummelte und nickte mit dem Kopf immer wieder in diese eine Richtung. Dan schaute sich um, aber er sah und hörte nichts Auffälliges. Nur die Vögel schienen mit einem Mal verstummt zu sein. Es herrschte Totenstille und das gefiel ihm überhaupt nicht. Er holte den großkalibrigen Revolver aus dem Zelt und ging in die Richtung, in die Termination Dust noch immer mit dem Kopf nickte. Er steckte den Revolver in das Schulterholster und zog die Jacke aus. Sollte sich doch ein Bär in der Nähe aufhalten, wäre dieser am ehesten damit zu beeindrucken, wenn Dan die Jacke ausgebreitet über den Kopf hielt und größer schien, als er war. Der Revolver war die letzte Instanz.
Immer wieder sah er sich um und überlegte sich jeden Schritt. Jetzt über eine Wurzel zu stolpern .. nein .. das wäre nicht vorteilhaft. Er atmete kaum. Jeder seiner Muskeln war gespannt und wie eine Katze war Dan bereit zum Sprung. Plötzlich bewegte sich dieser kleine Busch vor ihm. Das Blattwerk raschelte und kleine Zweige brachen. Das Herz schlug ihm bis zum Hals als er diese dunkle Silhouette auf sich zukommen sah. Instinktiv duckte er sich und wich aus.
`Verfluchter Mist´, dachte er, als er dem flüchtenden Vogel nach sah. Dan atmete tief durch. Er spürte seinen Puls und war sich sicher, dass ihn der Schreck gerade fünf seiner besten Jahre gekostet hat.
Wieder tasteten seine Augen die nähere Umgebung ab. Gerade als er den Entschluss fasste, zu seinem Camp zurück zu gehen, hörte Dan erneut das Rascheln von Blättern.
Er hätte dem nach diesem Erlebnis keine Aufmerksamkeit gewidmet, wäre dieses Rascheln nicht von einem leisen Knurren und Röcheln untermalt. Das Geräusch hatte seinen Ursprung hinter einem dieser großen, von Moosen und Flechten überzogenen Felsen. In weitem Bogen umkreiste er diesen Felsen und er traute seinen Augen nicht. Ein Wolf machte sich an einem der Büsche zu schaffen. Dan stand wie angewurzelt auf einem Fleck und hielt den Atem an. Es war nicht das Gefühl von Angst, was sein Herz wieder bis hinauf in den Hals schlagen ließ. Dan mochte diese scheuen Tiere, er verehrte sie regelrecht. Und dieser kapitale Bursche, der von der Nase bis zur Schwanzspitze komplett schwarz war, schien seinen Zuschauer zu ignorieren. Was war so interessant an diesem Gewächs?
Wieder und wieder zerrte das Raubtier an etwas unterhalb der untersten Zweige. Er knurrte, scharrte mit einer Pfote, er versuchte seinen Kopf zurückzuziehen und aus dem Knurren wurde ein Röcheln. Nach Momenten der Ruhe wiederholte sich die Szene. Dan hatte nicht lang Gelegenheit, darüber nachzudenken. Ein kleiner trockener Zweig brach unter seinen Schuhen. Der Wolf fuhr herum und zeigte dem Störenfried mit angelegten Ohren die Zähne.
`Ganz ruhig, mein Junge´
Dan ging langsam rückwärts, ohne seinen Blick von dem Tier zu nehmen. Der Fluchtversuch des Wolfs wurde abrupt gestoppt. Dann sah er die dünne Schnur, die sich eng um den Hals des Tieres zog. Dan zögerte nicht lang. Er warf seine Jacke beiseite und ging mit ausgestrecktem Arm langsam auf ihn zu. Mit der anderen Hand tastete er nach dem Jagdmesser am Gürtel. Gleichzeitig versuchte er, ihn mit leiser Stimme zu beruhigen. Wieder versuchte der Wolf zu flüchten, aber mit jeder Bewegung zog sich die Schnur fester zu. Bis auf einen Meter kam Dan heran, als der Wolf den Spieß umdrehte und versuchte, Dan zu attackieren. Die Schlinge hielt ihr Opfer fest. Mehr noch. Sie schnitt sich tiefer in die Haut und Blut tränkte das schwarze Fell. Röchelnd stürzte das Tier zu Boden. Dan griff nach seinem Messer, während er sich langsam näherte. Fast erreichte er die Schnur als eine laute Stimme das Blut in seinen Adern gefrieren ließ. Erneut fletschte der Wolf seine weißgelben Zähne und hätte fast Dans Arm erwischt.
„Okay Mister. Aufstehen! Zeig mir deine Hände.”
Dan glaubte seinen Ohren nicht zu trauen und drehte sich langsam um.
`Was für eine Form von Wahnsinn ist das?´
Vor ihm stand eine Gestalt, deren Körper mit einem Bärenfell bedeckt war. Den Kopf dieses merkwürdigen Fremden verbarg eine Fellkapuze und das Licht warf ihren Schatten auf sein Gesicht. In der linken Hand hielt er einen Bogen während seine Rechte die Sehne straff hielt. In den Sonnenstrahlen, die durch die Baumwipfel drangen, blinkte eine stählerne Pfeilspitze und diese zeigte genau auf Dan.
„Hab ich endlich einen von euch Scheißkerlen erwischt.”
„Wovon reden Sie, Mann? Ich hab ihn eben entdeckt und wollte ihn losschneiden. Ihre Nummer hätte mich fast eine Hand gekostet.” Dan wurde stinksauer und zeigte auf den Wolf.
„Die Hände hoch! Das können Sie den Parkrangern erzählen. Ihr Wilderer solltet euch neue Ausreden einfallen lassen.”
Dan lachte.
„Wilderer? Mister, ich weiß nicht, was Sie nehmen, aber sie sollten versuchen, mit der Hälfte auszukommen. Welcher Wilderer kommt schon mit einer knallroten Jacke in den Wald? Wie ich sehe, wollen wir beide dasselbe. Also nehmen Sie ihren verdammten Bogen runter. Oder ist das vielleicht Ihre Falle?”
Dan sah auf die Pfeilspitze, die sich langsam senkte. Er griff nach seinem Messer.
„Hey, ganz vorsichtig,” brüllte der Fremde und zielte wieder auf Dan.
„Wart´s nur ab”, sagte Dan und drehte sich dem Wolf zu.
Die Gestalt im Bärenkostüm entspannte die Bogensehne und steckte den Pfeil in den Köcher auf seinem Rücken. Als er näher kam streifte er sich die Kapuze vom Kopf.
Seine glatten schulterlangen Haare zähmte ein ledernes Stirnband. Er hatte sehr maskuline Gesichtszüge, einen stechenden Blick und er war groß. Mindestens einen Kopf größer als Dan. Die hochgestellten Wangenknochen und die kupferfarbene Haut verrieten ihm, dass er es mit jemanden der First Nations zu tun hatte.
„Damit willst du ihn los schneiden?” fragte der Indianer erstaunt.
„Einwände?”
„Du weißt aber, dass die Viecher beißen?”
„Dreh dich um, wenn du kein Blut sehen kannst.” Dan ging erneut langsam und mit ruhiger Stimme auf den Wolf zu. Wieder versuchte der, sich aus der Falle zu befreien. Jedoch waren seine Bewegungen nicht mehr so kraftvoll wie vorher.
„Ihr Bleichgesichter habt echt eine Riesenmacke. Das ist die mit Abstand blödeste Aktion seit Little Big Horn,” murmelte der Fremde.
„Ich schneide dir gleich die Zunge raus,” sagte Dan ebenso leise.
Er näherte sich langsam mit einer Hand der Schnur. Wieder fletschte der Wolf die Zähne, sein Knurren klang unfreundlicher als ein aufziehendes Gewitter. Dan sprach weiter und legte einen aggressiven Unterton in seine Stimme. Er wusste, dass der Wolf den leisesten Hauch von Angstschweiß riechen und es sich zunutze machte, falls sein Retter die geringste Schwäche zeigte. Mit festem Blick sah er dem Tier in die dunkelgelben Augen.
„Okay Kumpel. Entweder du spielst mit oder du verreckst hier.”
Als ob er jedes Wort verstünde legte sich der Wolf langsam auf die Seite und vermied demütig jeden Blickkontakt mit seinem Retter. Schnell griff Dan mit der einen Hand nach der Schnur während er mit der anderen zum Schnitt ausholte. Der Wolf spürte den nachlassenden Druck am Hals, sprang auf und brachte schnell Abstand zwischen sich und Dan, der ebenfalls schnell aus der Hocke aufsprang weil er einen Angriff vermutete.
Seine Anspannung löste sich und er atmete tief durch. Zufrieden und erleichtert lächelten sich die Männer an.
„Jeden Tag eine gute Tat. Das war das Abgefahrenste, was ich je gesehen hab. Ich wette, du hattest die Hosen bis oben hin voll.”
„Yup. Ich hoffe nur, dass er das überlebt. Die Wunde am Hals sieht böse aus. Was ist? Lust auf einen Kaffee? Mein Camp ist da hinten am See.”
„Ich weiß.”
Dan schaute den Indianer einen Moment lang an.
„Der Rauch ist gut zu sehen. Übrigens, ich heiße Billy, Billy Solomon.”
„Sehr erfreut, Billy. Dan Miller.”
Die Männer sahen sich auf dem Weg zum Camp zweimal um. Der Wolf folgte ihnen in gebührendem Abstand. Dan rannte brüllend auf ihn zu, worauf sich der Vierbeiner mit wenigen Sätzen in das Unterholz flüchtete.
Billy kümmerte um das fast erloschene Lagerfeuer und Dan sah nach seiner Angel. Zu seiner Freude hatte eine große Forelle angebissen.
„Das dürfte für uns zwei reichen.”
Dan freute sich über sein Anglerglück und hielt den Fisch stolz am ausgestreckten Arm hoch. Der Indianer legte Pfeile, Bogen, einen orange-grünen Rucksack und sein Bärenfell ab. Darunter trug er nichts außer einer Lederhose. Die nackte Haut seines durchtrainierten Oberkörpers dampfte in der kühlen Luft.
„Und wenn nicht, ich hab auch noch etwas dabei.”
Dan betrachtete einen Moment lang die Ausrüstung des Indianers und grinste breit.
„Was ist?”
„Praktischer Rucksack.”
„Stimmt. Ich fand ihn im letzten Herbst unten am Rink Creek. Zuerst nahm ich an, jemand hätte ihn verloren. Doch wer verliert schon ein so schönes Stück? Dann sah ich zwei Männer, die Feuerholz sammelten. Ich wollte sie fragen ob er ihnen gehört, aber sie rannten schreiend weg. Ich lief ihnen nach und brüllte, dass sie stehen bleiben sollten. Doch sie rannten immer weiter. Na ja. Es war nichts Wertvolles darin. Nur eine halbvolle Flasche Whisky und ein paar köstliche Sandwiches.”
Dan lachte kurz, verschluckte sich am Rauch seiner frisch angezündeten Zigarette .
„Und bestimmt hattest du dein Bärenfell dabei?”
„Natürlich. Das ist immer dabei, wenn ich auf Tour bin.”
Dan presste die Lippen zusammen und musste aufpassen, dass er sich beim Ausnehmen der Forelle nicht in die Finger schnitt. Am liebsten hätte er laut losgelacht.
„Kommst du aus der Gegend?”
„Excursion Inlet.”
„Ein weiter Weg. Respekt. Tlingit, Haida?”
„Mohawk.”
„Mohawk? Zieht ihr nicht unten an der Ostküste die Wolkenkratzer hoch? Was macht ein Mohawk in Alaska?”
„Warum verließ Columbus Europa?”
Dan schob die Unterlippe vor.
„Okay. Der Punkt geht an den Mann in der roten Ecke.”
„Aber mit Wolkenkratzern hatte ich auch zu tun. Mein Stamm finanzierte mir damals ein Architekturstudium. Später arbeitete ich auch als Architekt. Aber je länger ich das tat, desto schmerzhafter wurde es. Es gab in der Firma noch andere junge Leute, aber die hatten mehr Spaß an ihren Ellenbogen. Und wenn du nicht aussiehst wie die, hast du von vorn herein ein dickes Minus auf dem Konto. Vor drei Jahren kam ich als Urlauber her und bin hängen geblieben. Seitdem arbeite ich drüben in der Fischfabrik und wenn nichts zu tun ist, geh ich raus in den Busch.”
Billy zog einen bratfertigen Hasen aus dem Rucksack und spannte ihn ausgebreitet an den Beinen auf zwei Zweige, die er neben das Lagerfeuer in den Boden steckte. Dan zeigte ohne Worte auf den Braten. Billy zwinkerte ihm zu.
„Jagdunfall. Eigentlich wollte ich nur ein paar Schießübungen machen, um in Form zu bleiben.”
Sehr zum Erstaunen der Männer kam der Wolf vorsichtig das Camp heran. Er setzte sich keine zehn Meter von ihnen und beobachtete neugierig ihr Tun..
„Also entweder ist er unheimlich dankbar, unheimlich hungrig, unheimlich dämlich oder unheimlich einsam.”
„Was meinst du, Billy?”
„Bin seit zwei Tagen in der Gegend. Früher oder später hörst du sie heulen oder siehst Spuren. Nichts.”
Billy schnitt mit seinem Jagdmesser ein Stück von dem Hasen ab und warf es dem Räuber vor die Pfoten. Der beschnüffelte es kurz und zog sich bedächtig davon zurück, ohne das Stück Fleisch anzurühren.
„Unheimlich hungrig scheidet also aus.”
Trotzdem warf Dan dem Wolf einen Bissen von dem Fisch vor die Pfoten. Wieder roch der daran. Vorsichtig nahm er es auf und lief ein paar Meter, um es in Ruhe zu verspeisen.
„Punkt für den Mann in der weißen Ecke. Also ist das Rennen wieder offen.”
Dan stand auf, nahm das Stück Kaninchenfleisch und warf es dem Wolf zu. Wieder beschnüffelte er es mit Vorsicht, bevor er es hastig herunterschlang.
„Autsch. Wie es aussieht, hast du einen neuen Freund.”
„Du meinst ....”
„Ich meine gar nichts. Diese Verhaltensforscher haben auch nicht immer Recht. Aber das wirst Du selber herausfinden, Bleichgesicht.”
Der Mohawk sah sich ein Weilchen um.
„Bemerkenswertes Pferd.”
„Vergiss es”, sagte Dan und lachte, weil er schon einen fadenscheinigen Tauschhandel sah.
„Wäre eine Idee. Aber .....”, Billy unterbrach sich selbst und sah abwechselnd auf beide Tiere. Dan kratzte sich an der Stirn und ahnte, was der Indianer meinte. Es war wirklich merkwürdig, wie ruhig Dusty da stand. Die Männer philosophierten noch ein Weilchen bevor sich Dan am frühen Vormittag auf den Heimweg machte.
Die Sonne stand bereits zwei Finger breit über den Bergen im Westen, als er das Haus der Turners erreichte. Melissa saß, mit einem weißen Kittel bekleidet, rauchend auf einem Hocker vor dem Teil der Ställe, den sie als Tierarztpraxis eingerichtet hatte. Sie lächelte erleichtert als sie sah, dass Ross und Reiter unversehrt waren.
„Ich wollte mich bemerkbar machen, aber das Mobiltelefon funktionierte nicht.”
„Das war ja auch der Sinn der Übung. Deine Eltern wissen aber Bescheid. Entschuldige, falls ich gestern etwas hart zu dir war.”
„Schon okay. Hast du Kundschaft?”
„Ja. Parkranger brachten heute Mittag einen Adler. Gebrochener Flügel, aber nichts kompliziertes. Wäre schade gewesen, ihn einzuschläfern. Er wird gleich irgendwann aus der Narkose aufwachen und in ein paar Wochen hoffentlich wieder am Himmel kreisen. Und bei Dir?”
„War super. Ich traf den Bigfoot und wir frühstückten zusammen.”
Melissa inspizierte Dans Kopf eine Weile.
„Faszinierend. Nicht mal `ne Beule. Ist dir schlecht oder schwindelig? Schau auf meinen Finger!”
„Nein. Ich bin nicht an einem Ast hängen geblieben. Ich erzähl´s dir später.”
Dan dankte der Appaloosastute für diese zwei wundervollen Tage mit einem ausgedehnten Wellnessprogramm. Zwischen zwei Pfosten band er sie im Stall an und machte sich an die Arbeit. Er rieb sie ab, reinigte die Hufe und striegelte sie, bis ihm die Arme schmerzten. Er beschäftigte sich intensiv mit ihr und bemerkte nicht, dass Melissa mit versteinerter Mine in den Stall kam.
„Du hast mir verschwiegen, dass wir noch einen Gast zum Abendessen erwarten.” _________________ Beste Grüße
Jörg
Irren ist menschlich. Aber wenn man richtig Mist bauen will, braucht einen Computer.
Dan Rather
Zuletzt bearbeitet von JörgB am Mi 17 Feb 2010, 19:32, insgesamt 3-mal bearbeitet |
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JörgB Moderator


Anmeldungsdatum: 18.08.2006 Beiträge: 2195 Wohnort: Bielefeld FS-Version: 9.1
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Verfasst am: Di 02 Feb 2010, 18:32 Titel: (Kein Titel) |
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Teil 4
Draußen vor dem Stall bestätigte sich Dans Befürchtung. Da saß der Wolf, auf halbem Weg zwischen Stallungen und Wohnhaus. Er musterte Melissa und Dan, gleichzeitig reckte er die Nase in die Luft um Witterung aufzunehmen.
„SCHEIßE,” fluchte Dan lautstark und kickte einen Stein weg.
„Wieso überkommt mich das Gefühl, dass ihr euch kennen könntet?”
Melissa stand neben Dan und zündete sich eine Zigarette an.
„Das wollte ich dir beim Abendessen erzählen. Ich fand ihn im Wald. Er hatte sich in einer Schlingfalle verfangen.”
„Und?”
„Ich habe ihn los geschnitten.”
„Mein Fehler. Ich kenn dich lang genug. Was bin ich auch so bescheuert und ermutige dich zu einem Trip in den Busch”, sagte sie leise und rieb sich mit einer Hand das Kinn. „Nur gut, dass du nichts für Boote übrig hast. Für einen Orca fehlt mir der Platz. Er ist verletzt. Halt ihn hin.”
Dan liebte Mels Sinn für Galgenhumor. Ihre lockere Art half ihm, sich nicht allzu schuldig zu fühlen. Wölfe hatten in der Nähe von Menschen schon immer schlechte Karten und nun war die Situation eingetreten, die er verhindern wollte.
„Was .... Was hast du vor?”
Melissa antwortete nicht und ging ohne Hast in ihre Praxis. So wie er es im Wald tat, ging Dan langsam auf den ungebetenen Gast zu. Wenige Meter vor ihm hockte er sich hin und streckte eine Hand nach ihm aus. Der Wolf bewegte sich nicht vom Fleck. Noch immer hielt er die seine feuchte Nase in den Wind, witterte und achtete auf jede von Dans Bewegungen. Dan sprach zu ihm mit ruhiger Stimme.
„Na? Was willst du hier? War keine gute Idee, dass du mir gefolgt bist, Kumpel.”
Der Wolf spitzte die Ohren und neigte den Kopf zur Seite. Dan kicherte leise. Dieses Verhalten erinnerte ihn an seinen ersten Hund. Er war zwölf, als er den Mischlingswelpen von seinen Eltern bekam . Mit ihm redete er oft, denn er war der Meinung, dass sein Hund jedes seiner Worte verstand. Seine Eltern ermahnten ihn dann immer im Spaß, er solle das nicht zu oft tun wenn der kleine WauWau keine bleibenden Schäden oder Genickstarre zurückbehalten solle.
Noch immer bewegte sich diese feuchte Nase zuckend im Wind und je mehr Dan mit dem wilden Tier sprach, desto mehr neigte es seinen Kopf zu Seite. Der Wolf machte sich lang und stand sogar vorsichtig auf. Plötzlich und wie vom Blitz getroffen fuhr er jaulend herum, lief ein paar Meter und wand sich im Kreis, so das es staubte. Dan fiel vor Schreck auf den Hintern und starrte das Tier schockiert an. Er sah sich um, in der Hoffnung, dass Melissa eine Antwort auf diese Reaktion wusste. Sie hingegen lehnte lässig an der Stallwand. Unter ihrem Arm hatte sie ein dünnes Rohr eingeklemmt. Wieder sah Dan den Wolf an. Ein metallischer Gegenstand steckte in seinem linken Oberschenkel.
„Bist du irre?”
Aufgebracht baute er sich vor Melissa auf. Sie lehnte immer noch gelassen an der Wand und beobachtete das Tier.
„Was war in der verdammten Spritze?”
Dan war außer sich, sein Gesicht lief rot an. Am Liebsten hätte er Melissa eine runter gehauen.
„Ein verdammtes Betäubungsmittel”, sagte sie und tippte auf das Blasrohr unter ihrem Arm. „Komm wieder runter! Wenn ich ihn töten wollte, hätte ich das Gewehr genommen. Das ist billiger und schneller.”
„Verdammt. Wieso hast du mir nicht gesagt, was du vor hast?”
„Weil ich keine Mitwisser dulde. Und jetzt beruhige dich! Ich habe ihm nur einen leichten Gnadenhammer verpasst. In ein paar Minuten wird er süß träumen.”
„Beruhigen”, murmelte Dan. Er fühlte sich mies, so als ob er einen Freund verraten hätte und ihm dieser irgendwann die Quittung dafür geben würde. Bald darauf lag der Wolf regungslos auf dem Erdboden. Die Tierärztin hielt Abstand und berührte das betäubte Tier unsanft mit dem zwei Meter langen Blasrohr am Bauch. Die Betäubung wirkte. Die Zunge quoll dem Wolf aus dem Maul und wie ein übergroßes Plüschtier starrte er mit glasigen Augen ins Leere. Jetzt musste alles schnell gehen. Mit einer Transportdecke trugen Melissa und Dan den Patienten in die kleine Praxis und legten ihn vorsichtig auf den OP-Tisch.
„Verdammt. Ist das ein Brocken”, schnaufte Melissa. Sie gab Dan ein paar Gummihandschuhe und schnappte sich ein Maßband. Er notierte eifrig die Daten, die sie ihm nannte, auf einen Notizzettel.
„Schulterhöhe 86 Zentimeter, Kopf-Rumpflänge 161, Schwanzlänge 53. Wir wiegen ihn später. Hol bitte die beiden Personenwaagen aus dem Schrank da und stelle sie dort mit zwei Metern Abstand auf den Boden. Ich werde jetzt seinen Hals rasieren und du beobachtest ihn. Da ich sein Gewicht nicht kenne, musste ich die nötige Dosis schätzen. Kann sein, dass es zu wenig war. Bei der kleinsten Bewegung machst du Alarm.”
„Und wenn es zuviel war?”
Statt einer Antwort machte sie eine Flatterbewegung mit ihren Händen. Dan sah interessiert zu und assistierte, so gut er konnte. Nach einer endlos langen halben Stunde war die Wunde am Hals versorgt.
„Kopf oder Schwanz?” fragte Melissa und biss sich grinsend auf die Unterlippe. Ohne Antwort nahm er die Griffschlaufen der Transportdecke am Kopfende, weil er dort wegen des massigen Körperbaus das höhere Gewicht vermutete. Als sie den Patienten vom Tisch nahmen, wusste er, was sie mit der Frage meinte. Mit großen Augen sah er sie an.
„Männer und die permanente Angst um das bestes Stück”, verhöhnte sie ihn lachend.
„Hast du seine Zähne gesehen? Die Eier von einem Wolf abgebissen zu bekommen steht nicht in den Top Ten meiner Wunschliste”, verteidigte er sich.
„Los. Beweg dich!. Dein Kumpel wird nicht leichter. Stell dich auf die Waage und merk dir das Gewicht.”
Der Patient schlief immer noch tief und fest, als er in diesem mannshohen Käfig mit fingerdicken Gitterstäben im Aufwachraum neben der Praxis lag . Sechs dieser Käfige fanden Platz in dem ehemaligen Kuhstall. Alle mit einem Meter Abstand zu einander, damit sich Melissas Hauptklientel, Schlittenhunde, nicht gegenseitig durch die Gitter mit Klauen und Zähnen bekämpfen oder verletzen konnte. In einer Ecke stand ein kleines Feldbett, das Melissa oft als Nachtlager diente. Die Giebelfronten des ehemaligen Kuhstalls konnten zur besseren Durchlüftung geöffnet werden. Die Decke des Lofts, auf dem früher Heu und Stroh gelagert wurde und dessen Geruch immer noch präsent war, hatten die Turners entfernt und in das Satteldach zwei große Plexiglasflächen eingelassen. Die untergehende Sonne tauchte diesen lichtdurchfluteten Raum, in dem der Geruch von Hunden und Desinfektionsmitteln schwebte, in warme Farben. Melissa und Dan saßen auf dem Feldbett. Sie übertrug alle Angaben sauber auf ein Formular und tippte auf ihrem Taschenrechner herum. Sie zog eine Augenbraue hoch und schob ihre Unterlippe vor.
„Fast genau siebzig Kilo.”
Dan pfiff beeindruckt durch die Zähne.
„Acht Kilo leichter als ich. Wenn der mal richtig sauer wird ...”
„Hmm. Beeindruckender Kerl und mit ungefähr fünf Jahren im besten Alter. Als Wölfin würde ich mich nach ihm umdrehen. Ich behalte ihn ein paar Tage hier.”
„Ist es so schlimm.”
Sie lachte und strich ihre langen Haare ins Gesicht, sah Dan grimmig an und knurrte.
„Tierisch schlimm. Dann ist Vollmond. Ich werde mich verwandeln und eine Menge Spaß mit ihm haben.”
„So so, Spaß also”, sagte er und sah ihr tief in die Augen.
„Yup. Die ganze Nacht.”
„Wäre es zu viel verlangt, wenn du mich dann beißen würdest. Nur so ein klitzekleines Bisschen?”
„Eifersüchtig?”
„Vielleicht. Beim übernächsten Vollmond könnten wir zu dritt um die Häuser ziehen und Leute erschrecken. Also bist du nicht sauer?”
Sie runzelte die Stirn, sah ihn mit ihren braunen Augen an und lachte.
„Hast verdammtes Glück, dass die Malamutes heute morgen abgeholt wurden. Aber denk nicht darüber nach, Dan. Ich hätte nicht anders gehandelt. Ich finde es....” sie wiegte ihren Kopf während der Denkpause langsam hin und her, „..... Also es hat was Magisches, dass er dir gefolgt ist. Ach ja. Muss ich noch mehr Pfeile klar machen?”
„Ich denke, er war allein. Es war ziemlich still da draußen.” Er sah kurz auf ihr Formular und fragte: „Schon eine Idee, was du als Name einträgst?”
„Canis anonymus. Keine Ahnung. Ist ja mein erster Wolf. Auf dem Papier tendiert er Richtung Mackenzie Valley. Das können Riesenviecher werden. Aber ich hörte nie, dass die in unsere Gegend kamen. Oder dein Freund ist ein Hybrid. Also das ein ausgebüxter Schlittenhund drinsteckt. Dann schlagen die Wachstumshormone schon mal Purzelbäume. Ich würde gern einen Gentest machen, aber ich habe Angst, dass ich damit schlafende Bären wecke.”
„Nennen wir ihn Yello? Ohne w.”
„Gefällt mir”, sagte sie und legte ihren Kopf auf seine Schulter, „Dan. Versprichst du mir was?”
„Ich weiß, was du sagen willst. Keine Sorge. Der Gedanke ist mehr als reizvoll, aber so ein angeknackstes Ego hab ich nicht. Okay. Ich hab ihn vielleicht nah ran kommen lassen. Aber ich wollte ihn spüren lassen, dass ihm hier nichts Schlechtes widerfährt.”
„Das ist dir gelungen. Als ich euch beide da draußen sah, hab ich wirklich einen Moment gezögert. Es war irgendwie schön. Erkläre mir beizeiten, wie du das machst.”
Dan stand auf, hockte sich vor den Käfig und sah das schlafende Raubtier an.
„Was mache ich?”
„Na. Was tust Du denn gerade?” fragte sie und zeigte auf Dan und den Wolf. „Erinnerst du dich an Johnson?”
„Die verzogene Töle von Dick Schroeder? Was war damit?”
„Was damit war? Ich würde den Rabauken noch nicht mal anfassen, wenn er keinen Maulkorb hätte und du stellst dich vor ihn hin und er frisst dir fast aus der Hand. Und Dusty lief dir auch sofort nach.”
„Eine Traumfrau, wenn ich das als Hengst so formulieren darf. Wahnsinnspferd. Keine Ahnung. Ich denke darüber nicht nach. Hab halt Respekt. Also richtig Respekt, nicht das hirnrissige Denken derer, die “Respekt“ sagen aber Angst meinen und es nicht aussprechen weil sie Angst vor dem Wort Angst haben”, sagte Dan und sah wieder in den Käfig. „Er ist nicht ohne Grund so ein Brecher geworden und bestimmt ein hervorragender Taktiker. Auf seine scharfen Sinne und Fähigkeiten bin ich neidisch. Ich, geschweige Dusty, haben noch nicht mal bemerkt, dass er uns die ganze Zeit auf den Fersen war. Obwohl wir Tempo machten, wo es ging. Er hätte mich jederzeit vom Pferd holen können. Egal was ich tue, er wird mir immer einen Schritt voraus sein. Und wie es scheint, kommt er verdammt gut ohne Rudel klar, solang es nicht um soziale Kontakte geht”, sagte Dan und setzte sich wieder zu Melissa.
„Du respektierst ihn wirklich.”
„Für mich ist er so etwas wie ein Joe Montana oder ein Air Jordan. Eben der Beste in seiner Disziplin. Deren wahre Größe sieht man nur aus der Distanz. Eine Armlänge, Mel. Immer eine Armlänge. Würdest du nicht an die Decke gehen, wenn dich ein Wildfremder sofort umarmt. Dich streichelt und zuquatscht? Das IST ein Angriff! Außerdem rieche ich nicht nach Tierarzt.”
„Stimmt”, sagte sie und rückte etwas von Dan ab. Er lachte.
„Zwei Tage Wildnis wecken das Tier in mir.”
„Nicht nur in dir.”
„Mach dir keine Sorgen. So eine Beziehung ist mir zu zeitintensiv. Und auf das Gerede der Leute hab ich keine Lust. Er bewegt sich an einem Tag mehr als ich im ganzen Monat. Wenn ich irgendwo allein in der Wildnis hausen würde, könnte ich mir das überlegen. Aber wegen meinem neuen Job werde ich nicht mal die Zeit für ein Schmusehündchen haben.”
„Du hast einen neuen Job?”
„Yup. Eine sexy Brünette fragte mich neulich, ob ich für sie fliege.”
„Torfkopf”, sagte Melissa und schnitt eine Grimasse. „Also hat es was gebracht, dass ich dich in den Wald gejagt habe.”
„Ich dachte, die Zeit im Yellowstone hätte zum Nachdenken gereicht.”
„Na ja. Ich hatte auch etwas Zeit kann es jetzt nachvollziehen. Deine Heimkehr muss wie die Landung auf einem anderen Planeten gewesen sein.”
„Kann man so sagen. Aber es wird immer Fragen ohne Antworten geben. Ich sollte mich lieber darüber freuen, Jake gekannt und zum Freund gehabt zu haben.”
„Gutes Schlusswort....... Okay. Es war ein langer Tag. Ich vermute, es wäre blöd zu fragen, wo der Herr zu nächtigen wünscht. Ich hole dir einen Schlafsack und für Yello Wasser und eine Decke. Er wird durch die Narkose frieren, wenn er zu sich kommt. Rechne damit, dass er halluziniert und vielleicht heult. Weck mich, wenn er Probleme macht.”
Regen zog an diesem Abend über der Glacier Bay auf. Frisch geduscht lag Dan in dem wärmenden Schlafsack auf der Pritsche während seine stinkenden Klamotten im Waschtrockner der Turners rotierten. Mit schweren Lidern beobachtete er zufrieden seinen Schützling. Er musste an die Worte des Indianers denken und schnaubte grinsend. Der Ritt und die kurze Nacht in dem Zelt steckten schwer in seinen Knochen. Die Regentropfen trommelten leise auf das Dach und der schwache Wind flutete den Unterstand mit unverbrauchter kühler Luft. Er zog den Reißverschluss des Schlafsacks bis oben zu und dieses unbeschreiblich warme Gefühl von Glück und Frieden ließ ihn mit lächelndem Gesicht einschlafen.
Nach Mitternacht.
Ein gleißend helles Licht erleuchtete für Sekunden den ehemaligen Kuhstall bis in den hintersten Winkel. Fast gleichzeitig donnerte es, als hätte jemand draußen auf dem Hof eine Panzerhaubitze abgefeuert. Dan schreckte wie an Schnüren gezogen hoch. Draußen tobte ein Gewitter. Dicke Regentropfen klatschten auf das Dach und es war windig. Feine Wassertröpfchen benetzten sein Gesicht. Mit den Händen tastete er im Innern des Schlafsacks nach dem Zipper des Reißverschlusses. Er wollte aufstehen um zu sehen ob der Blitz irgendwo auf dem Grundstück eingeschlagen hatte. Dan sah hinüber zum Käfig.
`Oh shit. Nein!´ dachte er und wurde panisch, als er den Zipper immer noch nicht ertastete. Die Käfigtür stand weit offen und der Käfig war leer. Dann drückte ihn etwas mit Macht auf die Pritsche, etwas großes Schwarzes. Sein Kopf schlug auf dem Metallrahmen auf, aber er registrierte den stechenden Schmerz nicht. Weiße Zähne bauten sich wie eine Wand wenige Zentimeter vor seinen Augen auf. Stöhnend rang er nach Luft. Steinernen Monumenten gleich standen diese beharrten Beine auf seiner Brust und erschwerten ihm das Atmen. Scharfe Krallen drückten sich mehr und mehr durch den warmen Schlafsack, der Dans Körper gefangen hielt. Salzig schmeckender Speichel tropfte auf seine Lippen. Er spürte in seinem Gesicht warmen Atem, der nach verwesendem Fleisch roch. Kalter Schweiß rann in kleinen Bächen von seiner Stirn. Wieder erhellte ein Blitz die Nacht. Dan starrte in diese funkelnden orangegelben Augen und war für einen Moment lang wie gelähmt. Er hörte jemanden rufen. Wieder strampelte Dan und wand sich wie ein Fisch auf dem Trockenen. Die Rufe wurden lauter, kamen näher.
`Oh Gott. Melissa!´
Sein Oberkörper schnellte hoch und mit weit aufgerissenen Augen starrte Dan ins Dunkel der Nacht. Er schwitzte und sein Puls raste. Jeder Muskel tat ihm weh. Die Schreie des Seeadlers drangen durch die Bretterwand, hinter der sich die Praxis befand. Durch die offenen Giebel sah er ein Stück vom Sternenhimmel, kein Wölkchen war am Nachthimmel.
`Gottverdammter Albtraum´ dachte Dan. Ihm war heiß und er öffnete den Schlafsack. Er lachte darüber, wie leicht es ging. Sein Oberkörper sackte vorn über und er stützte seine Stirn auf die Handballen. Entspannt ließ er sich wieder zurückfallen und atmete tief. Mit dem rechten Unterarm bedeckte er seine Augen, während der linke Arm fast zeitgleich wie leblos von der Pritsche rutschte. Dan erstarrte. Seine Finger fühlten nicht den Staub des Bodens, sondern etwas Hartes mit kurzen Haaren. Und es war warm. Er tastete vorsichtig weiter. Etwas rauhes Feuchtes strich über seine Finger, gleichzeitig hörte er ein leises Schmatzen.
Langsam drehte er seinen Kopf nach links und sah im fahlen Licht die halb geöffnete Tür des Käfigs. Seine Augen wanderten weiter. Ein runder dunkler Schatten lag neben der Pritsche. Vorsichtig hob er den linken Arm und starrte an die Decke.
Er überlegte, was er tun solle. Aufstehen und "Scheiße" schreiend hinausrennen?
Machte es überhaupt einen Sinn, darüber nachzudenken? Bestimmt lag der Wolf schon ein Weilchen da und Dan lebte noch. Er sah keinen Grund, in Panik zu verfallen. Auf Antigua lebte er in einem Häuschen außerhalb der Hauptstadt. Dort hatte er weniger berechenbare Übernachtungsgäste. Das Highlight war eine Schlange unter der Klobrille, bei deren Anblick ihm der nächtliche Harndrang relativ unwichtig wurde. Dan hasste Schlangen wie die Pest. Seinen Nachbarn, in dessen Terrarium sie lebte, hätte er fast gelyncht als der sagte, dass diese Mexikanischen Königsnattern die reinsten Ausbrecherkönige sind und Dan froh sein könne, dass sie im Gegensatz zur ähnlich aussehenden Korallenotter nicht giftig ist. Fakt war, dass das Reptil anwesend und seine Pyjamahose nass war.
Dan ging es hier um Einiges besser als den unachtsamen Touries und Möchtegerns draußen in der Wildnis, die trotz eingehender Warnungen ihre Essensreste nicht vergruben oder köstlich duftenden Proviant nachts im Zelt aufbewahrten. Seitdem er seinen Hund hatte, befasste er sich mit diesen Tieren, die mehr gefürchtet als geachtet waren, und er wusste, dass er nicht ins Beuteschema passte. Solange er den Wolf nicht in die Enge trieb, war für ihn alles okay. Der hatte heute morgen schließlich eine Menge Gelegenheiten gehabt, Dan ans Leder zu gehen. Stattdessen ließ er sich füttern. Bald wurde Dan von der Müdigkeit überrannt und schlief wieder ein.
Früh am Morgen beendete ein lautes Scheppern Dans tiefen Schlaf. Wieder schreckte er hoch. Helles Licht blendete seine Augen, die er mit den Händen zu schützen versuchte.
„Oh Gott”, stöhnte er und hatte das Gefühl, auf einem Karussell zu sitzen.
Melissa stand mit einem Blecheimer in der offenen Stalltür und lachte, die helle Morgensonne im Rücken. Dan blinzelte sie an. Als er wieder klar denken konnte, schaute er sich hektisch um. Er atmete erleichtert aus als er bemerkte, dass Yello eingerollt unter seiner Decke im Käfig lag. Nur sein Kopf war zu sehen, der buschige Schwanz bedeckte seine Nase. Dan rieb sich den Schlaf aus dem Gesicht und hielt kurzzeitig inne, sah zu Melissa und wieder zum Käfig, dessen Tür geschlossen war. Nachdenklich strich er sich mit einer Hand über sein Kinn und vernahm das Knistern seiner Bartstoppeln.
„Na? Ist der Strom wieder da?” Sie lachte immer noch hinter vorgehaltener Hand.
„Guten Morgen, Dan. Hast Du gut geschlafen.”
„Besser als im Zelt. Hast Du das Gewitter heute Nacht gehört?”
Dan versuchte mit dieser dumm anmutenden Frage etwas Licht in diese Situation zu bringen. Um so verwunderter war er als sie sagte, dass es die ganze Nacht bis auf Ausnahmen geregnet hatte. Sie hatte einen leichten Schlaf und wurde vom Regen geweckt, der an ihr Fenster klatschte. Daraufhin sei sie aufgestanden und in die Praxis gegangen um sich zu vergewissern, dass die Dachluke geschlossen war. Ein Gewitter? Nein. Nur Regen. Sie habe jedoch zur Kontrolle in den Unterstand geschaut und sah Dan friedlich schlafend. Dan rieb sich erneut mit einer Hand über sein Gesicht und grübelte.
„Wirst bestimmt schlecht geträumt haben ….. im Gegensatz zu ihm.”
Melissa betrachtete Yello einen Moment lang und sah zu Dan.
„Hast du ihn zugedeckt?”
„Nein.”
„Hm.” Sie warf einen Blick auf die Tür des Käfigs. „Hatten wir die Tür gestern Abend verriegelt?”
„Also ich habe sie nicht verriegelt. Ich dachte du ...”
Melissa drehte sich zu Dan um und sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. Es war ihr peinlich. Mit einer Hand vor dem Mund starrte sie ihn an und bat um Entschuldigung. Dan stand auf und umarmte sie.
„Alles okay, Mel. Ist nichts passiert”, versuchte er sie zu beruhigen und sah über ihre Schulter zu Yello. Der Wolf öffnete ein Auge, sah Dan kurz an und schloss es wieder. Lächelnd sah Dan Melissa in die Augen. „Hey, ich bin hungrig. Lass uns frühstücken.”
Stolz gab Melissa ihrem neuen Piloten an diesem Morgen den Auftrag, nach Juneau zu fliegen um die Blutproben in der Tierklinik abzugeben. Dort hatte man Möglichkeiten für eine genauere Untersuchung. Auf dem Rückweg würde er einen Passagier haben. Eine Journalistin, die an einer Dokumentation über die Glacier Bay arbeitet. Deren Maschine landet jedoch erst am Nachmittag. Die Zeit dazwischen wollte Dan für Behördengänge nutzen. Er zockelte mit lockerem Tempo über die Excursion Ridge. Frei wie ein Vogel flog er Slalom zwischen diesen weißgrauen flauschigen Dingern und dachte an die nähere Zukunft. In zwei Wochen beginnt die Saison und Heerscharen von Touristen werden in diesem Landstrich die Einwohnerzahl vorübergehend um ein Vielfaches steigern. Alaska Airlines wird Gustavus in den Sommerflugplan aufnehmen und diese unternehmungslustige, zahlende Masse frei Haus liefern. Die Menschen, die davon lebten, warteten bereits wie die Grizzlys auf den Lachs, um sich Speck in Form von Geld anzufressen, damit sie den folgenden Winter überstehen. Es war dieser immer währende Kreislauf der Natur, der hier das Leben der Tiere und Menschen bestimmte und mit dem ewigen Sommer in der Karibik nicht zu vergleichen war. Achtzehn Stunden Tageslicht, Flightseeings, Schlittenhunde und Fracht. In Gedanken sah sich Dan jeden Abend mit krummen Rücken und den Handrücken am Boden schleifend nach Hause schleichen. Der Sommer würde hart werden. Aber er freute sich darauf.
Dan parkte die Cessna abseits des Terminals und wartete den Schauer ab. Um die Zeit zu überbrücken widmete er sich den Büchern und schickte Jerry eine SMS. Er wunderte sich, dass das Flugzeug immer wieder kurz wippte, denn so windig war es nicht. Er wurde steif vor Schreck, als jemand die Tür aufriss und ihn anschrie.
„Ist der Vogel wasserscheu, du Knaller?”
Jerry zeigte lachend auf seinen Freund und streckte ihm die Zunge raus.
„Reicht vollkommen, wenn die Kiste von einer Seite nass wird, du Pfeife. Was treibst du dich hier herum?”
„Zweitjob als Parkplatzwächter und Junggesellenschreck. Und du? Sehnsucht oder obdachlos? Komm mit! Ich hab da im Hangar zu tun.”
Dan rannte durch den Regen mit der Jacke über dem Kopf zu dem Hangar während Jerry mit den Händen in den Taschen seines Overalls gelassen hinterherschlenderte. In dem Hangar stand eine gelbe Piper Cub, vor dem Flugzeug eine volle Ölauffangwanne und ein Werkzeugwagen.
„Was beeilst du dich so? Regen geht nur bis hier”, lästerte Jerry und tippte mit einem Zeigefinger auf seinen Handrücken.
„Ich bin aus Zucker! Was ist das? Back to the roots?” fragte Dan, als er um die Piper ging.
„Stimuliert dich der Name O´Bannion auf irgendeine Weise?”
„Rothaariger, stets adrett gekleideter Herr mit irischen Vorfahren. Hat bei uns drüben seit einiger Zeit eine Werkstatt zu laufen und meist saubere Hände.”
Jerry warf ihm das Wartungsbuch des Flugzeugs zu. Dan setzte sich auf einen kleinen mit Möbelrollen bestückten Mechanikerhocker und zündete sich eine Zigarette an. Den letzten Eintrag las er mit Sorgfalt.
„Du kennst ihn also?”
„Vom Wegsehen. Was hat er verbockt?”
„Das weiß ich noch nicht. Jedenfalls fährt er Kampfpreise. Der Typ, dem das Flugzeug gehört, kam hier gestern mit stehendem Motor runter. Er hatte sie gerade aus der Werkstatt geholt. Und heute morgen fand ich Späne im Öl.”
Jerry schaukelt die Auffangwanne hin und her und zeigte auf die metallischen Fremdkörper. Er sagte, dass beim Check ein Ölwechsel gemacht wurde. Aber mit Schuldzuweisungen wolle er nicht um sich schmeißen, solang der Fehler nicht gefunden war. Zum Glück hat sich der Besitzer schon vor einiger Zeit einen Ersatzmotor besorgt, den er in der heimischen Garage hütete. Also werde ich heute den Motor tauschen und in Ruhe auf Fehlersuche gehen.”
„Das mit dem Zweitjob war kein Witz?”
„Nein. Ich hab den Hangar zur Hälfte gemietet. Ich teile ihn mit einem Piloten von hier, dessen Kumpel gehört die Mühle.”
„Und der Plan mit der eigenen Werkstatt? Ist mir eh ein Rätsel, wieso dich dein Arbeitgeber mit Päckchen rumschmeissen lässt.”
„Das kann ich bei der Firma abhaken. Die haben genug qualifizierte Leute. Und für eine eigene Werkstatt fehlt mir das Geld. Also schraube ich nebenbei. Wir brauchen jeden Cent. Du weißt, im September haben wir einen Esser mehr und ein Gehalt weniger. Wie sieht es bei dir aus?”
„Ich hab mich dazu durchgerungen, für Jake weiterzumachen. Mel hat mich gestern eingestellt.”
„Glückwunsch. Klingt gut.”
Jerry ging hinaus, zündete sich eine Zigarette an und zeigte auf die Cessna.
„Hey, Dan. Ich hätte ein STOL-Kit für die Biene.”
„Wäre sinnvoll. Muss ich aber erst mit meinem Boss besprechen. So, ich muss los. Hab noch ein paar Dinge auf dem Zettel.”
Jerry kramte in seinen Taschen und warf Dan einen Schlüssel zu.
„Für den blauen japanischen Kunststoffeimer hinter dem Hangar. Lunch bei Donna?”
Überpünktlich war Dan wieder auf dem Flugplatz. Es reichte noch für einen Kaffee und ein Stück Schokoladenkuchen. Die Wartezeit verbrachte er damit, den Nachnamen seines Passagiers lesbar auf ein Stück Pappe zu kritzeln, das er aus dem Papierkorb eines Check-in-Schalters fischte. Er war nicht der Einzige, der auf den Flug aus Seattle wartete. Zwei Piloten saßen am Nachbartisch. Sie diskutierten die Diebstahlserie und das, was sie mit den Scheißkerlen machen würden wenn sie sie in die Finger bekämen. Schließlich hatte man Pferdediebe früher auch sofort auf der Stelle gehängt, sagte einer von ihnen und lachte heiser. Er musste so um die Sechzig sein und trug die übliche Tracht. Steppweste mit vielen praktischen Taschen, Holzfällerhemd, Jeans und Boots. Eine Basecap bedeckte seinen breiten Scheitel und ein gepflegter Vollbart zierte sein Gesicht. Sein Bauchansatz ließ ahnen, dass er einen großen Teil seines Lebens in seinem ganzen Stolz, einer Beaver Mk1, Baujahr 52, verbracht haben muss. Aber diese Idioten bekämen das Erbstück seines Vaters sowieso nicht ohne weiteres zum Laufen und würden nur den Motor ruinieren. Außerdem wäre ohne GPS am Ende der Startbahn Feierabend und sie würden von ihren Eltern als vermisst gemeldet werden. Wieder bebte diese Mischung aus Grizzly Adams und Charles Lindbergh vor Lachen und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, dass die Tassen klirrten. Dan hörte ihnen zu, aber sie schenkten ihm kaum Beachtung. Sah er doch mit seiner Karibikbräune und GoreTex-Jacke eher wie ein Urlauber aus.
Das änderte sich in der Halle des Juneau International Airport. Der Terminal war von überschaubarer Größe und an diesem gewöhnlichen Wochentag vor der Urlaubszeit nicht sehr belebt. Die Bodenstewardessen hatten genug Zeit für einen Plausch bei einer Tasse Kaffee. Die 737 der Alaska Airlines war heute nur zur Hälfte ausgebucht. Der wirklich große Schwung kam immer samstags. So schnell wie die kleine Geräuschwelle, bestehend aus Gemurmel und klackenden Absätzen über den glänzenden Boden der Halle schwappte, verlor sie sich auch wieder. Dan hielt das Pappschild mit der Aufschrift Hatchett mit zwei Fingern vor seine Brust. Ein paar Armlängen neben ihm unterhielten sich die beiden Piloten aus der Cafeteria über die neuesten Jagdgewehre und Angelköder . Nur einer von ihnen hatte wie Dan ein Stück Pappe in der Hand: Pilot for rent.
Eine erfreulich attraktive Frau mit glatten, schulterlangen blonden Haaren, die im Takt ihrer Schritte wehten, ging zielstrebig auf Dan zu. Die Schulterriemen ihres Rucksacks und der schmalen Umhängetasche zogen an der halb geöffneten blaugrauen Windjacke und schoben sie wie einen Theatervorhang beiseite. Für Dans Augen hatte diese Erscheinung die richtigen Sachen am richtigen Platz, ihre dunkelblaue Levis saß wie eine zweite Haut.
„Robyn Hatchett.” Sie lächelte. Ihr Händedruck war fester, als er es von dieser schlanken Person erwartete.
„Sie sind ....?”
„Freut mich, Mrs. Hatchett. Dan Miller. Ich bin im Auftrag von Jake Turners Tochter hier.”
Die Piloten neben Dan unterbrachen ihr Gespräch. Unauffällig sahen sie zu ihm herüber und raunten sich etwas zu.
„Also, Ma`am. Wenn Sie soweit sind, können wir sofort los.”
„Ich brauch nur noch mein Gepäck.”
Sie gingen in Richtung des Gepäckbandes. Dan nickte im Vorbeigehen den beiden Piloten zu. Der Vollbärtige nickte zurück und sprach mit einer Lautstärke, die die Geräusche im Terminal leicht übertönte.
„Liebe Grüße an Melissa ... von Gus und Dennis.”
Zur gleichen Zeit in Gustavus.
„DEREK!”
Der Ruf Patrick O´Bannions hallte wie ein Gewehrschuss durch den Hangar und übertönte das Trommeln der dicken Regentropfen auf dem Blechdach. Quittiert wurde er von dem klingelnden Geräusch eines heruntergefallenen Schraubenschlüssels.
Derek Waltrips Kopf erschien neben dem Propeller eines Flugzeugs.
„Hat jemand geklopft?”
„Was nicht ist, kann noch werden. In mein Büro!”
Der Tonfall seines Chefs belegte, dass er nicht zu Scherzen aufgelegt war.
„Ich bekam eben einen unerfreulichen Anruf aus Juneau.”
O´Bannion ließ sich mit seinem vollen Gewicht in den ledernen Bürosessel fallen und rieb sich mit zwei Fingern über die geschlossenen Augen.
„Der Piper Cub ist der Motor verreckt. Hast du irgendwas vergessen? Ist dein Werkzeug noch komplett?”
Derek mochte es nicht, wenn man in dieser Form an seinen Fähigkeiten zweifelte. Derlei Gespräche ging der Vorgänger seines jetzigen Chefs sensibler an.
„Denk bitte nach, Derek!”
Derek zeigte mit dem Daumen über die Schulter.
„Geh und zähl es nach! Ich hab den Motor gestern eine halbe Stunde lang probelaufen lassen. Er war dicht und schnurrte wie ein junges Kätzchen. Hast es doch selber gesehen.”
O´Bannion atmete tief durch die Nase ein.
„Derek, solche Sachen dürfen einfach nicht vorkommen wenn wir in Zukunft hier zusammen weitermachen wollen.”
Sein Gegenüber senkte den Kopf, der sich vor Wut rot färbte. O´Bannion schlug einen versöhnlicheren Ton an.
„Kopf hoch. Ich höre mich in Talkeetna nach einem Motor um. Vielleicht kommen wir ja mit einem blauen Auge aus der Sache raus. Ist die Warrior fertig?”
„Alles erledigt. Proviant für unsere Freunde ist an Bord. Soll ich nochmal nach der Schwimmweste sehen? Nur für den Fall, dass .....?”
Mahnend hob Dereks Chef einen Zeigefinger. „Reiz mich nicht. Hau ab! Mach dich wieder an die Arbeit!”
Der Mechaniker stand rauchend im offenen Hangartor als Michael Buchanan, der Flugplatzmanager, mit schnellen Schritten um die Ecke kam.
„Verfluchtes Dreckwetter. Hey Derek. Ist dein Chef da?”
„Ist im Büro.”
Derek tippte auf das gelbe Schild an der Außenwand des Hangars.
CAUTION! EARPROTECTION REQUIRED BEYOND THIS POINT
„Ist er schräg drauf?”
„Ich komme mit dem Hundesohn nicht klar, Buck. Eben hat er mir sogar mit Kündigung gedroht.”
Michael legte eine Hand auf Dereks Schulter.
„Kopf hoch, alter Junge. Morgen ist ein neuer Tag.”
„Neuer Tag. Scheiße. Vor zwanzig Jahren hätte ich ihn mit dem Kopf voran in die Mülltonne gestopft und wäre abgehauen. Nur mit 59 sieht die Welt etwas anders aus. Willst du was bestimmtes von ihm?”
„Nichts besonderes. Nur für die Spende danken, die er der Kirchengemeinde hat zukommen lassen. Hat Zeit bis morgen.”
„Spende? Und mir kürzt er den Lohn weil der Laden angeblich nicht rund läuft. Komm übermorgen nochmal rein. Gott sei Dank fliegt er gleich für zwei Tage geschäftlich nach Talkeetna. Und die Zeit werde ich in vollen Zügen genießen.”
Wütend warf Derek den Rest seiner Zigarette auf den Asphalt. Buck wusste, wie er seinen alten Freund aufmuntern konnte.
„Ich hab daheim noch einen guten Bourbon, der sich verflucht einsam fühlt.”
Derek lachte.
„Dann sollten wir ihm Trost spenden, Buck. Ich wollte heute abend unter ein paar Elchsteaks Feuer machen. Du und dein Bourbon seid eingeladen.”
Eine Stunde später befindet sich die Piper Warrior in tausend Fuß Höhe zwischen dem Serrated Peak und der Dundas Bay. Der irischstämmige Pilot griff zu dem WalkieTalkie auf dem Copilotensitz.
„Cottonwood ... March Hare.”
Das Funkgerät schwieg, O´Bannion schaute auf das Display und den Lautstärkeregler.
„Cottonwood .... March Hare. Verdammt nochmal! Schlaft ihr da unten?”
Er schob seinen Kopfhörer ein Stück zurück und hielt das WalkieTalkie in die Nähe seines Ohrs. Fast entglitt ihm das Funkgerät, als ein hochfrequenter Ton durch den Äther pfiff. Dann war wieder Ruhe. O´Bannion sah den kleinen Apparat kopfschüttelnd an und wiederholte seinen Ruf.
„March Hare .. Cottonwood”, quäkte es aus dem Lautsprecher
„Cottonwood. Das wurde aber auch Zeit. Was soll der Quatsch?”
„Sorry, Hare. Nebenbei wird hier auch gearbeitet.”
„Roger, Cottonwood. Ich bin zwei Meilen südlich Serrated Peak.”
„Copy, Hare. Standby ... zwei Minuten.”
Tommy Spraggett, ein kleiner schmalschultriger Mann mit korrekt gescheiteltem Blondschopf und Nickelbrille sprang auf ein Geländemotorrad japanischer Herkunft und fuhr im gemächlichen Tempo über die Naturpiste östlich des 1000 Meter hohen Serrated Peak. Am Ende der Piste warf er einen Blick auf ein paar bunten Streifen aus RipStop-Nylon, die an der Spitze einer acht Meter hohen Aluminiumstange raschelnd im Wind flatterten.
„March Hare. Alles okay hier. Keine Tiere. Mäßiger Wind aus Nord mit Böen. Die Piste ist feucht nach Regenschauer ... etwas schmierig. Setz möglichst früh auf und Vorsicht mit der Bremse.”
Der Enkel irischer Einwanderer wusste den Service des ehemaligen Navysoldaten zu schätzen, denn Landungen auf Naturpisten waren seine Sache nicht . Der Blondschopf beobachtete den Anflug und gab dem Piloten mit kurzen Kommandos per Funk Hilfestellung.
„Glückwunsch zur zweitbesten Landung auf diesem unberührten .... Ach. Scheiße.”
Locker erweckte der Blondschopf den japanischen Zweitakter per Kickstarter zum Leben und folgte der Piper Warrior bis vor den kleinen Hangar der Mitte der Achtziger des vergangenen Jahrhunderts aufgegebenen Forschungsstation. Er zog das Tor des Hangars auf und pfiff auf zwei Fingern. Augenblicke später traten drei Männer aus dem Gebäude und luden wortlos einige Kartons und Blecheimer aus dem Flugzeug.
„Das dürfte für die nächste Woche reichen. Passt mit dem Wodka auf! Sonst reißt euch Boris den Kopf ab.”
Lachend sah Patrick O´Bannion den Männern zu. Der Blondschopf hatte derweil sein Motorrad gegen eine Winchester getauscht, die er mit einer Hand am Vorderschaft in seine Taille drückte und deren Lauf zum Himmel richtete. Mit der freien Hand angelte er sich eine Zigarette aus einer Beintasche seiner Baggy-Hose.
„Ist gut gegen die verdammten Mücken. Wenn die uns nicht schaffen, dann die Grizzlys. Hast du an das Mosquito Dope gedacht, Pat? Die Viecher nerven höllisch.”
„Ist in einem der Kartons ganz oben. Baller hier bloß nicht unnötig rum, Tommy. Sprich mit deinem Zeigefinger, wenn er zu nervös wird.”
„Keine Sorge. Schließlich sind wir ja ...... zu Forschungszwecken hier.”
O´Bannion warf den Kopf in den Nacken und brach in schallendes Gelächter aus.
„Genau, Tommy. Läuft sonst alles zur Zufriedenheit?”
„Wir sind froh, wenn wir in zwei drei Wochen die Segel streichen können. Wie gesagt: Mücken, Bären und Mangel an .....”
Mit der freien Hand malte er die halbe Silhouette eines Frauenkörpers in die feuchte Luft und grinste zweideutig.
„Vorgestern kamen hier zwei Touristen durch, ein Pärchen. Wir konnten Dominic mit letzter Kraft zurückhalten.”
Wieder lachte O´Bannion lauthals.
„Springt lieber in den kühlen Fluss, wenn euch das Fell juckt. Was macht denn unser ... ?”
„Schläft. Er war heute morgen etwas nervös. Pete hat ihm was zur Beruhigung gegeben. Ich verstehe nicht, warum wir ihn nicht sofort erledigt haben. Mich und die Jungs kotzt es an, Babysitter zu spielen.”
„Mit Mord will ich nichts zu tun haben. Wenn wir abhauen, soll Dominic ihn mit nach Kanada nehmen und ihn an einer Stelle aussetzen, wo er niemandem auf den Wecker fällt.”
„Ich dachte, er sei in eine Gletscherspalte gefallen, also warum.....”
„Schluß jetzt, Tommy. Ich hab meine eigenen Pläne mit ihm und damit basta!” _________________ Beste Grüße
Jörg
Irren ist menschlich. Aber wenn man richtig Mist bauen will, braucht einen Computer.
Dan Rather |
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JörgB Moderator


Anmeldungsdatum: 18.08.2006 Beiträge: 2195 Wohnort: Bielefeld FS-Version: 9.1
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Verfasst am: Di 02 Feb 2010, 18:32 Titel: (Kein Titel) |
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Teil 5
Dan merkte recht schnell, dass Robyn Hatchett nicht auf ihren süßen Mund gefallen war. Drehte sie sich doch auf dem Weg zum Flugzeug um und fragte ganz unverhohlen, ob er ihr auf den Hintern starrt. Sie hatte gut reden, denn sie trug ja nur ihren kleinen Rucksack mit der Fotoausrüstung und die schmale Umhängetasche mit dem Laptop, während er die Gepäckkarre mit den beiden schweren Reisetaschen schob. Und mit der hatte er genau diese eine von Hundert erwischt, an der ein Rad machte, was es wollte. So schlecht war ihre Idee nicht. Den Mendenhall und alles, was drumherum lag, hatte Dan schon oft gesehen. Ungern lief er nicht in ihrem Heckwasser. Ihr blumiges Parfüm wärmte seine Erinnerungen an Antigua auf. Und ihr Hintern hätte beim Rear of the Year Contest bestimmt keinen Trostpreis erhalten. Er zog die Augenbrauen hoch und schob die Unterlippe vor, als er im Flugzeug ihren Ausweis verlangte um einige ihrer Daten in das Ticket zu schreiben. An dem Gesicht der Blondine aus Portland im Bundesstaat Maine, die einen halben Kopf kleiner war als er, sind die letzten neununddreißig Sommer recht spurlos vorüber gezogen. Ihm wurde merklich wärmer als sie von ihrem Plan berichtete, mindestens zwei Monate lang in Gustavus zu bleiben. Pünktlich zum Start setzten die vorhergesagten Regenschauer wieder ein. Ein Anruf bei Buck genügte, um sicher zu stellen, dass einer Landung in Gustavus nichts im Wege stand. Von seinem Fenster aus konnte Buck die Excursion Ridge erkennen, also lag die Sicht dort bei mehr als vier Meilen.
„Da hab ich mir ja gleich das richtige Wetter ausgesucht.”
„Woher sollte der Begriff "Pazifischer Regenwald" kommen? Keine Sorge wegen des Wetters, Mrs. Hatchett. Ihr Hintern ist bei mir in guten Händen.”
Sie lächelte mit zusammengepressten Lippen und sah aus dem Seitenfenster. Dan lachte.
„Also muss ich aufpassen, was ich sage?”
„Bei der Vorlage? Ich hoffe sehr, dass in diesen schweren Reisetaschen auch so unnütze Dinge wie Bikinis und Badeanzüge Platz hatten.”
Lachend hob sie die Hände und senkte den Kopf.
„Okay, Sie haben gewonnen. Und ich muss Sie enttäuschen. Nicht eine Sekunde dachte ich angesichts der Temperaturen an einen Badeurlaub.”
„Ich weiß. Miss Turner hat mich über Ihr Vorhaben unterrichtet.”
„Das wäre fast geplatzt, als sie mir von der Tragödie mit ihrem Vater berichtete. Ich habe immer noch gemischte Gefühle, die kommende Zeit dort zu verbringen. Aber wenn Miss Turner meint, es sei okay, dann soll es wohl so sein. Sie sind ein Freund der Familie?”
„Das ist korrekt. Jake ist eine wenig Schuld daran, dass ich hier sitze.”
„Autsch.”
„Ich wollte damit sagen: Er gab mir meine ersten Flugstunden. Da war ich dreizehn. Soviel zu Freund der Familie. Ist also schon ein Weilchen her. Und glauben Sie es: Wenn mein Boss etwas dagegen gehabt hätte, dass Sie bei ihr wohnen, dann hätte sie den Mund aufgemacht.”
„Okay. Also werden wir zwei dann die Gegend unsicher machen, wenn ich Luftaufnahmen brauche?”
„Wenn Sie nichts dagegen haben, Mrs. Hatchett.”
„So lange Sie mir keinen Stehplatz andrehen.”
Nun sah Dan grinsend aus dem Fenster. Soviel war sicher: Die kommenden Monate werden alles andere als langweilig.
Als sie das südliche Ende der Chilkat Range erreichten, legte der Regen an Heftigkeit zu und Turbulenzen brachten die Cessna ins Schlingern.
„Mistwetter. Man sieht kaum etwas. Aber Sie wissen, wo wir sind?”
„Das ist wie der Heimweg bei Nebel in Portland. Manche Dinge erkennt man sofort. Vor uns ist das Ufer von Pleasant Island. Dort halb rechts sind schon die Lichter vom Flugplatz, also haben wir in ein paar Minuten wieder festen Boden unter den Füßen.”
Über der Icy Strait zuckten die Blitze eines aufziehenden Gewitters und erste Böen schlugen auf das kleine Flugzeug ein. Der Landeanflug war wie die sprichwörtliche Fahrt über einen Kartoffelacker. Dichte Wolken verfinsterten den Himmel und tauchten den späten Nachmittag in dämmeriges Licht, als Dan den Motor vor Bucks Hangar abstellte.
„Willkommen in Gustavus, Mrs. Hatchett.”
Im Hangar standen drei Schatten neben einer Beaver. Jemand machte Licht und Dan erkannte Buck, Derek Waltrip und Melissa. Unaufgefordert kamen sie dem Piloten zu Hilfe und zogen die Cessna ins Trockene. Nach einer kurzen Begrüßung luden sie das Gepäck des Gastes im Melissas Chevy Blazer um.
„Kannst du hellsehen?”
„Dann würde ich nicht als Tierärztin arbeiten. Buck hat mich vor einer halben Stunde informiert, dass ihr auf dem Weg seid. Kommst du gleich mit, oder .....?”
„Fahrt ihr schon los. Ich möchte eben einen Kaffee mit den Jungs nehmen und danach kurz bei meinen Eltern vorbei schauen. Oder ist es dringend?”
„Da hat jemand Sehnsucht nach dir. Und halte dich mit dem Essen etwas zurück. Heute Abend gibt es Lachs.”
Die drei Männer saßen bei Kaffee und Zigaretten in Bucks Büro und quatschten über das Wetter. Draußen gewitterte es immer noch heftig und niemand sah einen Anlass, diese gemütliche Runde zu verlassen. Buck und Derek grinsten Dan an und konnte ihre Sticheleien schwer hinter dem Berg halten.
„Sieh an, sieh an. Sehnsucht also.”
„Also ich würde hier bestimmt nicht herumlungern, wenn ich zwei von diesen Brummern vor der Flinte hätte. Und Mel hat dich scheinbar bereits fest im Griff, wenn du nur auf Befehl essen darfst.”
„Lass nur, Derek. Ihr Lachs hat ein paar Sterne verdient. Da würde ich auch Befehle entgegennehmen.”
„Bei eurem Größenunterschied braucht sie keinen Lachs, du Setzei. Komm Buck, stell Dich nicht an und steig endlich in den Kinderwagen.”
Hinter der Tür zur Toilette rauschte die Spülung. Dann trat ein Herr um die Siebzig mit Gehstock in das Büro.
„Habt ihr den Knall eben gehört? Für einen Moment glaubte ich ernsthaft, ich sei das gewesen.”
Er kicherte, nahm sich einen Becher von dem schwarzen Muntermacher und sah sich um.
„Aah. Der junge Miller. Mal wieder auf Urlaub?”
„Schön, dich zu sehen, Rowdy. Diesmal werde ich wohl etwas länger bleiben.”
Rowdy Thompson holte die kalte Hälfte einer Zigarre aus seiner Jackentasche und erweckte sie zu neuem Leben. Nachdenklich blies er den Rauch über die Glut und nickte in Bucks Richtung.
„Ich hörte von unserem Prediger bereits davon. Du fliegst Jakes Mühle.”
Dan zog an seiner Zigarette und nickte stumm.
„Gute Entscheidung, Sohn. Eine üble Geschichte. So sollte ein Pilot nicht sterben. So wie Harold. Das war okay.”
Derek Waltrip verschluckte sich an seinem Kaffee und schüttelte den Kopf.
„Lieber daheim im Bett. Ich sehe immer noch das Bild vor mir. Er saß morgens in seinem Bürostuhl über seinen Papieren. So, als ob er lesen würde. Und ich Idiot stelle ihm auch noch einen Kaffee hin.”
Derek schüttelte sich , als ob es ihn fröstelte und leerte seine Tasse in einem Zug. Es war ihm leicht anzusehen, dass dieses Thema für ihn unangenehm war und niemand hielt ihn zurück, als er unter einem Vorwand das Büro verließ.
„Was ist? Hab ich was Falsches gesagt?”
„Sorge dich nicht, Rowdy”, sagte Buck. „Er vermisst Harold mehr als jeder andere. Derek und sein neuer Chef sind nicht gerade ein Traumpaar. O´Bannion hängt den ganzen Tag wichtig im Büro. Harold ..... naja.”
„Ja, so ist es, junger Miller. Die Alten gehen. Die Jungen rücken mit ihren neuen Besen nach und verstehen nicht, dass man in einigen Ecken den Dreck liegen lassen muss.”
„Na, ich denke, du wirst uns noch eine Weile erhalten bleiben, Rowdy.”
„Nett gesagt, Junge. Aber für mich ist es auch Zeit. Der Stunt im letzten Herbst war so etwas wie der Schuss vor den Bug. War ein verdammt mieses Bild, als meine alte Kiste da kopfüber im Wasser trieb. Aber da dachte ich noch `Hey, das passiert und deine Knochen sind heil´. Ein paar Jungs kauften mir meine Alte ab und boten mir die frisch restaurierte draußen im Hangar an. Verrückte Typen unten aus Ketchikan. Kaufen Wracks, bauen sie auf und verkaufen sie wieder. Hat keine zwei Tage gedauert, bis sie sie auf ihrem Boot hatten.”
Rowdy machte eine kurze Denkpause und blies wiederholt Rauch über die Glut seiner Zigarre.
„Die Augen wollen nicht mehr, Junge. Und bevor ich schleichend vom Wohltäter zur Gefahr für die Menschheit mutiere, mache ich lieber Schluss. Ich verkaufe hier alles und ziehe zu meinem Sohn nach Ketchikan. Er und seine Frau haben zwei süße Kinder, die sich auf ihren Großvater freuen.”
Buck sah scheinbar abwesend aus dem Fenster und malte mit dem Fingernagel eines Zeigefingers kleine Wolken auf die beschlagene Scheibe, aber er hörte den Männern zu.
„Brauchst du ein Auto, Dan?”
„Ja genau. Ich will meinen Pickup loswerden. Den brauche ich in Ketchikan nicht mehr.”
Es regnete noch immer, doch das störte die Männer nicht. Am allerwenigsten Dan, der es leid war, auf andere angewiesen zu sein, wenn es darum ging auf dem Landweg von A nach B zu kommen. Das, was Rowdy ihm vorführte, war genau das richtige Gefährt.
„Ford F-150 XLT, Baujahr siebenundachtzig. Hat schon 250000 Meilen auf dem Buckel. Einmal Erde-Mond.”
„Und den Rückweg machte er im freien Fall,” lachte Buck.
Dan sah sich den Pickup genauer an, während Buck vor Rowdy flüchtete. Trotz seines Beins war der Alte immer noch gut zu Fuß und jagte den Gnom, wie er den kleinen Flugplatzmanager nannte, über den Parkplatz. Der Wagen war wirklich keine Schönheit und sah mit seinen Beulen so aus, als hätte er eine Landung in der kasachischen Steppe hinter sich.
„Wieviel, Rowdy?” rief Dan über den Parkplatz.
„Gib mir 1000. Reifen und Bremsen hab ich vor einem Vierteljahr machen lassen.”
Rowdy kam zu Dan, mit Buck im Schwitzkasten, und grinste ihn an.
„Vielleicht ist heute mein Glückstag. Brauchst du noch ein Haus? Dann spare ich die Gebühren für den Makler.”
„Wäre einen Blick wert. Aber erst morgen.”
„Kein Problem, Junge. Das Auto kannst du gleich mitnehmen. Buck hat gerade angeboten, mich nach Hause zu fahren.”
„Davon hab ich nichts gehört”, grummelte Buck. Er steckte noch immer in Rowdys Armbeuge fest und der massierte ihm mit der Faust den Kopf.
„Aua .... Doch. Jetzt hab ich es gehört. Hör auf, Rowdy. Ich mach´s ja.”
Das Abendessen im Haus der Turners war locker und zwanglos. Müde von der Reise ging Robyn Hatchett früh zu Bett. Mel und Dan nahmen noch einen Whisky am Kamin, bis ein langgezogenes, traurig klingendes Heulen ertönte. In Yellos Zwinger stand ein unberührter Napf mit Fleisch. Melissa hatte ihn schon am Nachmittag hingestellt, aber ziemlich plump ein paar Pillen darin versteckt, und die roch Yello. Dan hielt es wie die Filmfigur Dr. Alan Grant:"Er möchte nicht gefüttert werden. Er will jagen."
In weiser Voraussicht hatte er sich auf dem Weg vom Flugplatz zwei große Steaks besorgt. Eins davon schnitt er in Streifen und die versteckte er erreichbar im Unterstand. Das zweite Steak präparierte er mit den Medikamenten. Dann öffnete er die Käfigtür und Yello begann vorsichtig mit der Suche. Nachdem er alle Appetithäppchen gefunden hatte, warf ihm Dan das zweite Steak am Stück hin. Die Rechnung ging auf, Yello schlang den präparierten Einpfünder ohne großes Federlesen runter. Für Dan war die Frage des Schlafplatzes ohnehin geklärt und er bevölkerte auch in dieser Nacht die Pritsche neben Yello.
Früh am nächsten Morgen zerschnitt der Hartzell den Dunst über Gustavus. Melissa hatte kräftig auf die Werbetrommel geschlagen. An Bord waren zwei Thermoboxen mit Heilbutt. Der Fang der ersten Angeltouristen wurde in handlichen Portionen vakuumverpackt und tiefgefroren via Juneau bis vor die Haustüren der Freizeitfischer aus den Lower 48 geliefert. Dazu gesellten sich zwei Säcke mit Paketen und Briefpost. In Juneau gab es zwei Passagiere zum Goulding Lake südlich von Pelican. Von Pelican nochmal Kisten. Diesmal mit frischen Krabben für die Restaurants in Gustavus. Es war zwar noch nicht viel zu tun, aber Dan freute sich, dass seine Chefin den Morgen mit diesem Rundkurs voll machen konnte. Die Stationair lag ruhig in der Luft und folgte dem eingeschlagenen Weg gerade wie ein Pfeil. Gähnend goss er sich einen Kaffee ein und ließ den gestrigen Abend mit den Damen und die kurze Nacht auf der Pritsche neben Yello Revue passieren. Der Indianer hatte verdammt Recht mit seiner Äußerung über Verhaltensforscher.
Ähnlich wie gestern war auch an diesem Morgen die Südspitze der Chilkat Range der Raumteiler zwischen Sehen und Nichtsehen.
Die Wartezeit nach dem Ausladen reichte, um mit Jerry die üblichen Sprüche bei zwei Tassen Kaffee und Hühnchensandwiches auszutauschen. Pünktlich um halb neun wummerte neben der Cargohalle der V8 des Servicevans eines Hotels aus Juneau mit Dans Passagieren. Alejandro Vasquez und sein Begleiter Joshua Muhlenberg, beide Ende zwanzig, aus San Diego. Die Jungs luden ihre Ausrüstung nach Dans Anweisung in das Flugzeug, er hakte auf Alejandros Bitten deren Checkliste ab. Der gebürtige Mexikaner war zweifellos die treibende Kraft des Duos und wollte sicher sein, dass nichts vergessen wurde. Er kam als Vierzehnjähriger mit seinem Vater erstmals nach Alaska und bis zu seiner Volljährigkeit wiederholten sie alle zwei Jahre den Vater-Sohn-Urlaub im Norden. Als Alejandro zwanzig war, setzte er diese Tradition alleine fort.
Joshua war zum ersten Mal in Alaska und brannte an diesem Morgen nicht gerade vor guter Laune. Teilnahmslos stand er mit den Händen in den Taschen auf dem Vorfeld. Die Hälfte seines Gesichts verbarg er vor dem kühlen Wind hinter dem hoch geschlossenen Kragen seiner Jacke. Seine Kommentare hatten einen sarkastischen, aber doch humorvollen Tonfall.
„Müssen wir wirklich den ganzen Quatsch noch Mal kontrollieren?”
„Josh, was wir hier vergessen, fehlt uns die nächsten vierzehn Tage. Stimmt´s Sir?”
„Yup. Ist vom Goulding Lake ein wenig weit bis zum nächsten Supermarkt.”
„Vierzehn Tage mit dir mitten im Nichts. Oh Mann, das kann heiter werden.”
Dan verfolgte während des Fluges die Konversation seiner Passagiere, die ohne weiteres als Standup-Commedians Erfolg haben könnten. Sie besuchten zur gleichen Zeit die PLNU in San Diego, liefen sich aber in einer Musikbar in Tijuana, oder TJ, wie man unten in Kalifornien sagt, über den Weg.
Joshua war aus gutem Hause und hat Meeresbiologie studiert. Wahrscheinlich nur, um seine Eltern ruhig zu stellen und als Ausrede, um noch mehr Zeit am Meer zu verbringen. Sein ganz persönlicher Sinn des Lebens lag irgendwo zwischen Hawaiian Soul und Hawaiian Tropic auf dem Strand von La Jolla. Alejandro dagegen war ein Musikfreak. Seine Eltern schafften es in jungen Jahren mit viel Schweiß und Glück, den heißen, staubigen Slums von TJ zu entkommen. Auf legale Weise, wie Alejandro betonte. Er hatte Musik studiert und arbeitet heute wie sein Vater als Studiomusiker. Verschiedener konnte das Gespann nicht sein, aber sie liebten es, daheim in San Diego abends gemeinsam am Strand mit ihren Gitarren zu sitzen und bei einem Bier Songs zu komponieren.
Die Zeit verging schnell. Eine gute Stunde später war der Goulding Lake in Sicht.
„Hey Leute. Da unten raucht was. Ist das die richtige Hütte?”
„Werden die Vormieter sein, Josh. Wir dürfen erst ab zwölf Uhr rein.”
„Mann, es ist noch nicht mal elf. Da hätte ich ja noch eine Stunde liegen bleiben können.”
„Je früher, desto besser, Josh. Außerdem ist der Flug der spannendste Part. Früher mit meinem Dad mussten wir sogar woanders landen und warten, weil das Wetter zu schlecht wurde. ”
„Wieso fliegt man los, wenn man noch nicht mal weiß, ob man landen kann? So ein Schwachsinn.”
Dan kreiste zweimal über dem See und suchte einen Weg nach unten. Alejandro hatte eine gute Aussicht auf dem Sitz des Copiloten und einen geübten Blick.
„Wind aus Südost? Dann müssen wir vielleicht zwischen den beiden Bergen durch?”
Dan stimmte anerkennend zu. Genau den Weg hatte er sich bereits in Gedanken zurechtgelegt.
„Was meinst du mit zwischen den Bergen?”
Joshua rutschte unruhig auf den hinteren Sitzen umher und versuchte zu sehen, was sein Kumpel sah. Alejandro drehte sich um und lachte.
„Halt Deinen Arsch fest, Champion. Was jetzt kommt ist besser als Giant Dipper.”
„Oh mein Gott. Wir werden alle sterben.”
Dan legte nach der Landung die Stationair seitlich ans Ufer, um das Ausladen über die Tür an Steuerbord zu erleichtern. Alejandro lächelte, als er die Mieter der kleinen Hütte sah. Es war ein junges Ehepaar mit ihrem fünfjährigen Sohn, das auf einen Piloten wartete, der aus Sitka kommen würde.
„Scheiße. Kein Empfang”, stöhnte Joshua. Er fingerte am Ufer sofort an seinem Mobiltelefon herum und hielt es in verschiedene Richtungen. Der Mexikaner lachte.
„Was glaubst du wohl, was die vom Nationalpark meinen, wenn sie entlegene Gegend in ihre Prospekte schreiben? Hier. Die Schwimmwesten. Fang auf.”
„Warum schleppen wir die Dinger mit? Ich kann schwimmen!”
„Josh. Das ist nicht La Jolla. Der Tümpel hat bestimmt keine zehn Grad. Wenn wir mit dem Boot kentern, ist das übel.”
Die ersten Tiere hatten die Neuankömmlinge bereits bemerkt und umkreisten sie mit summenden Geräuschen auf der Suche nach frischem Blut.
„Shit. Alaska Air Force. Josh, hast du in Juneau das Zeug gegen die Moskitos besorgt?”
Alejandro kramte in einem kleinen Rucksack, den er als Urlaubsapotheke deklariert hatte. Joshua tastete seine Taschen ab und warf seinem Freund eine kleine Sprühflasche zu.
„Hey Mann, bist du verrückt? Das ist Pfefferspray. Wir sind in Alaska und nicht in Mira Mesa. Du solltest was gegen die Moskitos besorgen.”
„Also ich finde, Bären sind viel gefährlicher als Moskitos.”
„Von den Bären wirst Du nicht mehr viel merken, wenn uns die kleinen Plagegeister ausgelutscht am Ufer zurücklassen. Außerdem wirkt Pfefferspray nur auf fünf Meter mit Rückenwind. Da werden deine Unterhosen längst bemerkt haben, dass Adrenalin braun ist. Bei deinem Glück fliegt das Zeug sowieso dir in die Fresse.”
Joshua wandte sich an Dan, um sein Handeln zu verteidigen.
„Als ich klein war, musste ich mit meinen Eltern im Yosemite campen. Da hat mich ein Schwarzbär angegriffen.”
„Die Nummer”, stöhnte Alejandro und ließ hinter Joshuas Rücken einen Zeigefinger an seiner Schläfe kreisen.
„Ja, Josh. Er hat die Sandwiches in deinem Rucksack gerochen. Außerdem war das der Neufundländer von eurem Zeltnachbarn. Dein Vater hat es mir erzählt.”
„Aber er war schwarz.”
Die Umstehenden wären fast explodiert vor Lachen. Dan ging zum Flugzeug und holte eine Flasche OFF! aus seinem Rucksack. Alejandro witzelte weiter und fragte seinen Freund, ob er `Row, row, row your boat´ kannte.
„Glaubst du, ich stell mich jetzt hier hin und singe Kinderlieder?”
Alejandro lachte nur und gab seine Version des Liedes, dass jeder Amerikaner lernt bevor er koordiniert geradeaus laufen kann, zum Besten.
„Row, row, row your boat
gently down the stream
if you see a Grizzly bear
don´t forget to scream.”
Er fügte hinzu, dass man den Grizzly je nach Topographie auch gegen Wasserfall austauschen konnte. Das Ehepaar klopfte sich vor Lachen auf die Schenkel.
„Hey, Mann. Hör auf mit der Bärenscheiße. Das... ist... NICHT.... witzig.”
Alejandro kramte erneut in dem Rucksack mit der Urlaubsapotheke.
„Was gibt das?”
„Bärenscheiße. Ich glaub ich hatte irgendwo ein Fieberthermometer. Das nimmst du und steckst es in besagte Masse, wenn du was davon findest. Bei über zweiunddreißig Grad bleib am besten stehen und bewege dich nicht. Und vor Allem: Nicht schreien! Sie mögen keine hochfrequenten Töne.”
Solche Gäste wie diesen Mexikaner liebte Dan. Und solche Tage wie heute, wo alle Zahnräder wie geschmiert ineinander griffen. In Pelican stand die Ware für Gustavus bereits auf dem Steg und vor zwölf Uhr war der Heimatflugplatz wieder in Sicht. Es hätte noch stundenlang so weiter gehen können. Das heute nichts mehr zu tun war, störte Dan nicht besonders. Am Flugplatz traf er Rowdy Thompson und beide fuhren zu seinem Haus am Westrand von Gustavus. Es stand einzeln, die nächsten Nachbarn hatten ihre Domizile in ein paar hundert Metern Entfernung. Gleich hinter dem Haus begannen die Crane Flats. Jetzt im Frühjahr hörte man, woher der Name dieses weitläufigen mit Gräsern und niedrigen Büschen bewachsenen Feuchtgebietes kam. Kraniche und Wildgänse nutzten diesen Platz auf ihrem Flug nach Norden sowohl als Zwischenstopp, als auch als Sommerresidenz.
Das Haus selber war für Dan perfekt. Das Wohnzimmer nahm die südliche Hälfte der Grundfläche ein und reichte bis unter das Dach. Den Rest im Erdgeschoss teilten sich Küche und Bad. Das Schlafzimmer war unter dem Dach der Nordhälfte und bei gutem Wetter konnte man vom Bett aus über einem Meer von Fichten die Beartrack Mountains sehen. Rowdy wollte den Großteil der Möbel Dan überlassen und nur das mitnehmen, was in seine Beaver passte. Die Männer wurden sich schnell einig und fuhren sofort nach Klärung der Formalitäten zur Bank.
Den weiteren Nachmittag verbrachte er bei Melissa. Sie und Robyn saßen beim Kaffee auf der Veranda, als er um das Haus kam.
„So ein Leben möchte ich auch haben”, scherzte die Tierärztin, als sie die Papiertüte unter seinem Arm sah.
„War er ruhig?”
„Hab ihn noch nicht gehört.”
Dan ging in den Unterstand. Die beiden Frauen folgten ihm. Noch bevor sie ihm weiter folgen konnten, schloß er den unteren Turflügel des ehemaligen Kuhstalls.
„Was hast du vor, Dan?”
Er grinste Melissa ohne zu antworten an, öffnete die Tür des Käfigs und lockte Yello mit einem Steak.
„Hältst du das für eine gute Idee?”
„Das Fleisch im Napf serviert zu bekommen, ist ihm zu blöd. Und überhaupt: Wer hat euch eingeladen?”
Er sprach in ruhigem Ton mit Melissa und ließ Yello dabei nicht aus den Augen. Vorsichtig trat der Wolf heraus. Er setzte sich vor den Käfig, beobachtete die beiden Zuschauerinnen mit angelegten Ohren und reckte seine Nase in deren Richtung. Mit weit geöffneten Augen sah Robyn Hatchett auf das Tier.
„Kann mich mal jemand kneifen? ..... Au.”
Melissa grinste sie schulterzuckend an.
„Hey. Ihr zwei macht besser die Tür von draußen zu!”
Langsam ging Robyn zum Haus. Mel schloss den oberen Türflügel und folgte ihr.
„Falls Sie vorhaben, Ihre Kamera zu holen: Vergessen Sie es.”
„Wieso? Das ist doch ....”
„Ich weiß, was Sie sagen wollen, Robyn. Wir beide werden uns wieder dort hinsetzen und auf Dan warten. Keine Fotos! Verstehen Sie, dass er uns nicht weggeschickt hat um Sie zu ärgern. Sie bekommen Ihre Fotos, aber auf denen wird keine Faser von Dan oder mir zusehen sein. Setzen Sie sich und nehmen Sie noch etwas Kaffee.”
Nach einer dreiviertel Stunde kam Dan aus dem Unterstand. In der Hand trug er ein kleines weißes Knäuel. Melissa stand auf und sah ihn mit ernster Miene an.
„Komm mal eben mit.”
Sie gingen in Jakes Arbeitszimmer, wo sie eine Karte des Nationalparks auf dem Schreibtisch ausrollte.
„Was hast du da?” fagte Melissa.
„Hab ihm den Verband abgenommen. Ich glaub, er braucht keinen neuen.”
„Du hast `ne Macke. Ich hab noch einen Gartenhäcksler, falls du es irgendwann mal vermisst. Wie sieht die Wunde aus?”
„Gut. Solang er sich nicht an der Stelle kratzt. Ich schlafe heute Nacht....”
„Ich weiß, Dan. Was ich von dir wissen wollte: Wo, meinst du, sollen wir ihn aussetzen?”
Dan schaute einen Moment lang auf die Karte und tippte auf eine Stelle an der Westseite der Glacier Bay.
„Gilbert. Eine gute Stelle. Da gibt es Wasser. Früher sah ich dort oft Seehunde. Die Bay hat eine Küstenlinie von gut 900 Meilen. Ab da hat er bis zu uns gut 650 vor sich … und er muss über ein paar Gletscher. Nach ein paar Tagen da oben hat er uns hoffentlich schnell vergessen. So schön die Zeit mit ihm ist: Ich will nicht, dass er hier wieder auftaucht oder in die Nähe von Menschen kommt.”
„Respekt. Ich dachte, ich muss dich stundenlang überreden. Ich bespreche den Vorschlag mit der Parkverwaltung. Die Hatchett war eben schon heiß auf Fotos. Ich zeige ihr den Weißkopfseeadler, dann ist sie hoffentlich glücklich. Wir nehmen sie mit, wenn wir Yello aussetzen. Dann kann sie von mir aus knipsen bis sie tot umfällt. Hab keine Lust, dass wir mit Yello auf einem Foto zusehen sind.”
„Ihr mögt euch nicht?”
„Doch. Sie ist nett. Aber auf die Publicity kann ich verzichten.”
Gilbert Halbinsel, Glacier Bay, 40 Seemeilen nordwestlich von Gustavus.
Zwei Tage später.
„Die Stelle hier unten meine ich. Sieht gut aus. Ich drehe noch ein paar Kreise. Achtet auf Schatten im Wasser. Sechs Augen sehen mehr als zwei.”
Robyn Hatchett sah Melissa fragend an.
„Wale. Ist bestimmt nicht gesund, wenn vor uns ein Buckelwal aus dem Wasser kommt”, resümierte Melissa.
Dan baute in weiten Kurven Höhe ab. Regentropfen klatschen an die Scheibe und beeinträchtigten die Sicht nach vorn.
„Da unten. Die Seehunde. Das sieht gut aus. Dann hat er eine reich gedeckte Tafel.”
Kurze Zeit später durchpflügten die Schwimmer der Stationair das Wasser und Dan legte das Flugzeug längsseits an den Sandstrand im Norden der Gilbert Halbinsel. Die Seehunde robbten eilig über den Strand und suchten Schutz im kühlen Nass. Vorsichtig luden Melissa, Robyn und Dan den Käfig mit dem ruhiggestellten Wolf aus und stellten ihn zwischen Flugzeug und dem nahen Wald ab. Melissa gab Robyn die Decke, die sie als Sichtschutz über den Käfig gelegt hatte, und öffnete die Käfigtür.
„Und was passiert jetzt?” fragte Robyn, als sie wieder am Flugzeug waren.
„Warten.”
Dan holte seine Thermokanne aus dem Flugzeug und füllte drei Becher mit Kaffee. Er und Robyn beobachteten Yello, der langsam wieder zu Kräften kam. Melissa schälte derweil ihr Gewehr aus dem Futeral und machte es schussbereit. Dan stieß einen bewundernden Pfiff aus, als er die Ruger Modell 77R sah.
„Neidisch?”
„Ein wenig. Kaliber .338?”
„Yup. Winchester Magnum. Das Zielfernrohr ist von Schmidt & Bender. Tolles Teil.”
Robyn Hatchett war sichtlich verwirrt, als sie das Jagdgewehr sah.
„Was haben Sie vor? Wollen Sie ihn abknallen?”
Melissa gab Dan das Gewehr. Er freute sich wie ein Kind über ein neues Spielzeug und begann sofort damit, auf Scheinziele anzulegen.
„Dann hätte ich mir die ganze Mühe nicht gemacht, meine Liebe. Das ist nur zu seinem Schutz. Hier latschen zufällig auch Bären durch das Gebüsch. Und die verschmähen, wie jedes Raubtier, keine kranken und schwachen Tiere. Wie sieht unser Freund hier aus?”
„Verstehe. Und da brennen Sie lieber einem Bären was auf den Pelz?”
„Ich werde mich hüten. Reine Einschüchterung. Ein Schuss in die Luft wirkt manchmal Wunder.”
„Bei einem Bären muss der ersten Schuss sitzen und er sollte fallen, bevor er die schützenden Büsche da hinten erreicht. Ansonsten wird es haarig”, sagte Dan, der durch das Zielfernrohr sah.
„Scheuen Sie sich nicht, mir Details zu nennen.”
„Ein Grizzly wirkt zwar trottelig und vielleicht langsam, aber er ist verflucht intelligent. Jetzt und hier ginge er nach einem unsauberen Treffer wieder in den Wald und hinterlässt dabei natürlich eine Fluchtfährte. Einmal außer Sichtweite schlägt einen Haken und umkreist seine Verfolger, um sie von hinten zu attackieren. Und glauben Sie es: In den meisten Fällen sieht der Jäger dabei verdammt alt aus. Da wir aber auf derlei Probleme keine Lust haben: Schuss in die Luft. Wenn das keinen Erfolg hat, sind wir dazu verdammt zuzusehen, wie die Natur das regelt. So einfach ist das.”
„Aber natürlich sind bei den allen Unfällen, egal ob Jagd oder Pilzesammeln, die Bären schuld”, murrte Melissa, „denn die können ja die Infoblätter der Parkbehörde nicht lesen.”
„Sie sollten sie im Bedarfsfall aus der Tasche ziehen und einem Grizzly vor die Nase halten”, lachte Dan und mimte die Szene. „Hier! Erst lesen lernen, dann angreifen.”
Der Regen nahm wieder an Stärke zu und die drei suchten Schutz unter einer der Tragflächen. Aus der Ferne hörten sie ein Grummeln. Robyn zog eine Augenbraue hoch und sah Dan an.
„War der Wetterbericht heute morgen eine Wiederholung?”
Erneut hörten sie von den umliegenden Bergen die Echos.
„Die Indianer nennen es den Weißen Donner”, sagte Dan, „die Gletscher kalben. Das macht schon ein wenig Radau, wenn ein paar hundert Tonnen Eis auf´s Wasser knallen.”
„Wahnsinn. Hey. Seht mal. Wale.”
Unweit des Strandes zog eine Gruppe Schwertwale vorüber. Melissa nahm die ganze Zeit kein Auge von Yello, der sich langsam zu sich kam und versuchte, auf seinen wackeligen Beinen zu stehen. Aber nun schaute auch sie auf´s Wasser.
„Ein Mann fand einmal am Strand zwei Wolfswelpen. Er nahm sie mit zu sich nach Haus und zog sie groß. Als sie erwachsen waren schwammen sie hinaus auf´s Meer, töteten einen Wal und brachten ihn zum Strand, damit der Mann zu essen hatte. Jeden Tag taten sie das. Bald lag dort mehr Fleisch, als man essen konnte und es verdarb. Der Große Geist sah diese Verschwendung und ließ Nebel aufziehen, als die Wölfe wieder draußen auf dem Meer waren. Sie fanden keine Wale und fanden auch nicht mehr den Weg zum Strand. Sie mussten fortan im Meer bleiben und wurden Seewölfe...... oder wie wir heute sagen: Orcas.”
„Das war schön”, sagte Robyn leise und schaute auf die langen Rückenflossen, die sich wie tanzende Kinder im Kreis bewegten.
„Eine alte Legende der Haida-Indianer”, sagte Dan.
„Was machen die? Spielen die?”
„Vermutlich mit den Seehunden, die vor uns geflüchtet sind”, sagte Melissa und biss sich grinsend auf die Unterlippe.
„Pfui. Das war gemein.”
Dan und Melissa drehten sich um, um nach ihrem Schützling zu sehen. Ihre Augen suchten den Strand ab. Er war weg.
„Wow. Langsam wird er mir unheimlich”, sagte sie und entlud das Gewehr. „Hier können wir nichts mehr tun. Packen wir unseren Krempel zusammen und hauen ab.”
Abends erfuhr Dan endlich das lang ersehnte Gefühl der Ruhe. Der Nachmittag ging für einen Rundflug mit Touristen und Hausmannspflichten drauf. Der Kühlschrank brauchte Arbeit und seine Klamotten lagen ja noch bei seinen Eltern. Rowdy hatte die Hausschlüssel bei Buck abgegeben und saß nun bestimmt schon im Kreise seiner Familie in Ketchikan. Dan stellte den Motor vor seiner neuen Bleibe ab und ließ das Radio laufen. Ein Sender aus Juneau brachte Anchorage von Michelle Shocked und hielt ihn noch ein Weilchen im Auto fest. Kraniche kreisten auf der Suche nach einem Nachtlager über den Wetlands westlich von Gustavus, eine Schar Gänse flog wie eine Ehrenformation tief über das Haus. Zwei Sumpfschwalben rissen ihn aus seinen Gedanken, als sie auf der Jagd nach Insekten wie Gewehrkugeln vor der Windschutzscheibe her flogen. Dan öffnete die Fenster und ließ das Radio laufen. Er trug seine Habe ins Haus und lachte, als er die Einkäufe in den Kühlschrank legen wollte.
„Rowdy, du verrückter Hund.”
Soweit das Auge reichte sah er Bierflaschen der Sorte Alaskan Summer Ale und ein Stück Käse. Darauf lag ein Blatt Papier.
| Zitat: | Hi Dan.
Willkommen in Deinem neuen Heim am Strawberry Point.
Betrachte diese kleine Spende als meinen Beitrag zu Deiner Einweihungsparty und trink Einen für mich mit, wenn Du abends draußen sitzt und Dich über die Moskitos ärgerst, und über Dich, weil Du unbedingt in die untergehende Sonne schauen wolltest. Der Käse ist für einige Vögel hier. Brich ein kleines Stück davon ab wenn Du in Deinem Stuhl auf der Veranda sitzt. Sie holen es sich von Deiner Hand.
Zwei sind gegangen, Einer kam. Ein unausgeglichenes Verhältnis, ich weiß. Der Abschied fällt mir nicht leicht, aber es ist gut zu wissen, dass es hier Jemanden gibt, der weitermacht. Genieße jede Minute da oben zwischen den weißen flauschigen Dingern.
Viel Glück und Alles Gute für die Zukunft.
In Freundschaft
Rowdy
PS: Auch wenn die Elche im Winter noch so sehr um Futter betteln: Mach nicht die Tür auf! |
Dan freute sich über diese Zeilen und merkte, wie seine Augen feucht wurden. Er nahm sich eine Flasche von dem Bier und feuerte den gemauerten Grill neben dem Haus an. Heute Abend gab es Steak. Aber Niemanden, mit dem er teilen konnte. Er sah in die untergehende Sonne. Irgendwo auf der anderen Seite der Bay war Yello und Dan hoffte, dass er seinen Weg machen würde. Seine Blick schweifte weiter in Richtung Westen auf die Berge, die die Sicht auf den Brady Gletscher nahmen. Dort irgendwo war Jake. Vom Horizont tönte das einsame Gejodel eines Eistauchers. Er hörte, wie die Schreie der Möwen und die Rufe der Kraniche und Gänse mit zunehmender Dunkelheit leiser wurden, so als würde ein Song im Radio ausgeblendet.
Vibrierend wanderte sein Mobiltelefon über den Tisch der hölzernen Gartengarnitur. Dan sah Jerrys Nummer auf dem Display. Sein Kumpel klang an diesem Abend auch nicht nach großen Taten. Mit niedergeschlagener Stimme berichtete er Dan, dass die Piper, an der er neulich den Motor wechselte, vor ein paar Stunden gesetzwidrig den Besitzer wechselte. Dan notierte sich die Kennung und versprach, seine Augen offen zu halten. Insgeheim sah er aufgrund der Nähe zum Nachbarland wenig Hoffnung.
Für heute war es genug. Er ließ Alaska Alaska sein und holte sich noch ein Summer Ale. Am Kotflügel des Pickups lehnend sah er über die Wetlands. Der Sender brachte eine Nummer von Billy Currington, deren Refrain passender nicht hätte sein können.
"God is great, beer is good, and people are crazy" _________________ Beste Grüße
Jörg
Irren ist menschlich. Aber wenn man richtig Mist bauen will, braucht einen Computer.
Dan Rather |
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JörgB Moderator


Anmeldungsdatum: 18.08.2006 Beiträge: 2195 Wohnort: Bielefeld FS-Version: 9.1
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Verfasst am: Di 02 Feb 2010, 18:33 Titel: (Kein Titel) |
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Teil 6
Früh am Morgen donnerte es an der Tür, als wollte sie jemand aus der Zarge schlagen. Schlaftrunken, nur mit Pyjamahose bekleidet trottete Dan die Treppe vom Schlafzimmer herunter und sah aus dem Fenster der kleinen Küche, was in dem Moment nicht mehr nötig war. Wieder hämmerte sein Vater an die Tür und brüllte lachend: „Mach die Tür auf, du Sohn eines Fischers!”
Dan stützte sich mit gestreckten Armen über die Spüle gebeugt auf der Fensterbank auf, ließ seinen Kopf vornüber sacken und sah auf seine Armbanduhr. Halb sieben. Er legte sich ein sauberes Geschirrtuch auf den Unterarm, spazierte zur Tür und öffnete sie wie ein Butler, den Arm mit dem Geschirrtuch vor seinen Bauch, vornehm näselnd: „Willkommen auf Miller Castle. Ich hoffe, die Herrschaften hatten eine beschwerliche Reise.”
Dans Mutter hatte eine große braune Papiertüte, die sie wie ein Baby auf dem Arm trug. Sein Vater stand pfeiferauchend daneben. Sie schritt als Erste durch die Tür und klappste ihm lachend mit dem Handrücken auf den Bauch.
„Torfkopf. Baust du an?”
„Irgendwo muss ich dein gutes Essen ja lagern.”
„Ich glaube, deine Mutter meinte das Holz neben dem Haus, Sohn. Mach bloß schnell die Tür zu, sonst killen uns die grässlichen kleinen Mistviecher noch vor dem Frühstück.” Elias paffte ein paar Mal und blies dabei den Rauch in Richtung Tür, vor der sich die Stechmücken wie Hausfrauen beim Winterschlussverkauf versammelten.
„Das Holz ist für Palisaden und eine Zugbrücke. Aber gut, dass du mich daran erinnerst. Ich muss Ed noch anrufen. Er soll mit seinem Bagger einen Wassergraben ums Haus ziehen. Was treibt Euch in aller Herrgottsfrühe hier her?”
Seine Mutter legte den Kopf etwas zur Seite, lächelte und zog einen Laib Brot sowie eine Packung Salz aus der Tüte.
„Die besten Wünsche zum eigenen Haus, Dan. Ich hoffe, wir sind die Ersten.”
„Quatsch. Doch nicht so spät am Vormittag. Halb Gustavus war schon hier.”
„Ich hab hier Eier, Speck, Kaffee, Cornflakes, Milch und noch ein paar Sachen. Ich wusste nicht, ob du schon Zeit zum Einkaufen hattest.”
Dan sah seine Eltern lächelnd an und bevor er Danke sagen konnte, war seine Mutter schon in der Küche. Sie öffnete die Tür des Kühlschranks, stutzte, ging einen Schritt zurück und sah ihren Mann mit weit geöffneten Augen an.
„Was ist, Gloria?”
Ohne Antwort zeigte sie auf den offenen Kühlschrank und auch sein Vater schien nicht gerade angetan von Bierflaschen, die noch immer wie die Terracottaarmee da standen. Dan stand mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf im Rahmen der Küchentür wie ein zum Tode Verurteilter unter dem Galgen.
„Du hast dir da unten scheinbar ziemlich dumme Sachen angewöhnt, Sohn.”
„Hab ich nicht, Dad”, brummte er und ging ins Wohnzimmer.
„Das sehe ich aber anders”, fauchte seine Mutter und ging ihm nach. Dan nahm den Brief von Rowdy vom Couchtisch und hielt ihn seinen Eltern vor die Gesichter.
„Bin nur noch nicht dazu gekommen die Flaschen wieder in die Kisten zu packen und sie unter dem Haus zu deponieren. So. Und jetzt gehe ich unter die Dusche.”
Im dem kleinen Haus bei den Wetlands duftete es bald nach Kaffee, gebratenem Speck und Duschgel. Die kühle Luft brachte durch die offenen, mit Moskitonetzen ausgestatteten Fenster die Rufe der Vögel mit herein, die das kleine Radio, aus dem `Looking Out My Back Door´ von Creedence Clearwater Revival wehte, ab und zu übertönten.
„Erzähl! Was treibst du heute, Sohn?”
„Um neun Uhr geht es mit Melissas Gast über die Bay. Ich glaube, wenn das Wetter so bleibt, werde ich mit ihr bis zum Alsek hinauf fliegen.”
„Das sollte klappen. Die Wetterfrösche sprachen eben von guter Sicht an der Küste.”
„Ich glaube, wir sahen sie gestern mit Mel beim Einkauf. Ist das so eine kleine Blonde?”
„Yup, Mom. Das ist sie. Schreibt an einem Reiseführer oder so was.”
„Hübsches Ding. Sie bleibt also länger, wenn sie an so etwas schreibt?”
„Vermutlich den ganzen Sommer. Hat eine Menge Zeug dabei.”
„Sie sieht Pam ziemlich ähnlich”, sagte Dans Vater.
„Elias!” Gloria ließ ihr Besteck klirrend auf ihren Teller fallen und sah ihren Mann strafend an. Dan juckte das nicht. Er kannte die kleinen Tiraden seines Vaters nach der versäbelten Ehe und dem Kleinkrieg um Untersetzer und Porzellandelphinen mit der aus Florida stammenden Pamela Waite. Sie war in seinen Augen eine Southern Belle und somit keinen Schuss Pulver wert. Dan schaufelte sich unberührt davon weiter das köstliche Rührei in den Mund.
„Lass nur, Mum. Ich hab mir schon überlegt, etwas Sprit aus der Cessna zu saugen und eine Panne vorzutäuschen. Sie ist wirklich ein süßer Käfer.”
Gloria hielt sich die Faust vor den Mund und hustete kurz, um ein Lachen zu unterdrücken. Sie wusste, dass ihr Sohn es drauf hatte, jemandem, der den Begriff Christliche Seefahrt lebte, ordentlich Wasser auf die Mühle zu geben ohne dass es in einen Streit ausartete. Dan lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, puhlte mit seiner Zunge die letzten Reste des Frühstücks aus den Zähnen und griff nach seinen Zigaretten. Genüsslich zündete er sich einen Glimmstengel an, legte den Kopf in den Nacken und blies den Rauch senkrecht nach oben.
„Sie kommt übrigens aus Maine.”
„Ach? Soweit bist du also schon, Sohn.”
„Zwangsläufig, Dad. Als pflichtbewusster Pilot einer feinen, wenn auch kleinen, Airline bin ich verpflichtet, gewisse Daten in die Tickets zu schreiben. Sie ist übrigens ganz versessen auf Wale und ich glaube, sie steht dafür auch früh auf.”
Vater und Sohn grinsten sich an. Diese Bisse von der Seite machten beiden Spaß und für sie war es weniger ernst als es manch Außenstehender vermutete. Gloria hatte ein gespaltenes Verhältnis zu derlei Revierkämpfen. Wie jede Mutter war sie mehr auf Frieden und Harmonie bedacht und versuchte, das Gespräch in für sie nachvollziehbarere Bahnen zu lenken und stellte auch gleich die Frage, die sich traditionell wohl jeder nach einem Wohnungswechsel stellen lassen muss.
„Was hast Du denn letzte Nacht geträumt? Du weißt ja, dass der erste Traum in einer neuen Bleibe in Erfüllung geht.”
Augenrollend legte Dan seine Stirn in Falten und überlegte einen Moment lang.
„Ich war mit dem Flugzeug irgendwo an einem See mitten im Wald. Adler zogen in der Abenddämmerung ihre Kreise. Hat Mel noch was gesagt?”
Gloria schob ihre Unterlippe vor, zuckte mit den Schultern und sagte: „Sie ist nur happy, dass du für sie arbeitest und vielleicht später den Laden übernimmst. Sonst nichts. Mir fiel auf, dass sie wieder Lachen kann.”
Am frühen Vormittag überflog Dan Pleasant Island in nordwestlicher Richtung. Robyn Hatchett saß neben ihm, fütterte ihre Kamera mit den ersten Fotos und bemerkte nebenbei, was für ein schöner Morgen das war. Dan erzählte ein wenig über Gustavus, das die ersten Siedler, die vor gut einhundert Jahren herkamen, Strawberry Point nannten, weil es auf den Flats massenweise wilde Erdbeeren gab und auch heute noch gibt.
„Ist mir schon aufgefallen. Auf vielen Schildern ist eine Erdbeere im Logo”, sagte sie.
„Dann warten Sie mal den Sommer ab. Danach können Sie auf Jahre keine Erdbeeren mehr sehen.”
„Wohin geht es jetzt? Ich dachte, Sie wollen mir den gesamten Nationalpark zeigen.”
„Dorthin, wo die Bucht in die Icy Strait mündet. Point Gustavus. Merken Sie sich diese Stelle bitte.”
Dort kreiste Dan einmal und flog dann nach Norden.
„Ein seltsamer Ort. Wasser an drei Seiten und im Hintergrund die Berge”, sagte sie und sah aus den Fenstern.
„Yup. Wie eine Insel. Die vom Alaska Marine Highway System haben bestimmt noch nie von uns gehört. Ich weiß nicht, ob Melissa das erwähnt hat: Wir haben eine Klinik und auch eine Krankenschwester, aber der Arzt kommt nur einmal im Monat vorbei.”
„Ist ja fast wie im australischen Outback”, sagte Robyn und lachte. „Ein Hoch auf die Zivilisation.”
Dan flog weiter nach Norden. Unter ihnen zogen Willoughby und Drake Island vorbei und bald näherten sie sich der Gilbert Halbinsel. Robyn sah zu Dan herüber und grinste.
„Sehnsucht?”
„Nein. Yello ist bestimmt schon weit weg. Oder sehen Sie da unten ein Signalfeuer? Ich dachte, Sie würden sich gern den Weißen Donner ansehen.”
Bald kamen am Ende des Tarr Inlet, in der nordwestlichen Ecke der Glacier Bay, der Grand Pacific und Ferris Gletscher in Sicht und Dan zog wieder seine Kreise.
„Das ist ja wahnsinnig schön. Die Gletscher und die Bucht im Hintergrund. Können wir hier irgendwo landen?”
„Keine gute Idee. Die Dinger kalben und ich sehe keinen notwendigen Grund, mir an einem Eisbrocken die Schwimmer aufzureißen. Ich hatte heute morgen ein Gespräch mit meinem Vater. Der fährt gern mit Ihnen mit dem Boot raus. Haben Sie sich Point Gustavus gemerkt?”
„Hab ich. Und?”
„Und nun ist Phantasie gefragt. Wenn sich die Kartographen nicht geirrt haben, dann waren die letzten 100 Kilometer früher ein einziger Gletscher. Vom Grund der Bucht gemessen stellenweise mehrere 100 Meter stark. Und diese riesige Masse ist zwischen 1780 und 1910 verschwunden.”
„Was war der Auslöser dafür?”
„Keine Ahnung, was dafür verantwortlich war, Mrs. Hatchett. Fakt ist, dass die Durchschnittstemperaturen in den letzten Jahrzehnten in diesem Gebiet gestiegen sind. Aber andererseits legen einige Gletscher im Nationalpark aktuell an Länge zu.”
Dan drehte die Stationair wieder auf Nordwestkurs und folgte dem Grand Pacific Gletscher.
„Was anderes: Ich begleitete Melissa neulich nach Bartlett Cove. Auf dem Weg sah ich an einem Baum einen Wegweiser mit der Aufschrift Plane Crash. Sie sagte, ich wäre bei Ihnen besser beraten.”
Dan berichtete vom Flug des Gooney Bird, besser bekannt als Douglas C-47 Skytrain, der Air National Guard, deren letzte bekannte Position an einem kalten Novemberabend im Jahr 1957 in den Wäldern von Gustavus festgestellt wurde. Die Maschine startete an diesem Tag in Tacoma und war auf dem Weg nach Anchorage. Ein Tankstopp auf Annette Island war geplant, aber starke Winde machten eine Landung dort unmöglich. Man hatte die Wahl umzudrehen und einen kanadischen Flugplatz anzusteuern oder weiter zu fliegen. Der Pilot entschied sich für Gustavus, denn von dort meldete man gutes Wetter. Leider war in der Zeit der Funk noch nicht so ausgereift und die Crew fand sich abends um halb acht über Gustavus in einem Phänomen wieder, das Snowsquall genannt wird. Starker Schneefall mit dicken Flocken. So, als wäre eine Bettdecke mit feinsten Gänsedaunen geplatzt. Juneau war damals noch nicht so gut ausgebaut und mangels Platzbefeuerung für Landungen in der Dunkelheit keine gute Wahl. Der Flugplatz Gustavus verfügte als ehemalige Militärbasis über diese Annehmlichkeiten. Der Pilot, ein Kalifornier ohne Alaska-Erfahrung, kreiste mehrmals. Während des dritten Anfluges streifte eine Tragfläche einen der hohen Bäume und die Maschine zerschellte im Wald. Die Crew, vier Mann - von denen drei als Familienväter dreizehn Kinder hinterließen - starb, die sieben Passagiere wurden schwer verletzt geborgen. Das Wrack störte niemanden und liegt heute immer noch an der Stelle.
Die Cessna erreichte nach einer halben Stunde die nordwestliche Parkgrenze. Die Sicht war, wie Dans Vater es beim Frühstück sagte, ausgezeichnet. Alsek Lake, Alsek Gletscher und der Alsek River lagen wie gemalt vor Ihnen. Robyn Hatchett fand nach Dans ausführlichen Erläuterungen die Sprache wieder.
„Ist das nicht belastend, wenn man als Pilot heute an der Stelle vorbeikommt?”
„Das ist so, als führe man mit dem Auto an diesen Kreuzen am Straßenrand vorbei. Man sieht sie, denkt als Außenstehender aber wenig darüber nach. Nein, nein. Belastender ist es, wenn Buck morgens ein Gesicht macht, als hätte man ihm sein Gebetbuch geklaut. Dann weiß man, dass sich Elche oder Bären in der Nähe der Startbahn aufhalten.”
„Na ja. Auf jeden Fall habt ihr hier eigenartige Sehenswürdigkeiten.”
„Oh, da müssen Sie erstmal Lester Rinks alten Schlepprechen sehen.”
Die Journalistin lachte und widmete sich wieder ihrer Kamera. Entzückt sagte sie Minuten später, dass sie eben einen Elch zwischen den Bäumen da unten gesehen hatte.
„Uh oh”, sagte Dan.
„Was?”
„Dann könnte ich sie jetzt anzeigen. Es ist verboten, Elche aus Flugzeugen zu beobachten.”
„Bitte?”
„Habt ihr in Maine keine unnötigen oder gar dummen Gesetze?”
„Ich hörte, dass man in irgend einer Stadt bei uns nicht mit offenen Schnürsenkeln herum rennen darf. Aber eines aus Idaho lass ich mir häufiger auf der Zunge zergehen: Es ist nicht gestattet, auf einer Giraffe reitend zu jagen. Habt ihr hier noch mehr von dem Quatsch?”
Dan brach vor Lachen fast zusammen.
„Doch. Hat wieder mit Grizzlys zu tun. Sie dürfen ihn schießen, aber nicht wecken um ein Foto von ihm zu machen.”
„Wieso? So hat man in den letzten zehn Sekunden seines Lebens wenigstens noch etwas Bewegung”, erwiderte sie breit grinsend.
Das war die Art Humor, die Dan liebte und die Blonde aus Portland servierte ihn perfekt. Er drehte Richtung Südosten, um an der Pazifikküste entlang zu fliegen.
„Das hier unten ist der Grand Plateau Gletscher”, sagte Dan und zog wieder einen Kreis.
„Ist wohl unnötig zu fragen, ob Sie hier landen.”
„Ich hab da noch etwas besseres im Ärmel. Heute wird die Stelle ihrem Namen bestimmt alle Ehre machen.”
„Oh, da unten ist noch ein Elch.”
„Lassen Sie sich nicht erwischen”, feixte Dan, „die Viecher haben es schon schwer genug.”
„Bären?” fragte Robyn und zog eine Augenbraue hoch.
„Menschen. Mir fiel gerade eine Nummer aus Fairbanks ein. Dort dürfen sich Elche nicht auf den Straßen der Stadt paaren und Alkohol darf man ihnen auch nicht geben. Also wenn du mich fragst, kann man sich als Elch dann eigentlich nur noch erschießen lassen. Aber so ist in unserem Land: Kleine Hirne, große Gesetze.”
Dan errötete und entschuldigte sich.
„Schon okay. Bleiben wir beim Du. Das kannst du ruhig öfter machen”, antwortete sie mit einem Lächeln.
„Was?”
„Rot werden.”
„Ist mir wirklich etwas peinlich.”
„Etwas? Dan, ich sagte, es ist okay. Mir macht es nichts aus.”
„Ehrlich?”
„Absolut. Ich liebe es, wenn Männer rot werden.”
Dan schüttelte seinen Kopf und sah aus dem Fenster während sie ihrem Lachen freien Lauf gab und mit ihren Beinen strampelte.
„Hey. Vorsicht. Nicht auf die Pedale.”
„Oh, Entschuldigung.”
„Jaaa”, sinnierte er und legte seinen Kopf leicht auf die Seite, „Alaska, wo Männer noch Männer sind.”
„Und Frauen das Iditarod gewinnen”, fügte Robyn zu. „Fährst du ab und zu mit so einem Hundeschlitten?”
Dan schob die Unterlippe vor und verneinte die Frage kopfschüttelnd.
„Ich stand früher zwei Mal am Zieleinlauf vom Yukon Quest, als ich noch in Fairbanks lebte.”
„Stimmt. Melissa erzählte mir, dass du da oben gewesen bist.”
„Yup. Also mich interessiert es schon, wer da gewinnt. Aber so extrem ist mein Interesse nicht. Allein der Gedanke, tagelang auf einem Schlitten durch die Kälte zu sausen und Hundeärsche anzuglotzen...... Also ich bevorzuge Motorschlitten. Und du?”
„Natürlich hab ich mich vor der Reise etwas über Sewards Gefriertruhe informiert und stolperte über Namen wie Libby Riddles und Susan Butcher. Aber das war es auch schon. Und jetzt erzähl: Wohin fliegen wir?”
Bald darauf landeten sie auf einem See am Cape Fairweather. Einige Meter vor dem Ufer schaltete Dan den Motor ab und stellte sich in gewohnter Manier auf den linken Schwimmer. Der schwache Wind trieb das Flugzeug sanft an das steinige Ufer. Sie mussten ein paar Meter über Geröll klettern, zwischen dem sich Moose und andere niedere Pflanzenarten breit machten, bevor sie das Panorama oberhalb des Sees in voller Pracht geniessen konnten. Robyn schaffte es, trotz ihres Rucksacks, aus dem metallische Geräusche zu hören waren, vor Dan zu bleiben und ihm sogar die Hand als Hilfestellung zu reichen.
„Blei in den Schuhen?” lästerte sie.
„Nein. Ich geniesse nur die Aussicht”, schnaufte er. „Was hast du in deinem Rucksack?”
„Zusatzgewichte”, sagte sie augenzinkernd. „Nun los. Die Sonne geht bald unter.”
Dan schloss kurz die Augen und schüttelte den Kopf. Irgendwie hatte sie es drauf, ihn mit Recht alt aussehen zu lassen. Während sie auf diesen gut fünfzig Höhenmetern gut voran kam, erwischte er bei jedem dritten Schritt diesen einen Stein, der nachgab.
Dabei sah das Gelände aus der Luft so verführerisch leicht aus. Als er das Plateau und wieder einen Zustand erreichte, den man als "Gehen" bezeichnen konnte, hatte sie bereits eine Stelle als Lager auserkoren und packte ihren Rucksack aus.
„Hunger?” fragte sie und hielt eine Dose hoch.
Es war eine Sache von wenigen Minuten, bis in dem Edelstahltopf auf dem Coleman Fyrestorm Spaghetti mit Tomatensoße blubberten und den Geruch von Eis und Schnee auf diesem Fleckchen Erde am Fairweather Gletscher für eine kurze Zeit verdrängten. Während Dan im Topf rührte machte Robyn Fotos.
„Sieht teuer aus”, sagte er und zeigte auf das Campinggeschirr.
„Für einen Reiseführer muss man schon mal aus dem Haus und ich bin nicht allergisch auf warme Mahlzeiten. Wie hoch ist er?” fragte sie und nickte hinauf zum Gipfel des Mount Fairweather.
„Um die 4500 Meter. Kann ich dir nachher genau sagen. Die Karte ist im Flugzeug.”
„Wahnsinn.” Sie legte ihre Nikon erneut auf den Berg an.
„Dein erster Berg?” feixte er.
„In meiner Vergangenheit gab es mehrere. Aber selten ohne das Umland. Ich meine, wir sind hier fast auf Meeresniveau und diese 4500 sind echte 4500”, sagte Robyn, ohne die Kamera herunter zu nehmen. Dan musterte wortlos die Gipfel der Fairweather Range und verschwendete einen Gedanken daran, wie alltäglich der Anblick der Berge für ihn war. Sie gehörten zu Alaska wie Ahornsirup zum Pfannkuchen. Er beobachtete eine Weile, wie Robyn mit jedem Atemzug ein Stück der Landschaft in sich aufnahm und sich neugierig wie ein Kind gab.
„Bei dem Panorama komm ich mir winzig und unbedeutend vor. Hier würde ich gern ein paar Tage wandern.”
„Stell dir das nicht so einfach vor, Robyn.”
„Keine Sorge. Wäre nicht das erste Mal.”
„Das hörte ich in der Vergangenheit von anderen Wanderern oft. Von Bartlett Cove zum Bartlett Lake sind es noch nicht mal sieben Kilometer. Also man benötigt hin und zurück gute acht, vielleicht auch neun Stunden. Nicht wenige stehen nach zwei Stunden wieder in Bartlett Cove.”
Er hörte sie lachen.
„Lass mich raten: Großstadtleute, frisch geduscht, süß duftendes Gel im Haar und Schokoriegel im Gepäck. Und sie ahnten nach ihrer Rückkehr bestimmt, warum der lateinische Name für Grizzly Ursus arctos horribilis lautet.”
Dan sah Robyn lächelnd an und wickelte seine Spaghetti auf die Gabel. Er verzog sein Gesicht, als er sie aß.
„Uuuh. Der Fraß bekäme nicht einen Zacken eines Sterns. Was ist da drin?” sagte er und griff nach der Dose.
„Glaub mir, Dan, das willst du sicher nicht wissen. Ich stelle auch gerade fest, dass ich den wirklichen Namen der Soße nie erfahren möchte. Aber nach einer Woche im Busch weiß man es zu schätzen.”
Robyn und Dan ließen Spaghetti Spaghetti sein und räumten ihren Kram auf. Sie flogen weiter in südöstlicher Richtung entlang der Küste.
„Hier links”, sagte Dan und zeigte aus dem Fenster, „Mount La Perouse. Benannt nach dem Seefahrer.”
„Schon mal gehört. Der Name ist nicht selten im Pazifikraum.”
Dan schnaubte durch die Nase und lächelte kopfschüttelnd vor sich hin.
„Was?” fragte sie und lächelte ebenfalls.
„Ich kann es mir schlecht vorstellen: Du und eine Woche im Busch.”
Ihr Lachen klingelte in seinem Headset.
„Du achtest aber genau darauf, was ich sage.”
„Yup.”
„Okay. Also. Ich weiß, wie man in die Büsche scheißt, ohne die eigene Hose zu treffen.”
Dan schlug die Hände vor´s Gesicht und schüttelte seinen Kopf. Diese Geste ließ die Journalistin wieder gellend auflachen.
„Stürzt gerade dein Kartenhaus zusammen?”
„Ja. Das trifft es.”
Robyns Lachen wich einer ernsten Miene.
„Was ist?” fragte er.
„Ich habe nicht immer Reiseführer geschrieben. Willst du die Kurzfassung hören?”
„Okay.”
„Nach dem College .... nein .... Also ich komme aus einem Nest in Maine. Es heißt Millinocket. Wir haben da auch einen Berg in der Nähe, Mount Katahdin. Hat so um die 1600 Meter. Also nicht so imposant wie eure hier..... Naja. Die junge Robyn verließ irgendwann dieses Nest und studierte in Baltimore. Sie fand nach dem College auch einen Job bei einer Zeitung und stellte sich öfter neben den Kollegen am Capitol in DC auf und ließ sich brav von den Schlipsträgern in ihren Designeranzügen belügen.”
Dan unterbrach sie nicht. Er nickte ab und zu und sah zu ihr herüber.
„Anfangs war alles okay. Es dauerte eine Zeit, bis ich dieses Hauen und Stechen der Kollegen bemerkte; ich hielt es immer für die übliche Frotzelei. Ich lernte auch Vorgesetzte kennen, die meinten, dass man die Karriereleiter durchaus halbnackt im Kopierraum hinauf stolpern kann. Seitdem habe ich keinen Rock mehr angefasst.”
Dan fehlten die Worte. Natürlich hatte er von solchen Sachen gehört, im Fernsehen. Da genügte der Griff zur Fernbedienung. Sie beugte sich vor, um in sein Gesicht zu sehen.
„Soll ich ....”
„Nein nein, schon okay”, unterbrach er sie.
„Na ja. Irgendwann nach vier Jahren hatte ich die Schnauze voll. Ich hätte mich gern tagelang unter meiner Bettdecke verkrochen. Erschwerend kam hinzu, dass mein Portraitfoto öfter in meinen Artikeln abgebildet wurde. Aber das ist normal. Nur war es nicht normal, dass eines abends ein Besoffener vor meinem Appartement stand und ein Date mit mir wollte.”
„Und du .....”
„Und er bekam ein Date mit meinem Pfefferspray. Die ganze Nacht ging ich wie ein Tiger im Käfig in meiner Bude auf und ab. Am nächsten Morgen habe ich gekündigt und dann hab ich alles verkauft, was nicht niet- und nagelfest war: Möbel, Auto .... Das war vor fünf Jahren”
„Und ab nach Hause”, sagte Dan und schenkte ihr ein Lächeln.
„Auf Umwegen. Hast du schon mal was vom Appalachian Trail gehört?”
Dan schob die Unterlippe vor und schüttelte stumm seinen Kopf.
„Ein Fernwanderweg. 3400 Kilometer vom Springer Mountain in Georgia bis rauf zum Katahdin in Maine, quasi bis vor die Tür meiner Eltern.”
„Sag jetzt nicht, dass du ....”
„Nur die Hälfte. Nicht weit von Baltimore liegt Harpers Ferry. Der Ort markiert die Hälfte des Trails. Ich rief meine Eltern an, erzählte ihnen alles und das ich eine Zeit lang für mich sein wollte und auf den Trail gehe. Meine persönlichen Sachen stopfte ich in Kartons und schickte sie heim. Eine Freundin, die mich wahrscheinlich immer noch für verrückt hält, brachte mich an einem sonnigen Samstag Anfang Juni nach Harpers Ferry. Du musst wissen, dass sie der Typ ist, der die halbe Meile von der Wohnung zum Fitnessstudio fährt, um dort auf ein Laufband zu steigen. DAS ist in meinen Augen verrückt. Ich ging nicht direkt auf den Trail, sondern machte einen Umweg über Gettysburg, weil ich beide Orte als gute Ausgangspunkte für meine persönliche Schlacht hielt. Zwei Tage später rief ich meine Freundin von einer Lodge aus an, um ihr zu sagen, dass es mir gut ging. Sie hatte geschlagene sechs Stunden gewartet, ob ich nicht doch zurück kam. Die Nacht verbrachte sie in einem Hotel und fuhr am nächsten Morgen heim.”
Die Frau neben ihm hatte mehr auf dem Kerbholz als Dan vermutete. Mit diesem gepflegten Äußeren sah sie weiß Gott nicht aus wie jemand, der tagelang fernab der Zivilisation existieren konnte. Dan schaute auf die Uhr und hinter dem Mount La Perouse drehte er die Nase Richtung Osten.
„Keine Lust mehr?”
„Da unten kommt nicht mehr viel Aufregendes, Robyn. Die Gletscherzunge des Brady sieht von der Wasserseite schöner aus. Vielleicht passt es in ein paar Tagen mit einer Tour nach Elfin Cove. In den Hügeln westlich der Taylor Bay kenne ich einen See, wo ich landen kann. Außerdem muss ich in anderthalb Stunden mit Touristen vom Strawberry Point zum Adams Inlet in den nordöstlichen Teil der Bucht. Da kannst du gern mitkommen. Vorher möchte ich mir gern noch etwas ansehen.”
Sein Herz schlug etwas schneller, als er den Brady Gletscher überflog und dem Abyss Lake näher kam.
„Ist das hier irgendwo, wo Jake.....” Robyn kam nicht dazu, den Satz zu beenden.
„Yup. Mel hat dir also davon erzählt. Hier irgendwo am Abyss Lake. Ich dachte, ich nutze den Moment. Mir wäre es auch lieber, auf einen Friedhof zu gehen. Aber im Vergleich geht es mir immer noch besser als mancher Seemannswitwe.”
„Ja, das ist bitter. Ich hatte ein paar Mal mit Jake telefoniert. Seine Stimme klang immer so warm und herzlich. Ich wäre ihm gerne begegnet. Besteht wirklich keine Chance, ihn zu finden?”
„Keine Ahnung. Ich kenne die Stelle nicht, wo er abstürzte. Vielleicht findet man ihn in ein paar Jahren wenn er mit dem Nebenstrom da hinten links vor den Bergen wandert. Wenn er allerdings im Hauptstrom liegt, kann es Jahrzehnte dauern bis er unten in der Taylor Bay zum zweiten Mal das Licht der Welt erblickt.”
„Hat er gelitten? Was meinst du?”
„Darüber denke ich nicht nach. Sonst mache ich mich nur selber verrückt und ändern kann ich es sowieso nicht mehr. Aber ...... wer wünscht schon jemandem, dass er leidet, wenn es soweit ist? Nur Psychopathen tun das.”
Robyn sah Dan einen Moment lang mit verklärtem Blick an und hatte es schwer, sich ein Lächeln abzuringen.
„Ich fand es gut, dass du darüber sprechen konntest. Ich meine, ich lerne dadurch für mich selbst auch eine Menge und über die Menschen, denen ich begegne.”
„In unserem Beruf oder als Bauarbeiter, Farmer, Rennfahrer oder in deinem Auto; früher oder später lernt jeder, dass das Leben endlich ist und die letzte Klappe täglich fallen kann. So. Bevor ich noch mehr WENNs an die Luft lasse: Kurs Gustavus. Denn wenn uns gleich ein Meteorit trifft, auf dem eine Meerjungfrau reitet, dann verpasse ich womöglich heute Abend meine Lieblingssendung.”
Unten in den Wäldern unweit des Serrated Peak wurde der Überflug der weiß-gelben Stationair von drei Augenpaaren beobachtet.
„Schon wieder einer. Das wird mir hier langsam zu bunt”, sagte ein Mann mit Bürstenhaarschnitt, Mitte Dreißig, der auf den Namen Boris Schelesnow hörte.
„Ruhig Blut, Boris”, entgegnete Tommy, der Blondschopf. Wie immer, wenn er außerhalb von Gebäuden war, hatte er eine schussbereite Winchester bei sich.
„Solange hier niemand über unseren Köpfen kreist, ist mir das scheiß egal. Siehst du. Er fliegt ganz normal weiter, hat uns wahrscheinlich noch nicht mal bemerkt. Was soll´s?Wir haben eine offizielle Erlaubnis, mit Stempel und allem Pi Pa Po.”
„Ich hoffe nur, dass wir hier bald abhauen können. Das ist mir zu auffällig. Glaube mir, Tommy, auf einem Flugplatz in Frisco oder Denver fielen wir weniger auf.”
Der Blondschopf klopfte dem Sohn russischer Einwanderer versöhnlich auf die Schulter.
„Komm, lass uns reingehen. O´Bannion hat extra für dich eine Kiste Wodka mitgebracht.”
„Nervös?” fragte der Mann, der lässig am Mast der Laterne lehnte und rauchte. Er war von mittlerer Statur und hatte markante Gesichtszüge. Silbergraue Strähnen machten sich erfolgreich zwischen seinen braunen Haare breit. Ein ungepflegter Vollbart zierte sein Gesicht. Die verschlissene Levis des Mittfünfzigers hätte vor lauter Dreck und Lackspritzern von allein stehen können. Seine salbeigrüne MA-1-Jacke mit den Abzeichen eines Geschwaders aus Eielson glich dem missglückten Werk eines durchgeknallten Künstlers und hatte in ihrer Vergangenheit bestimmt bessere Tage gesehen. Er sah die Männer mit einem humorlosen Lächeln an und sein stechender Blick sandte alles andere als Freundschaft aus. Boris Schelesnow grub die Finger seiner linken Hand in den Jackenärmel des Vollbärtigen und holte mit seiner Rechten zum Schlag aus. Tommy griff nach dem Arm seines Komplizen.
„Lass den Quatsch, Boris. Der Typ macht uns bald keine Probleme mehr. Mit ihm hat O´Bannion etwas Besseres vor”, sagte er mit einem ruhigen Tonfall und blaffte den Jackenträger an: „Los, Turner! Deine Zigarettenpause ist vorbei. Schwing dich an den Herd! Nochmal so einen Fraß wie gestern und du schläfst die kommenden zwei Nächte neben deinem Laternenmast.”
Rauch hüllte die Veranda von Melissas Haus ein. Die Hausherrin war an diesem Abend mit Freunden im Bear Track Inn verabredet. Dan stand am Grill und versuchte, zwei Fleischklopsen ein schmackhaftes Äußeres zu verpassen. Robyn hatte sich mit einer warmen Jacke am Tisch häuslich eingerichtet und betrachtete die Fotos des heutigen Fluges.
„Hey. Möchtest du mal was vom Trail sehen?”
„Klar.”
Robyn ließ eine Diaschau laufen, auf der nichts außer Bäumen und einem Trampelpfad zu sehen war und sagte voller Stolz, dass es sich um Aufnahmen der 100-Mile-Wilderness handelte. Das war der härteste Teil des Fernwanderwegs, wenn man die Presidential Range ohne Blessuren überstanden hatte. Auf 160 Kilometer siehst du nichts als Wald, Wald und nochmal Wald.
„Am Beginn der Strecke befindet sich ein Schild auf dem steht, dass man nur weitergehen sollte, wenn man Proviant für mindestens zehn Tage dabei hat und sich absolut fit fühlt. Da holt dich niemand heraus, wenn du nicht hundertprozentig weißt wo du bist und es nicht um Leben und Tod geht.”
„Bestimmt sorgt eine Blindarmreizung für Abwechslung. Respekt, meine Liebe. Dagegen waren die vierzig Meilen von Eielson der reinste Spaziergang.”
Er kümmert sich weiter um die Burger während sie wieder die Aufnahmen des heutigen Fluges lud. Dan erzählte von der Veranstaltung, an der alle neuen Piloten in seiner ehemaligen Luftwaffenbasis teilnehmen durften. Die Ausbilder hatten eine kindische Freude daran, die Frischlinge in einer der hellen Sommernächte, meistens von Montag auf Dienstag, aus dem Bett zu schmeißen und sie in voller Fliegermontur zum Alaska at it´s best antreten zu lassen. Ein Pave Hawk flog die Männer in eine gottverlassene Gegend, wo sie in Zweierteams aufgeteilt wurden. Dann informierte sie der Seargant mit dem ekligsten Grinsen, das Dan bis dahin sah, über das fiktive Malheur eines Abschusses und verabschiedete sie mit den Worten "Wir sehen uns am Wochenende".
„Die haben euch da einfach ausgesetzt?” Robyns Frage klang nach Mitleid. Sehr schnell hörte Dan ihr fieses Lachen.
„Sie gaben uns das an Ausrüstung in einem Rucksack mit, was man für solche Fälle an Bord einer F16 hat. Unseren Gemütszustand konnte man mit den Worten`beeindruckt bis entsetzt´ beschreiben und wir dachten wirklich, dass wir den ganzen Weg zum Stützpunkt laufen sollten. Mit unserem blockierten Verstand hockten wir da im Wald wie Hunde an der Leitplanke ..... bis einer auf die Idee kam, dass zur Notausrüstung immer ein ..... STOP.”
Robyn zuckte zusammen und sah Dan mit aufgerissenen Augen an. Er zeigte auf den Bildschirm und wedelte mit einem Zeigefinger herum.
„Nochmal zurück .. noch eins.... Ja. Genau das.”
„Kannst du das vergrößern?”
Sie konnte. Dan nahm die Burger vom Feuer und holte sich das Mobilteil des Haustelefons.
„Weißt du noch, wo du das Foto geschossen hast?”
Robyn scrollte etwas vor und zurück und sagte: „Das muss direkt nach dem Brady Gletscher gewesen sein. Ich hab da einfach nur in die Landschaft gehalten.”
„Würdest du das eventuell als E-Mail verschicken?” fragte Dan während er die Nummer eines Anschlusses in Juneau wählte. Er ging in Jakes Arbeitszimmer und holte die Karte des Nationalparks, die er auf dem Tisch neben dem Laptop ausbreitete. „Kein Problem. Was versetzt dich so in Aufruhr?”
„Erkläre ich dir später, Robyn.”
Der Flugweg war ihm noch im Gedächtnis und mit einem Finger fuhr er über die detaillierte Karte. Sie kümmerte sich derweil um die Hamburger. Nach endlosem Klingeln meldete sich Jerry am Telefon.
„Keine langen Debatten, Kumpel. Wo bist du?”
„Ja. Freut mich auch, von dir zu hören, Dan. Ich bin zu Hause. Wieso?”
„Ich hab da ein Foto für dich. Solltest du dir ansehen. Ich brauche deine E-Mail-Adresse.”
„Nacktbaden am Point Gustavus? Immer her damit.”
„Viel spannender. Sieh es dir an und sag mir, was du davon hältst.”
„Muss ja wirklich wichtig sein bei dem Alarm. Okay. Hast du Stift und Zettel?”
Jerry gab seinem Freund die Adresse und versprach, sich sofort nach Erhalt der Mail zu melden.
Es dauerte eine Weile bis die Stimme aus Juneau wieder in der Leitung war. Robyn und Dan saßen mittlerweile beim Essen und er hatte der Blonden aus Portland an seinen Vermutungen teilhaben lassen. Jerry kam ohne die üblichen Sprüche direkt zur Sache.
„Wie alt ist das Foto?”
„Ein paar Stunden. Könnte das die Piper von deinem Kumpel sein, Jerry?”
„Verdammt. Kann sein. So eine gelbe Lackierung ist bei den Dingern nicht selten. Aber die Cessna auf dem Foto sieht auch der ähnlich, die vor anderthalb Wochen hier in Juneau gestohlen wurde. Zu blöd, dass man die Kennungen nicht mal erahnen kann. Aber egal. Die Gebäude auf dem Foto ... wo ist das?”
„Das ist östlich vom Brady Gletscher. Die alte Wood Lake Research Station. So weit ich mich erinnern kann, ist die vor zwanzig Jahren aufgegeben worden.”
Dan hatte wie Jerry auf Lautsprecher geschaltet und hörte aus Juneau das Rattern eines Druckers während er das Foto auf Robyns Laptop nochmals vergrößerte.
„Sieht relativ gepflegt aus und die Landebahn scheint gut präpariert worden zu sein. Egal. Pass auf! Ich drucke mir das aus und gehe zur Polizei. Die Wache ist nur einen Block entfernt. Erreiche ich dich nachher noch unter der Nummer, die ich auf dem Display sehe?”
„Gut möglich. Ich bin bei Melissa. Sonst per Mobiltelefon.”
Die folgende Stunde floss zäh und trotzdem er Jerrys Rückruf erwartete, sprang Dan beim ersten Klingelton vor Schreck vom Stuhl.
„Das glaubst du nicht.” Jerry sprach leise und seine Stimme klang nach Resignation.
„Probier es aus.”
„Der Officer meint, dass er da nicht viel tun kann, solang wir keine Kennung oder sonst einen Beweis haben, dass es sich um die geklauten Flugzeuge handelt. Die Lackierungen gibt es wie Sand am Meer. Dann erzählte er davon, dass er nicht genug Personal hat und jemanden finden muss, der dort hin fliegt und noch mehr Blabla.”
„Sonst hat der aber noch alle Knöpfe an der Jacke?”
„Der Hammer kommt noch. Der hat trotzdem herumtelefoniert. Dieses Camp wurde vor gut zwei Monaten für irgendwelche Umweltforschungen reaktiviert. Alles mit hochoffiziellen Stempeln.”
Für einen langen Moment sagte niemand etwas. Auf dem Tisch surrte das Laptop und aus dem Telefon hörte man das Klicken einer PC-Maus.
„Ich hätte nichts gegen einen Waldspaziergang”, sagte Robyn und sah Dan in die Augen.
„Wer war das, Dan? Melissa?”
„Nein. Das war die Dame, der wir das Foto zu verdanken haben.”
„Wer auch immer. Die Idee rockt. Leichtes Gepäck?”
„Stand by”, sagte Dan jonglierte mit Bleistift und Entfernungsmesser auf der Karte herum. Sein Blick wanderte wie ein getriebenes Schaf zwischen Laptop und der Karte hin und her.
„Richten wir uns auf zwei Tage ein. Sieben Kilometer Luftlinie östlich davon gibt es einen See”, sagte er schließlich.
„Zwei Tage für vierzehn Kilometer?”
„Luftlinie, Kumpel, Luftlinie. Wir können natürlich auch da landen und so tun, als würden wir nach dem Weg fragen.”
„Ist ja okay, Dan. Klingt so, als hättest du bereits so was wie einen Plan.”
„Ich bastel noch dran. Was erzählst du Deborah?”
„Keine Sorge. Ich habe ein paar Tage Urlaub. Also spricht nichts dagegen, wenn ich mit einem alten Freund fischen gehe. Kümmer du dich um das Flugzeug und das, was du deiner Chefin erzählst.”
Dan nagte an einer Ausrede während er mit Robyn eine topographische Karte studierte. Als Melissa spät abends das Wohnzimmer betrat, arbeiteten Robyn und er bei einem Glas Wein bereits an einer Checkliste für die Ausrüstung. Die Hausherrin war in ihrem braunen Hosenanzug, der gut zu ihren Haaren passte, eine Augenweide und sie wirkte sehr entspannt.
„Wie war der Abend?”, fragte Dan.
„Fein. War toll, mal für ein paar Stunden was anderes zusehen. Danke, dass ihr hier etwas aufgepasst habt”, sagte Melissa und warf einen Blick auf die Liste. „Liegt was Größeres an?”
Dan sah ihr in die Augen und wollte gerade loslegen, als ihm Robyn zuvor kam.
„Der Rundflug im Park hat mir heute so gut gefallen, dass ich mir einige Stellen gern genauer ansehen würde, Miss Turner. Ich möchte ihr Flugzeug ab Morgen für zwei, vielleicht drei Tage chartern”, sagte sie höflich und bestimmt.
Melissa sah die beiden einen Moment lang an und sagte: „Gern. Nur muss Dan morgen früh zu erst nach Haines. Ab Mittag könnt ihr tun, was ihr wollt.”
„Damit kann ich leben”, meinte Robyn und lächelte. „Es ist spät und ich werde mich nun zurückziehen. Gute Nacht.” _________________ Beste Grüße
Jörg
Irren ist menschlich. Aber wenn man richtig Mist bauen will, braucht einen Computer.
Dan Rather |
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JörgB Moderator


Anmeldungsdatum: 18.08.2006 Beiträge: 2195 Wohnort: Bielefeld FS-Version: 9.1
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Verfasst am: Di 02 Feb 2010, 18:34 Titel: (Kein Titel) |
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Teil 7
Am frühen Nachmittag des nächsten Tages trafen Robyn und Dan endlich auf dem Flugplatz von Juneau ein. Jerry wartete bereits in dem Hangar, den er zur Hälfte gemietet hatte.
„Nett, dass ihr doch noch kommen konntet”, begrüßte er die beiden auf seine unnachahmliche Art.
„Tut mir leid, Mann. Aber die Tour heute morgen hat doch länger gedauert als geplant”, erwiderte Dan.
„Schon okay, Alter. Wie du siehst, habe ich keine Spinnweben unter den Armen. Ich konnte die Zeit gut nutzen um etwas vorzubereiten”, wiegelte Jerry ab und wandte sich Robyn zu. „Sie sind also diejenige, der wir das Foto zu verdanken haben?”
Dan stellte die beiden einander vor und sie reichte Jerry stumm lächelnd ihre zarte Hand.
„Dan hatte mir bereits gestern Abend etwas von ihnen erzählt, Ma´am. Aber keine Sorge, es waren nur gute Dinge.”
„Davon bin ich bei Gesprächen unter Freunden restlos überzeugt. Ich schlage vor, wir halten uns nicht mit den üblichen Floskeln auf. Ich heiße Robyn.”
Jerry schob die Unterlippe vor, sah Dan mit hochgezogenen Augenbrauen an und lachte.
„Ihr kann man nichts vormachen, eh? Dann verrate mir noch Eins .... Robyn. Was verschafft uns die Ehre deiner Gesellschaft?”
„Nun. Ihr zwei denkt, dass ihr etwas Großem auf der Spur seid. Also warum soll ich mir einen warmen Regen entgehen lassen? Als ehemalige Reporterin kann ich euch sagen, dass Zeitungen für eine Story mit guten Fotos schon mal was springen lassen. Da wäre auch für euch was drin.”
Wieder legte Jerry seine Stirn in Falten. In den Augen seines Kumpels sah er Zustimmung.
„Also gut. Nachdem das geregelt ist erzähl mir, was dein Hirn ausgebrütet hat, Dan.”
Sie versammelten sich um die vor Schmutz und Öl geschwärzten Werkbank. Dan breitete die Karte aus, in die er die wichtigsten Punkte und eine Flugstrecke eingezeichnet hatte.
„Also. Wir fliegen von hier ein Stück den Lynn Canal rauf, folgen dem Endicott River zum Adams Inlet und überqueren dann die Bay. Das Camp befindet sich hier am Serrated Peak. Die einzige Möglichkeit, unbemerkt in der Nähe zu landen ist der kleine See hier östlich des Camps und südlich vom Geiki Inlet, Lake Seclusion. Ich dachte wir fliegen vom Geiki nach Süden tief über die Hügel und landen dort. Am besten starten wir so spät wie möglich. Tagsüber ist auf der Glacier Bay bereits viel Betrieb. Abends hängen die alle in ihren Hotels oder bei ihren Frauen.”
Jerry beugte sich über die Karte und schaltete die kleine Lampe über der Werkbank an.
„Klingt gut. Der Tag ist sowieso gelaufen. Was ist mit dem See nördlich ...... Heiliger Vater, das kann ja kein Aas lesen .... Wood Lake. Der scheint näher dran zu sein.”
„Dann können wir auch gleich dort landen, Jerry. Der See liegt in dem gleichen Tal. Die Landebahn des Camps hat eine Nord-Süd-Ausrichtung. Lake Seclusion ist nach meiner Meinung die einzige Möglichkeit, für eine gewisse Zeit unentdeckt zu bleiben.”
„Seclusion”, murmelte Jerry grinsend. „Klingt passend. Hast Recht, Dan. Sollte jemand von dem Camp starten oder landen, dann rasselt der uns voll über´s Dach. Was weiß Melissa?”
„Die ahnt nichts. Dank Robyn fliegen wir offiziell zum Alsek River. Ich hoffe nur, dass niemand unser Flugzeug auf dem See bemerkt. Für den Fall habe ich keine Ausrede.”
Jerry grinste seinen Kumpel breit an und zog drei Säcke von je einem Meter Durchmesser und einem Meter Höhe unter einem Regal hervor. Dan stutze und legte seine Stirn in Falten.
„Sagte gestern Abend nicht jemand etwas von leichtem Gepäck?”
Robyn war ebenso verwundert wie Dan.
„Passen die noch rein?” fragte Jerry und öffnete einen der Säcke.
„Tarnnetze?” stieß Dan hervor.
„Yup. Für eine Neulackierung deiner strahlend weißen Kiste fehlt die Zeit, Kumpel. Also lass uns die Dinger einladen und dann checken wir nochmal unseren Krempel.”
Der Flug zum Lake Seclusion war an diesem Abend business as usual. Die Wolkenuntergrenze lag bei 2500 Fuß, der Wind blies mäßig aus Süd und erwärmte die Luft auf frühlingshafte 19 Grad Celsius.
Jerry studierte Dans Karte und tüftelte bereits einen leicht gehbaren Weg vom See zum Camp der - wie er sie ironisch nannte - Forscher. Er wiegte seinen Kopf sanft zu den Klängen aus seinem iPod - "Slabo Days" von Peter Green.
Robyn auf den hinteren Sitzen war zum Nichtstun verdammt und nutzte die Zeit und klare Sicht über dem Adams Inlet, um ihre Fotosammlung zu erweitern. Es würde heute Abend wieder einer dieser farbenprächtigen Sonnenuntergänge werden und sie war ein wenig traurig über die Tatsache, dass sie das große Finale wegen der Topographie am Ziel verpassen würde. Der weitere Flug über die Glacier Bay war so, wie Dan es sich wünschte. Die Bucht war um halb acht abends menschenleer wie ein unentdecktes Land und die wenigen Touristenboote, die bereits ihren Sightseeing-Betrieb aufgenommen hatten, lagen sicher vertäut in Bartlett Cove.
Die drei Augenpaare an Bord der Cessna richteten ihren Blick nach vorn, als Dan über dem Geiki Inlet in den Sinkflug überging und in unter 1000 Fuß Höhe über einen der Seitenarme flog. Die Hände des Piloten huschten über die Schalter der Positionslichter.
„Wir hätten die Mühle doch umlackieren sollen”, feixte Dan. „Wenigstens blinkt sie jetzt nicht mehr wie ein Weihnachtsbaum.”
Die Felswände rauschten zum Greifen nah an den Fenstern vorbei und ihre Schatten reduzierten das bereits schwindende Tageslicht noch mehr. Konnte man eben noch die Zweige der wenigen Fichten auf den Abhängen erkennen, verwischte die Geschwindigkeit nun alles um sie herum zu einer schwarzgraugrünen Masse.
„Nun wird´s interessant”, kommentierte Jerry Dans Manöver.
„Yup. Schnell geradeaus kann fast jeder.”
Am Ende des schmalen Seitenarms zog Dan die Staionair unter Jerrys Jubelrufen noch einmal hoch, überquerte einen Hügel in Baumwipfelhöhe und drehte die Stationair nach rechts. Er setzte die Landeklappen und fast gleichzeitig drehte er die Maschine nach links. Dann senkte die Flugzeugnase wieder um einen weiteren, flacheren Hügel tief zu überqueren. Robyn hatte ihre Kamera längst beiseite gelegt und sah durch die vorderen Fenster nur noch Bäume, die sich schnell näherten.
„Perfekt”, jubelte Jerry, als der See vor ihnen lag und hielt beide Daumen hoch. „Du hast nichts verlernt, mein Alter.”
„Oh Mann. Ich dachte eben einen Moment lang, dass wir uns über Feuerholz in den nächsten Tagen keine Sorgen machen müssten”, sagte die weibliche Stimme in den Headsets der beiden Männer. Jerry dreht sich um und sah Robyn, die wie ein Schimpanse zwischen den Haltegriffen am Dach hing.
„Wir sind noch nicht unten”, sagte er mit einem Augenzwinkern und grinste sie breit an.
Wie Recht Jerry mit dieser Bemerkung hatte. Die Gebirgskämme warfen in der Abendsonne lange Schatten und der Lake Seclusion lag wie ein schwarzes Loch vor ihnen.
Dan gab sich nur einen Versuch. Er konnte erkennen, dass sich die Wasserfläche im Wind kräuselte.
`Gegenwind. Gott sei Dank´, dachte er und nahm die Baumwipfel am nördlichen Seeufer aufs Korn. Wenn der Kartenmaßstab stimmte, dann war es von Ufer zu Ufer nur etwas mehr als ein Kilometer. Sein Kopf bewegte sich wie ein Lämmerschwanz zwischen Variometer, Geschwindigkeitsmesser und den Bäumen am Seeufer zur seiner Linken. Die Sekunden bis zu dem Ruck, der das Aufsetzen signalisierte, verrannen zäh wie Ahornsirup und das anschließende Rauschen des Wassers wirkte beruhigend.
„Sag mal”, wandte er sich an Jerry, „das STOL-Kit von neulich hast du noch nicht anderweitig verbastelt, oder?”
Dans Begleiter kehrten langsam in eine normale Körperhaltung zurück und nach wenigen Augenblicken vernahm er in seinem Headset, dass beide atmeten. Er ließ die Cessna am südlichen Seeufer ausgleiten und stellte den Motor ab. Jerry fand seinen Humor wieder und sah auf die Bäume.
„Noch nicht. Aber für alle Fälle hab ich eine Handsäge dabei.”
Dan setzte als Erster einen Fuß an Land und sah sich schweigend um. Der Wind rauschte in den Fichten und die Mücken, die eben noch in Säulen über dem Ufer tanzten, witterten sofort die reich gedeckte Tafel. Sonst war es still. Das Wasser umspülte in kleinen Wellen glucksend die Schwimmer der Stationair. Dan konnte sich nicht erinnern, jemals hier gewesen zu sein, aber die Landschaft um ihn herum schien ihm seltsam vertraut.
„Was hast du?” fragte Jerry und schaute sich ebenfalls um. „Glaubst du, uns hat jemand bemerkt?”
Die drei standen am Ufer und betrachteten schweigend die Gegend. Robyn hatte bereits ihre Kamera im Anschlag und fotografierte die Sonne, die sich zwischen den Hügeln bettete. Dan lächelte müde und schüttelte kurz den Kopf.
„Sollte mich schwer wundern”, antwortete er kurz. „Kommt. Lasst uns das Flugzeug da drüben in die kleine Bucht schieben und das ausladen, was wir für die Nacht brauchen.”
„Also keine Nachtwanderung?” folgerte Jerry.
„Nein. Das bringt nichts außer verstauchten Knöcheln und gezerrten Bändern. Ich denke, wir sollten deine Tarnnetze ausprobieren, Kumpel.”
Zu dritt hantierten sie, um die Cessna an die gewünschte Stelle zu bugsieren. Dan stand mit dem Paddel auf einem der Schwimmer und suchte in regelmäßigen Abständen den Waldrand ab, während Robyn und Jerry das Flugzeug von Land aus mit den Seilen zogen. Das Leben an dem See machte sich zögernd und mit zunehmender Lautstärke bemerkbar. Zwei Weißkopfseeadler kreisten über ihnen, welche Robyn mit ihrer Nikon ebenfalls für die Nachwelt festhielt. Aus dem Wald hallte Vogelgezwitscher und irgendwo auf dem Wasser markierten Eistaucher mit ihrem Jodelgesang, der an den Felswänden zu beiden Seiten des Sees widerhallte, ihre Reviere.
„Na? Beobachtet uns jemand?” feixte Jerry.
„Das ist nur der übliche Verfolgungswahn. Wusstest du, dass Bären auch in den Abendstunden auf Futtersuche sind?”
Dan ließ sich nicht beirren und suchte weiter das Ufer und den Waldrand ab. Er zog es ins Lächerliche. Aber er fühlte sich beobachtet und ahnte nicht, dass er damit Recht behalten sollte.
Er hatte sich bemüht, die letzten Minuten des Fluges so unauffällig wie möglich zu gestalten. Dennoch blieb die Landung der weißgelben Cessna auf dem Lake Seclusion nicht unbemerkt.
Robyn holte ihren blaugrauen Osprey Ariel 75 aus dem Flugzeug, um das Abendessen vorzubereiten. Dan und Jerry drapierten die Netze, so gut es mit Hilfe von Paddel und langen Ästen ging, über die Maschine und bestaunten nach getaner Arbeit ihr Werk.
„Da bin ich aber gespannt, was noch alles in deinem Rucksack ist, Robyn”, sagte Jerry, als ihm der Duft von gebratenem Fleisch in die Nase stieg.
„Falls du den Proviant meinst: Sieh das Fleisch als eine Art Henkersmahlzeit an. Ab morgen gibt´s nur noch Dosenfraß, falls du nichts Besseres dabei hast”, erwiderte sie und stocherte mit einer Gabel in der Pfanne.
Dan zeigte auf die Rauchfahne, die über den See zog und fügte lachend zu, dass Wahres in dem Begriff Henkersmahlzeit sei, falls der Wind in Richtung Wald dreht. Er holte sein Zelt, das zur Notausrüstung der Cessna gehörte, und schlug es auf einer freien Fläche auf.
„Das gibt´s doch nicht”, meuterte Jerry, „ich besorge extra Tarnnetze und der gnädige Herr zieht hier seine quietschgelbe Dackelgarage hoch. Stell es wenigstens unter die Bäume.”
„Vergiss es, Jerry! Nach Regen fallen noch Stunden später die Wassertropfen aus den Fichten. Also. Wer von euch schläft heute Nacht wo?”
Jerry war es schon in Gedanken in dem kleinen Zwei-Mann-Zelt zu intim und er zog es vor, in seinem Biwakzelt irgendwo - Wassertropfen hin oder her - unter den Bäumen zu campieren. Auf jeden Fall in guter Entfernung zu Dans Domizil, damit sich beide nicht gegenseitig beschnarchen konnten. Robyn wählte aus eben diesen Gründen die Sitzbank im Flugzeug. Beim Abendessen besprachen die Freunde den kommenden Tag und bevor sie sich in ihre Schlafsäcke hüllten, kamen sie den notwendigen Pflichten nach. Um zu vermeiden, dass Bären Witterung aufnehmen konnten und den Männern in ihren Zelten eine lange Nacht bescherten, vergrub Jerry die Essensreste in ausreichender Tiefe während sich Robyn und Dan um den Abwasch kümmerten.
Eine halbe Stunde nach Mitternacht wurde Dan wach. Sein Rücken peinigte ihn und er merkte, dass er von seiner Therm-A-Rest-Matte gerutscht war. Im Zelt war es hell, trotzdem hielt Dan einen Moment lang inne um sich klar zu werden, wo er lag. Er hatte den Eingang nur mit dem Moskitonetz verschlossen und sah das kleine Stück Land vor dem Zelt in blaues Licht getaucht. Der Mond musste recht steil über dem Zelt stehen und der Wind trieb sein Spiel mit den Fichten, deren Schattenspiele auf der dem Wald zugewandten Zeltwand an einen Umzug des Ku-Klux-Klans oder eine Horde Heinzelmännchen erinnerten. Dan bewegte sich wie eine Raupe, um wieder auf die Isomatte zu gelangen ohne den wärmenden Mumienschlafsack öffnen zu müssen.
Er hielt den Atem an, als er das trockene Knacken eines Zweiges hörte. Jerry konnte es nicht sein. Er schlief den Schlaf des Gerechten und das von ihm prophezeite Geschnarche war gedämpft zu vernehmen. Grafisch dargestellt wären es recht gleichmäßige Sinuskurven. Erneut ertönte das Knacken eines dünnen Zweiges; diesmal viel näher als beim ersten Mal. Dan hatte nun Robyn in Verdacht, aber es fehlten die Geräusche von mehreren Schritten. Ein Tier näherte sich auf leisen Sohlen seinem Zelt, da war sich Dan absolut sicher. Ein Grizzly oder Schwarzbär konnte es nicht sein, denn deren Schritte waren auf diese Distanz von weniger als zehn Metern für den Camper vergleichbar mit vier Punkten auf der Richterskala. Auch die Geräusche, als dieses Etwas das Zelt beschnüffelte, stammten nicht von einem Bären. Dann mischte sich ein hundeähnlicher Schatten unter die Heinzelmännchen und glitt leise die Zeltwand entlang.
Der Träger des Schattens baute sich vor dem Zelteingang auf und Dan sah in zwei orange-gelbe Augen.
„Yello?” sagte Dan leise und er hoffte, dass er es war. Schnell befreite er sich aus seinem Schlafsack und öffnete den Reißverschluss des Zelteingangs, denn der Wolf traktierte das Insektennetz bereits unter leisem Gejaule mit den Krallen seiner Vorderpfoten. Der Wolf leckte seinem zweibeinigen Freund zur Begrüßung durchs Gesicht und Dan versuchte das Gejaule zu unterbinden, indem er dem Tier die Schnauze zu hielt. Er tastete den Hals des Wolfs ab und fühlte ein kahle Stelle. Dan konnte es kaum glauben, es war wirklich Yello und der ließ sich nicht lang bitten, als Dan auf seine Isomatte robbte und mit der flachen Hand auf den Zeltboden neben sich schlug. Beide beruhigten sich nach kurzer Zeit und Yello rollte sich neben seinem Freund zusammen.
Um 3.30 Uhr in der Früh ertönte am Ufer des Lake Seclusion das eletronische Gedudel dreier Mobiltelefone. Jerry war als Erster auf den Beinen und auf dem Weg zu einem Baum seines Vertrauens rüttelte er heftig an Dans Zelt.
„Hab ich gut geschlafen. Los! Aufwachen! Möchte mal wissen, was du geträumt hast”, lachte er und schlug sich in die Büsche.
Dan krabbelte aus seinem Zelt und streckte sich genüsslich. Die Sonne war noch nicht zu sehen aber es war bereits taghell und am blauen Himmel wanderten nur wenige Wolken. Breit grinsend kam Jerry aus dem Gebüsch zurück.
„Na, erzähl schon! Welche Schönheit lag heute nacht neben dir. Das hörte sich ja nach einem echt wilden Traum an. Los! Mach einen verheirateten Mann neid.....”
Jerry unterbrach sich selbst und stand wie schockgefrostet da, als er sah was aus Dans Zelt kam. Abwechselnd sah er seinen Freund und dessen Übernachtungsgast an.
„Tja”, sagte Dan und schnalzte mit der Zunge. „Manche können eben nicht bis nach der Hochzeit warten.”
„Das ....das ist ein....”
„Wolf. Melissa meint, es sei ein Canis lupus occidentalis”, sagte Dan und legte eine Hand auf Yellos Kopf. Der schwarze Vierbeiner saß neben Dan und schaute mit einem Blick zu ihm auf, als wolle er sagen, dass das noch nie jemand so schön gesagt hat.
Dan forderte ihn auf, mit einer vorgehaltenen Faust langsam näher zu kommen.
„Lass ihn schnüffeln, damit er weiß, mit wem es zu tun hat”, empfahl er ihm.
”Toller Tipp.” Jerry fühlte sich nicht wohl in seiner Haut, als der Wolf ihn beschnüffelte und zweimal kräftig mit der Nase stieß. Er musste einen Fuß zurücksetzen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
„Wie kommst du zu dem?” fragte er. Noch nie war er einem Wolf so nah und mit einer Riesenportion Respekt streichelte er zaghaft das Tier, dessen Kopf dem 1,80 Meter großen Mann bis zum Bauchnabel reichte. Dan erzählte seinem Freund, was in der vergangenen Woche in und um Gustavus zugetragen hatte.
„Und du glaubst, das geht gut?”
„Verhalte dich ganz normal. Wenn du ihm keinen Grund gibst, wird er auch keinen suchen. Er frisst sein Fressen und wir unseres. So einfach ist das.”
„Und das erzählst du einem Jäger.”
„Pass mal auf.” Dan entfernte sich zwei Schritte von dem Wolf.
„HEY. Yello”, feuerte er den Vierbeiner an und schlug sich mit beiden Händen auf die Schultern. Jerry sah mit weit geöffneten Augen zu, wie sich Yello aufbäumte und seine Vorderpfoten auf Dans Schultern legte. Das Tier konnte seinen Kopf locker auf den des Buschpiloten legen.
„PERFEKT”, rief Robyn, die bereits in voller Montur lächelnd am Flugzeug stand und stolz ihre Kamera hoch hielt.
„Also. Du und er .... ”, stammelte Jerry, „ihr beide geht vor, wenn wir uns auf den Weg machen.”
Ein Stunde später waren die Zelte verpackt und die kleine Gruppe zum Aufbruch bereit. Dan versammelte seine Mitstreiter noch ein Mal am Flugzeug und zeigte beiden, wie das Funkgerät in Betrieb zu nehmen war. Er verschloss die Cessna und ließ die Schlüssel demonstrativ in den vorderen Stauraum des Schwimmers fallen.
„Nur für den Fall, dass was schief geht”, sagte er.
Robyn und Jerry verstanden den Hinweis und nickten stumm. Zusammen gingen sie zum Lagerplatz und nahmen ihre Rücksäcke auf.
„Hast du was dabei?” fragte Jerry, als er seine Kimber Modell 84 auf seine Schultern schwang und wie James Dean in Giganten da stand. Dan öffnete kurz seine Jacke und ließ die Griffe eines Revolvers und eines Jagdmessers im Sonnenlicht blinken. Robyn machte dazu eine zweideutige Bemerkung und drängte zum Aufbruch. Die erste Entscheidung lag bereits kurz nach der gestrigen Ankunft am Lake Seclusion in der Luft. In der südwestlichen Ecke des Sees war ein sechs Meter breiter Fluss, der überquert werden musste. Die Truppe einigte sich darauf, seinem Ufer eine Weile zu folgen, in der Hoffnung eine flachere Stelle zu finden. Der Wald wirkte unheimlich und bedrückend. Sonnenstrahlen fanden selten den Weg zwischen den dicht beieinander stehenden Nadelbäumen. Bis auf Yello konnten die Wanderer nicht immer direkt am Flussufer entlang gehen. Der Wolf fand zwischen den Beerensträuchern und Büschen fast immer eine Lücke. Nach anderthalb Kilometern fanden sie eine passende Stelle. Der Fluss war hier zwar geschätzte neun Meter breit, aber war flacher als am See. Die Steine am Flussgrund zwangen das Wasser, in sanften Wellen über ihnen hinweg zu steigen. Ein Baum, der einst nah am Ufer stand und durch Unterspülung umgestürzt war, diente als Geländer. Sie verwandelten ihre Zip-Hosen in Shorts und durchwateten barfüßig das einen halben Meter tiefe, kalte Wasser. Die Strömung hatte immer noch ausreichend Kraft, um ihnen die Beine unter dem Hintern weg zu reißen und die Männer merkten hier erstmals das Gewicht ihrer Rücksäcke. Ein paar Mal mussten sie innehalten und sich an dem Baum festhalten, während Robyn scheinbar mühelos auf die andere Seite wechselte.
Am anderen Ufer füllten sie ihre Wasserflaschen und setzten ihren Marsch fort, diesmal in nordwestlicher Richtung. Der Höhenzug, der am westlichen Ufer des Lake Seclusion aufragte, lief in südlicher Richtung sanft aus und die Freunde nutzten die Gelegenheit, von einer erhöhten Position einen Blick auf das vor ihnen liegende Gelände zu werfen.
Schwer atmend erreichten sie eine Stelle mit guter Aussicht, setzten ihre Rucksäcke ab und versammelten sich um Dans ausgebreitete Karte. Der Einzige, dem der Marsch durch den Busch nichts ausmachte, war Yello. Er lief umher, ohne außer Sichtweite zu geraten, schnüffelte hier und da und setzte, von Jerry beobachtet, seine Marken.
„Schlechtes Gewissen?” feixte Dan und inhalierte die kühle Luft.
„Ich dachte, der bleibt in deiner Nähe. Ich weiß nicht, was meinen letzten Körperfunktionen mehr zu schaffen macht: Die Lauferei oder er. Zweimal tauchte er eben hinter den Büschen neben mir auf als wolle er mir Noten geben oder Feuer unterm Arsch machen.”
Robyn lachte und zeigte auf die Packung Zigaretten, die Jerry aus seiner Jackentasche holte. „Es wird wohl eher daran liegen, Jerry.”
Sie sahen auf die Karte und Dan wies mit ausgestrecktem Arm auf die Berge vor ihnen.
„Der da in der Mitte mit dem Buckel muss der Serrated Peak sein ... wenn die Karte stimmt. Unterhalb davon sollte unser Ziel liegen.”
Robyn kramte aus ihrem Rucksack ein GPS-Gerät vor und bat Dan um die Koordinaten, wo er das Camp vermutete. Es dauerte ein paar Minuten, bis das Gerät piepend die Eingaben in greifbare Angaben wie Entfernung und Richtung präsentierte.
„Vier Kilometer”, sagte sie und hielt den Männern als Beweis das Display hin. Dan sah auf seine Uhr und verdrehte die Augen. Seit ihrem Aufbruch waren sie bereits anderthalb Stunden unterwegs und hatte laut Karte erst ein Fünftel des direkten Weges hinter sich gebracht.
„Naja. Geht ja noch”, meinte Jerry.
„Luftlinie. Das kann locker das Doppelte sein, denn wir müssen noch um den Ausläufer von dem Berg dort vor uns”, ergänzte Robyn, die eine Solarfolie an ihrem Rucksack befestigte und ein Ladekabel in das GPS-Gerät steckte.
„Hast du da auch eine Einbauküche drin?”
„So was ähnliches, aber das zeig ich dir später. Lasst uns laufen, bevor ihr zu kalt werdet”, entgegnete sie und wuchtete unter Flüchen den Osprey auf ihre schmalen Schultern.
„Jungs. Was nehmt ihr gegen die Moskitos? Mein Zeug scheint eine eher betörende Wirkung auf die blöden Viecher zu haben.”
Dan griff in die Seitentasche seines Rucksacks, förderte eine Pumpflasche zu Tage und grinste, als er seine Begleiter mit einer nach Zitrone riechenden Tinktur einnebelte.
„Hmm. Das riecht wie ..... Dan, was ist das für ein Zeug?”
„Es enthält Katzenminze. Das wirkt ein paar Mal besser als DEET und verschafft uns auf Stunden Ruhe vor den Plagegeistern.”
„KATZENMINZE ?” keifte Jerry entrüstet. „Ich hörte, das Zeug hat eine aphrodisierende Wirkung auf geschlechtsreife Katzen.”
Die Truppe setzte ihren Marsch fort. Dan bildete mit Yello die Vorhut und Jerry sicherte mit seiner Kimber nach hinten. Während des Abstiegs wurden sie bald daran erinnert, dass sie nicht allein durch dieses Waldgebiet gingen. In der Rinde einer Kiefer fanden sie zweieinhalb Meter über dem Erdboden zentimetertiefe Kratzspuren, aus denen würzig riechendes Baumharz austrat.
„Hier”, sagte Jerry und nickte zu der Stelle, „was meinst du, Dan? Grizzly oder Schwarzbär?”
„Eher Puma .... vielleicht auch Luchs”, sagte Dan und lachte laut auf.
„Ganz toll, Kumpel. Danke. Da zergeht mir doch der Begriff "Nachtaktiv" mit einem Prickeln auf der Zunge. Ich sehe schon die Schlagzeilen: Jerry "Pussycat" Mannerhoff. Verpassen sie nicht die nächste Folge, wenn es heißt: Zu mir oder zu dir, Catwoman?”
„Hier gibt´s aber keine Pumas, oder?” fragte Robyn besorgt.
„Solang du heute Nacht nicht in Jerrys Nähe schläfst, Robyn”, lachte Dan und suchte den Boden nach weiteren Spuren ab. Sie sah ihm nach und er versuchte sie zu beruhigen: „Wenn hier im Nationalpark Pumas leben, dann hätte es bestimmt schon entsprechende Warnungen gegeben, Robyn.”
„Es sei denn, wir sind die Ersten, die hier einen Puma entdecken”, feixte Jerry.
Die Männer sahen sich die Kratzer im Baum nochmals genauer an und tippten auf einen Grizzly der gestern hier durchgekommen sein musste. Sie fanden sogar etwas Bärenlosung.
„Also wenn ich Parallelen ziehen darf....”, juxte Jerry und zeigte auf den Haufen, um den Fliegen kreisten, „....und abgesehen von der Tiefe der Spuren: Das bekommt nur ein Männchen hin.”
Sie gingen weiter und achteten alarmiert durch die Bärenfährte sensibler als vorher auf alle Geräusche. Yello fungierte als Späher. Oft verschwand er minutenlang zwischen den Bäumen und Farnen um kurze Zeit später unvermittelt zwischen den Zweibeinern wieder aufzutauchen. Dann setzte er sich wieder an die Spitze und das Spiel begann von Neuem. Zwischendurch brachten ein paar knackende Äste und hektisches Blätterrascheln, ausgelöst durch flüchtende Sitkahirsche, den Kreislauf der Waldläufer auf Touren. Robyn sollte mit ihrer Voraussage betreffend des direkten Weges Recht behalten. Oft lagen Bäume im Weg - manche so mächtig, dass es unmöglich war sie zu überklettern oder unter ihnen hindurch zu schlüpfen - oder sie stießen auf Felsformationen, die sie umgehen mussten. Ein weiteres Hindernis stellten Waldlichtungen dar, die sich beim zweiten Hinsehen als Feuchtwiesen entpuppten. Ein Versuch, eine dieser harmlos aussehenden Freiflächen - die nur von Gräsern und wenigen Büschen bewachsen waren und so ein schnelles Vorankommen suggerierten - auf direktem Weg zu überqueren, endete damit, dass sie nach wenigen Schritten bis über die Knöchel in dem moorigen Boden versanken und Dan einen seiner Schuhe mit Hilfe von Jerrys Klappspaten wieder ausgraben musste. Diese Feuchtgebiete mit ihren kleinen Tümpeln sind die Brutgebiete der allgegenwärtigen Mücken und je höher die Sonne stieg, desto häufiger wurden sie von den blutdurstigen Insekten gepiesackt. Die Freunde machten oft von ihrem neuen Deodorant Gebrauch, trotzdem wagten sich einige unerschrockene Exemplare durch die unsichtbare Geruchsbarriere und man war sich schnell einig, dass der Erfinder der Kopfnetze wenigstens so etwas wie einen Nobelpreis verdient hätte.
Am späten Vormittag erreichten sie eine Lichtung, auf der eine verlassene Baracke stand. Der Zahn der Zeit hatte die Farbe fast vollständig von ihrer Fassade genagt. Die Reste eines Stacheldrahtzauns, der die Bewohner des alten Gebäudes einst vor Bären schützen sollte, hingen rostend von den Zaunpfählen herunter. Dan und seine drei Begleiter saßen in der Deckung der Sträucher am Waldrand und betrachteten einen Moment lang schweigend die Szene. Das Einzige, was sich hier bewegte, waren die Fensterläden, die quietschend im Wind pendelten. Jerry hatte die Luftaufnahme von Robyn aus der Tasche gezogen und wies mit ausgestrecktem Arm ins Gelände.
„Da drüben ist die Landebahn, also befinden wir uns ..... ungefähr hier”, sagte er und zeigte mit dem Finger auf die entsprechende Stelle auf dem Foto.
„Irgendwelche Vorschläge?” fragte Dan, der durch sein Fernglas sah und zwischen den Bäumen weitere Gebäude entdeckte.
„Nirgendwo ist man sicherer als in der Höhle des Löwen”, raunte Robyn den Männern zu und sah ihnen mit festem Blick in die Augen.
„Du meinst ...”
„Ich meine, dass ich nicht stundenlang durch den Busch renne, um hier rum zu sitzen und zu warten, dass irgend etwas passiert, Dan.”
Jerry nahm das Fernglas in die Hand und suchte weiter die Gegend ab, wobei er auch die umliegenden Berge nicht außer Acht ließ. Robyns Gedanke, Frechheit siegen zu lassen und einfach in das Camp zu latschen, gefiel ihm.
„Warum nicht? Spielen wir ahnungslose Touristen, die durch den Wald spazieren. Wer von uns geht?” Mit dem gewohnt breiten Grinsen sah Jerry seinen Kumpel an.
„Einer scheidet von Vornherein aus”, bemerkte Robyn und nickte zu Yello, der wie ein Stofftier neben Dan saß und seinen Blick nicht von dem Gelände vor ihnen nahm. Nur seine Ohren, die sich beim leisesten Geräusch bewegten, ließen den Schluss zu, dass er noch Puls hatte.
„Dann sind es schon zwei”, sagte Jerry.
„Wie auch immer. Wo der Eine ist, ist der Andere nicht weit. Wir sollten das Zelt mitnehmen. Nur für den Fall, dass irgend etwas verdammt neben der Spur läuft und die uns durchsuchen. Zwei Leute und dein Ein-Mann-Tunnel .... sieht etwas komisch aus.”
„Ich halte das nicht für eine gute Idee, Leute. Wir wissen nichts von den Typen und ob die Kanonen haben. Robyn, du hast doch leistungsstarke Objektive für deine Kamera. Können wir nicht aus sicherer Entfernung ein paar Bilder machen und dann wieder verschwinden?”
„Und hier wie Geheimagenten durch das Unterholz kriechen?” Jerry gab Dan das Fernglas und zeigte auf etwas zwischen den Bäumen und dann auf Yello. „Schau mal da drüben, Kumpel. Siehst du, was ich meine?”
Dan hielt das Fernglas vor die Augen und wusste nicht, was der Mann aus Juneau meinte. Jerry führte das Fernglas mit seiner Hand.
„Sitkahirsche. Ist ein Wunder, dass sie unseren schwarzen Freund hier noch nicht gewittert haben. Glaub nicht, dass die stehen bleiben und uns einen guten Morgen wünschen, wenn wir denen zu nahe kommen. Die verraten dich, bevor du weißt, wo du bist.”
„Also gut. Mir schmeckt das zwar immer noch nicht, aber ich kann mir hier wahrscheinlich den Mund fusselig reden. Wie soll´s laufen?”
„Du nimmst meine Kimber und platzierst deinen Allerwertesten da oben auf der Bergflanke. Von dort solltest du einen guten Überblick haben”, sagte Jerry und wies mit ausgestrecktem Arm auf die Berge östlich des Camps. Dann legte er eine Hand auf sein Gewehr und sah Dan an. „Schon mal mit .220 Swift geschossen?”
„Nein. Gehört hab ich davon. Ballert man damit nicht auf Ungeziefer?”
„Yup. Die Farmer im Süden rücken damit den Präriehunden auf den Pelz. Ich hab nur ein Mal auf einen Schneehasen geschossen, auf 250 Meter. Das einzig Brauchbare war der Kopf und die Hinterläufe, der Rest war undefinierbarer Matsch. Seitdem gehe ich auf Rehe oder Sitkas. Da bleibt mehr übrig. Egal. Die Dinger haben eine hohe Mündungsgeschwindigkeit und sind fast resistent gegen Geschossfall”, grinste Jerry
„Ich schieße nicht auf Menschen. Spinnst du?”
„Mag sein. Du sollst hier niemandem das Licht auspusten, Dan. Erstens bist du nicht so gut und viel zu jung für Lebenslänglich, zweitens hab ich bereits genug Ventilationsöffnungen in der Jacke und drittens drehen wir keine Fortsetzung von Rambo. Beschäftige sie nur ein wenig, wenn was quer läuft. Baller auf die Dächer. Wie es auf dem Foto aussieht, ist der Hangar aus Aluminium. Das knistert schön. Und falls du unterwegs von einem Bären belästigt wirst, zieh ihm den Schießprügel über den Schädel.”
„Wozu hast du das Ding überhaupt mitgenommen?” Für Dan wurde das ganze Unternehmen immer abstrakter. Abgesehen davon, dass sich seine Begleiter für einen Tanz auf dem Vulkan vorbereiteten, hatte er neben dem Rucksack jetzt eine Waffe zu schleppen, deren Geschosse nach Jerrys Darstellung böse Wunden verursachen konnten. Und den Fall, dass er wirklich auf einen Bären traf, wollte er sich gar nicht ausmalen.
„Purer Reflex. Ich hab nichts Kleineres. Und wann warst du mit deinem Revolver das letzte Mal auf dem Schießstand?” erwiderte Jerry harsch.
„Rennt doch wie die Moschussochsen auf einander zu und schlagt mit den Schädeln zusammen”, schlug Robyn mit einem Ton vor, der den Männern klarmachte, wie lächerlich deren Diskussion wirkte. Sie setzte sich an einen Baum und zog ihren Hut ins Gesicht. „Weckt mich, wenn ihr das Gelaber über eure Potenzmittel beendet habt.”
„Dich scheint das ja kalt zu lassen”, knurrte Dan.
„Allerdings, Mister. Schon vergessen, dass ich in Baltimore als Reporterin gearbeitet habe? In einer Seitenstraße lernte ich an einem sonnigen Tag, dass fünf Sekunden Verwirrung lebensrettend sein können.”
Die Männer tauschten die Rucksäcke, denn Jerrys grüner Eagle Creek entpuppte sich als High-Tech-Wundertüte, in der unter anderem zwei Handfunkgeräte nebst Headsets, ein Nachtsichtgerät und ein Entfernungsmesser zu finden waren. Mit einem einfachen Tausch der Zelte war es nicht getan. All diese Sachen auszupacken und die Rucksäcke neu zu packen hätte Zeit gekostet. Zeit, die heute für wichtigere Dinge verplant war. Dan brauchte seinem nur die Munition für seinen Revolver entnehmen.
„Melde dich, wenn du oben am Berg bist”, bat Jerry.
„Sind deine Funkgeräte abhörsicher?”
„Quatsch. Das sind ganz normale handelsübliche Teile.”
„Dann vergiss es! EMCON!”, befahl Dan und sah seinen Kumpel mit stechendem Blick an.
„Und sollen wir ab jetzt in die Glaskugel schauen oder was?”
„Du hast Ohren. Also höre.” Mit diesen weise klingenden Worten verschwand Dan gefolgt von Yello im Dickicht.
„Was ist .... EMCON?”, fragte Robyn vorsichtig, als sie Dan außer Hörweite wähnte.
„Das ist ein Begriff aus unserem Leben in der letzten Dekade. Kurz und klein: Ich soll mein Maul halten und das Funkgerät allenfalls streicheln.”
Anderthalb Stunden später stand Dan auf der Anhöhe östlich des Camps. Die Aussicht auf die Anlage war gut und die Tannen und Büsche boten ausreichend Deckung. Dafür hatte er noch keinen Blick übrig. Nachdem er sich des Rucksacks und des Gewehres entledigt hatte, gab er sich ein paar Minuten und genoss es, einfach nur zu stehen und zu fühlen, wie sich Beine und Rücken entspannten. Der Schweiß prickelte auf der Haut und hier in dem felsigen Areal gab es erfreulicherweise nur wenige Mücken. Während der vergangenen Stunde ging es stetig bergauf und die 20 Kilo auf seinem Rücken verdoppelten jeden Meter. Es gab keine flachen Teilstücke, wo er wenigstens für eine Minute normal gehen und sich etwas erholen konnte. Yello spielte das gleiche Spiel wie am Morgen. Er rannte einige Meter voraus und wartete auf Dan. Als der ihn erreichte tobte der Wolf mit einer Leichtigkeit los, die eine zusätzliche zermürbende Wirkung auf den Zweibeiner hatte. Robyn achtete streng darauf, dass regelmäßig getrunken wurde und so hatte er drei volle Wasserflaschen. Mit seinem Jagdmesser lockerte Dan den Boden und grub ein kleines Loch. Den lockeren Erdboden stampfte er mit seiner Faust fest und goss den Inhalt einer Flasche für Yello hinein, während er eine zweite mit wenigen Zügen zur Hälfte leerte und sich den Rest ins Gesicht kippte.
Im Wald, einen halben Kilometer südlich der Landebahn, probten Robyn und Jerry ihren Auftritt. Mürrisch sah er auf seine Uhr.
„Wie lange?”
„Anderthalb Stunden.”
„Solltest du nicht doch versuchen, zu funken? Vielleicht ist was passiert.”
„Dann hätte er sich gemeldet, Robyn. So beknackt ist er nun auch wieder nicht.”
Beide sahen sich fragend an, als plötzlich ein einsames Heulen im Tal erklang.
„Hat er Yello auf den Schwanz getreten?” feixte Jerry. Augenblicke später setzte wieder dieses Heulen ein, diesmal wurde es von einer zweiten Stimme begleitet.
„Wolfman”, murmelte Jerry. Er schnaubte grinsend durch die Nase und schüttelte kurz den Kopf. Sie verbargen ihre Gesichter unter den Kopfnetzen und bereiteten ihren Abmarsch vor.
„Wenn es das war, worauf wir hören sollten: Dann los!”, kommandierte Robyn und verfiel in einen leichten Trab.
„Hast du heute Abend noch ein Date?”
„Vielleicht. Aber allzu ausgeruht sollten wir nicht aussehen. Oder?”
Das erschien ihm plausibel und er folgte ihr. Nach Erreichen der Landebahn gingen sie gemütlich weiter. Jerry hatte seine Karte in den Händen und tat so, als suche er den Heiligen Gral. Nach wenigen hundert Metern machte dieser breite Weg einen Schwenk nach rechts und sie befanden sich im Herz der Anlage. Ganz links stand ein Hangar, rechts daneben ein langes Gebäude mit rostrotem Blechdach und wenigen Fenstern. Neben diesem Bau begrenzte nach rechts eine kleine Hütte, deren zum Wald abfallendes Flachdach von einer Antennenanlage gekrönt wurde, das Ensembel. Die Bauten waren im Halbkreis angeordnet und vor ihnen verlief ein breiter, mir Gras bewachsener Weg, der in einer weiten Kurve wieder zur Landebahn führte. Die Gebäude umgab eine ähnliche Aura wie die Ortschaften am Yukon oder Klondike aus den goldenen Zeiten Alaskas. Geisterstädte, in denen Besucher heute noch das Gröhlen derer zu hören glauben, die vor über einem Jahrhundert ihren schnellen Reichtum mit Alkohol und Huren durchbrachten. Das feuchte Klima im Panhandle mit durchschnittlich 2000 Millimetern Niederschlag pro Jahr hatte die Gebäude gezeichnet und unter den Geruch von moderndem Holz und rostendem Metall mischte sich schwach wahrnehmbar das Aroma von Lösungsmitteln und Treibstoff.
„Das glaub ich nicht”, murmelte Jerry, als er die Flugzeuge sah.
„Was?”
„An der Gelben habe ich neulich den Motor gewechselt. Unglaublich. Die haben sich noch nicht mal die Mühe gemacht, die Kennung zu ändern.”
Wieder hielt er sich die Karte vor das Gesicht und sein Ton wurde lauter. Zwei Männer, die rauchend neben dem Hangar stand, nahm bereits Notiz von dem Pärchen.
„Also Schatz. Glaubst du wirklich, dass wir hier richtig sind? Hier auf der Karte sind keine Gebäude eingezeichnet”, erhob Robyn ihre Stimme.
„Du hast doch gehört, was der Skipper gestern sagte. Wir sollen dem Dundas River folgen und uns dann östlich vom Serrated Peak halten.”
„Bekommen wir es neben den Bären und Moskitos jetzt auch noch mit Wölfen zu tun? Was meinst du?” fragte einer der beiden Raucher am Hangar.
„Und wenn schon, Pete. Die Biester sind leichter zu beeindrucken als Bären.”
„Zum Kotzen ist das. Wer immer diese Idee zu diesem Mist hatte, sollte an den Eiern aufgehängt werden. Ich hab es satt, mich ständig auf dem Weg zum Scheißhaus umzusehen und .........Shit! Nicht schon wieder”, sagte Pete und nickte zu dem Pärchen, das auf sie zukam. „Mach du das, Tommy.”
„Verdammt, Pete. Bin ich Fremdenführer?”
„Du siehst doch mit deiner Frisur wie ein Professor aus. Absolut glaubwürdig. Ich mach mich wieder an die Arbeit.” Pete Heitmeyer, ein dunkelhaariger Mittzwanziger mit schlanker Statur, trat seine Zigarette aus und warf dem Blonden noch ein humorloses Lächeln zu, bevor er im Hangar verschwand. Der Blonde nahm seine Winchester, die an der Wand des Hangars lehnte und ging auf die Fremden zu. Jerry hielt seine Hände vor sich.
„Oho. Bitte nicht schießen, Mister”, sagte er und versuchte zu lächeln.
„Keine Sorge, Sir. Die hab ich für weniger harmlose Gesellen.” Der Blondschopf versuchte ebenfalls, Freundlichkeit auszustrahlen und tätschelte sein Gewehr. Ein weiterer Mann kam aus einem Gebäude neben dem Hangar. Er hatte dunkles Haar, trug einen blauen Arbeitsoverall und beobachtete unauffällig das Trio. Dann stellte er sich wieder in die Tür und sprach er ein paar Worte mit einer Person, die sich in dem Gebäude aufhielt.
„Wissen Sie”, fuhr der Blonde fort, „die Grizzlys und Schwarzbären sind letzten Monat aus ihrem Winterschlaf erwacht und haben nun den viel zitierten Bärenhunger. Leider haben sie gute Nasen und kennen schon recht genau unsere Essenszeiten.”
Der Blonde lachte über seinen Witz. Robyn und Jerry befreiten ihre Gesichter von den Kopfnetzen und Jerry deutete auf den Hangar, über dessen Türen in großen verwitterten Buchstaben WOOD LAKE RESEARCH STATION stand.
„Sie sind Forscher?”
„So ist es.”
„Womit befassen Sie sich?” fragte Robyn.
„Mit Umweltdingen und deren Auswirkungen auf den Wild- und Pflanzenbestand. Außerdem haben wir auf dem Brady Gletscher ein Experiment aufgebaut um dessen Fließgeschwindigkeit und Temperaturen zu messen.”
„Oh das ist bestimmt wahnsinnig interessant. Vor allem, weil nun auch die Elche in der Brunftzeit sind.”
„Das stimmt, Ma´am. Wir erleben hier täglich neue, interessante Dinge.”
Jerry hatte Not, ein Lachen zu unterdrücken. Robyn spielte das Landei perfekt und schlug dabei diesen überfreundlichen Ton an, den die Weiber in den Daily Soaps drauf hatten. Aus den Augenwinkeln sah er, dass die vierte Person aus dem Gebäude trat. Jerry tat so, als würde ihn ein Insekt stören und bewegte dabei seinen Kopf kurz in die Richtung, um einen genaueren Blick zu erhaschen. Der Mann trug einen ungepflegten Bart und dessen Jacke kam Jerry sehr bekannt vor. Der Kerl im Overall drängte ihn hinüber zum Hangar. _________________ Beste Grüße
Jörg
Irren ist menschlich. Aber wenn man richtig Mist bauen will, braucht einen Computer.
Dan Rather |
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JörgB Moderator


Anmeldungsdatum: 18.08.2006 Beiträge: 2195 Wohnort: Bielefeld FS-Version: 9.1
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Verfasst am: Di 02 Feb 2010, 18:34 Titel: (Kein Titel) |
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Teil 8
„Das glaub ich nicht.” Der Mann auf der Bergflanke oberhalb der Forschungsstation sah mit weit geöffneten Augen durch das Fernglas und verschluckte sich an einem Stück Räucherfisch. Den Typ mit der salbeigrünen Fliegerjacke, die mit Farbspritzern übersät war, kannte er gut. Fassungslos sah Dan einen Moment lang auf das Gewirr aus Zweigen in dem Strauch vor ihm und strich sich mit einer Hand durchs Haar. Yello lag treu neben seinem Freund und sah ihn mit gespitzten Ohren an. Hastig setzte sich Dan das Fernglas vor die Augen, um sich zu vergewissern, dass er nicht an Halluzinationen litt. Er hatte richtig gesehen. Auf der Jacke erkannte er das Wappen seines ehemaligen Geschwaders und das Gesicht ihres Trägers war ihm, bis auf den Vollbart, bekannt. Dan ließ die Männer nicht aus den Augen, bis sie hinter dem Hangar verschwanden.
„Jake Turner, du verfluchtes Riesenarschloch. Was, zum Henker, machst du hier?” murmelte er leise. Eine beklemmende Leere macht sich in ihm breit. Er legte das Fernglas neben sich auf den Boden und starrte vor sich hin. Ameisen krabbelten auf seine Hand und eine besaß die Frechheit, ihn zu beißen. Der brennende Schmerz auf dem Handrücken holte Dan aus seinen Gedanken, die unsortiert in seinem Kopf umher rasten. Mit bloßem Augen konnte er Robyn und Jerry erkennen, die immer noch mit dem blonden Kerl zusammen standen, der ein Gewehr auf seine Hüfte stemmte. Kurz betrachtete er Jerrys Kimber, die an einem Baum wenige Meter hinter ihm lehnte. Yello setzte sich auf und sah seinen Gefährten an.
„Na? Kannst du Gedanken lesen?” sagte Dan und strich ihm durchs Fell. Er nahm das Fernglas wieder auf und beobachtete weiter die Vorgänge unten im Lager.
„Danke für die Zeit, Mister, Aber wir müssen weiter”, sagte Jerry.
„Wohin wollen Sie, Sir?” erkundigte sich Tommy Spraggett.
„Oh. Wir werden hoffentlich morgen Mittag oben am Geiki Inlet von einem Wasserflugzeug aufgenommen. Bis dahin sind es bestimmt noch acht Kilometer. Und da wir nicht gerade die besten Wanderer sind....”
„Dann sollten Sie keine Zeit verlieren.”
„Sie haben Recht. Also. Danke nochmals.”
„Keine Ursache. Bleiben Sie in diesem Tal. Dann kommen sie automatisch hin.”
Robyn und Jerry verabschiedeten sich und machten sich auf den Weg.
„Und seien Sie vorsichtig. Hier in der Gegend gibt es Wölfe..... Und denken Sie an die Bären”, rief Tommy ihnen nach.
Robyn und Jerry drehten sich nochmals freundlich winkend um und verließen das Lager in Richtung Norden. Der Mann mit der Winchester gesellte sich zu seinem Kumpan im Overall. Dominic Lareau, ein Dunkelhaariger Anfang 40 aus der kanadischen Provinz Quebec, gab sich am Hangar auf einem rostenden Ölfass sitzend der wärmenden Sonne hin.
„Was waren das für Typen, Tommy?” Er machte sich nicht die Mühe die Augen zu öffnen. Tommy lehnte das Gewehr an die Wand des Hangars und holte seine Zigaretten aus der Brusttasche.
„Wanderer, Dominic. Dumme Wanderer”, sagte er und sah ihnen nach.
„Brunftzeit.” Der Sonnenhungrige lachte heiser. „Mit der Kleinen wäre ich gern in die Brunftzeit gekommen. Wo willst du hin?”
„Nur eben was gucken. Bin gleich wieder da.” Tommy Spraggett folgte der Spur der beiden.
Jerry und Robyn stapften durch die mit Sträuchern und niedrigen Bäumen bewachsene Landschaft und unterhielten sich in normaler Lautstärke.
„Die Typen waren nie auf einer Universität. Aber sie versuchen alles, um den Schein zu wahren. Bären und Winterschlaf.” Jerry schüttelte grinsend den Kopf. „Was war das mit den Elchen?”
„Kleine Fangfrage meinerseits. Die Viecher kommen erst im Herbst in Wallung.”
„Und ist dir der Kerl mit der grünen Jacke aufgefallen, Robyn?”
„Was ist mit dem? Hoffentlich nicht jemand, den du kennst. Sonst ...”
„ …...wäre der auf unserer Seite. Das war Jake Turner.... Halt nicht an. Geh weiter!”
„Du bist dir ganz sicher?”
„Da müsste ich arg was an der Pupille haben. Jake Turner liegt nicht auf Eis. Und wenn Dan ihn auch gesehen hat, wovon ich jetzt einfach mal ausgehe, dann wird das heute noch ein richtig lustiger Tag.”
Robyn fuhr herum, als sie hinter sich das Knacken von Zweigen und einen dumpfen Schlag hörte. Sie stemmte die Hände in die Hüften und sah Jerry, der auf dem Boden lag, lachend an.
„Müde?”
„Ich erkunde nur das Sozialverhalten niederer Lebewesen. Wenn du mir wieder auf die Beine hilfst, dann hab doch die Güte und schau mir unauffällig über die Schulter.”
Robyn reichte ihm eine Hand und sah dabei in die Richtung, aus der sie kamen.
„Bingo. Der Typ, mit dem wir eben diese nette Konversation hatten, hockt hinter einer Tanne. Dreißig Meter hinter uns.”
„Dachte ich´s mir doch.” Jerry ging etwas im Kreis und humpelte. Er stellte den Rucksack ab und benutzte ihn als Sitzgelegenheit. Stöhnend öffnete er einen Schuh.
„Schlimm”, fragte Robyn besorgt und begann, den Knöchel abzutasten.
„Mir fehlt nichts. Das dient nur der allgemeinen Belustigung. Gestern am See ist doch ein Steak übrig geblieben. Hast du das noch?” fragte er augenzwinkernd und brach von einer jungen Tanne ein paar kleine Zweige ab.
„Was wird das? Heilkünste eines Schamanen oder willst du das wirklich roh essen? Der Typ hat sich übrigens wieder zu Seinesgleichen auf die Socken gemacht.”
„Sehr gut. Warte hier”, sagte Jerry und band seinen Schuh wieder zu.
Lachend kam Spraggett zu seinem Kumpan in Arbeitskleidung zurück.
„Was gibt es?”
„Der Kerl hat sich eben feierlich auf´s Maul gelegt. Seine Ische verarztet ihn gerade.”
„Hoffentlich kommen die nicht zurück und fragen nach Pflaster.”
„Ich glaube, der wird vor seiner Alten eher den harten Macker spielen und weiterlaufen. Hast es ja gehört, Dominic. Die wollen ihr Flugzeug erwischen.”
„Sei es drum. Ich mache mich wieder an die Arbeit. Ich konnte Turner überreden, uns was zum Lunch zu zaubern. Der Typ geht mir langsam auf den Wecker. Wieso machen wir ihn nicht kalt?”
„Besprich das mit dem großen Boss. Jake Turner wird nicht angefasst.”
„Ich dachte, er ist für die Leute in dem Nest da drüben bereits tot.”
„Wie ich schon sagte, Dom. Nerv Pat damit! Er hat eigene Pläne mit ihm.”
„Das stinkt, Tommy. Das stinkt gewaltig.”
Dominic Lareau verschwand im Hangar ließ die Wellblechtür scheppernd ins Schloss fallen. Tommy Spraggett ging zum Unterkunftsgebäude neben dem Hangar. Beide bemerkten nicht, wie ein nicht mehr frisches Stück Fleisch im grünen Tarnkleid zwischen den Bäumen gegenüber der Gebäude landete.
Robyn und Jerry setzten ihren Weg durch die Wildnis fort zu der Stelle, an der sie Dan vermuteten. Er hatte die beiden beobachtet und kam ihnen auf dem Hang entgegen.
„Oh Mann, ich werde zu alt für den Mist”, stöhnte Jerry. Er beugte sich vorn über und stemmte seine Hände auf die Knie. Schwer atmend sah er Dan an.
„Ich kann mich irren, aber ich glaube ich sah Jake da unten.”
„Du irrst dich nicht. Ich musste auch zweimal hinsehen. Schöner Mist. Die Zelte brauchen wir übrigens nicht aufbauen.”
„Also gehen wir gleich zum Flugzeug und holen Hilfe?” fragte Robyn.
„Nein.”
„Was habe ich gesagt, Robyn? Wo ist denn dein Schatten, Dan?”
„Vermutlich holt er sich einen Imbiss. Keine Ahnung. Er hat sich nicht abgemeldet.”
Dan stieg gemeinsam mit ihnen zu dem kleinen Plateau auf und zeigte dort auf ein Loch in einer Felswand nahe der Stelle, von der aus er die beiden bei ihrer Mission beobachtete. Der Eingang war hoch genug für eine geduckte Körperhaltung und die Höhle reichte rund acht Meter in den Berg hinein. Den hinteren Teil bildete eine geräumige Kammer, in der man bequem stehen konnte. Auf dem felsigen Boden lagen bereits Dans Therm-A-Rest und Schlafsack, darauf die Kimber Modell 84.
„Mir schwant ein längerer Aufenthalt”, mutmaßte Jerry. „Ich hoffe, der Vorbesitzer hat nichts vergessen.”
„Die ist sauber. Haare fand ich keine. Wenn ihr hinaus geht und euch links haltet, findet ihr einen kleinen Wasserfall. Nichts Großes, etwas mehr als ein Rinnsal. Frisches Schmelzwasser oben vom Berg.”
Die Unterhaltung wurde jäh von Schüssen unterbrochen und die drei Freunde rannten ins Freie. Wieder fiel ein Schuss und sie hörten das Brüllen eines Grizzlys und Rufe von Männern. Mit Fernglas und Zielfernrohr beobachteten die Männer das Treiben im Camp und die Versuche, den Bären mit allem, was Lärm macht, zu vertreiben. Jerry lachte.
„Ich habe ihnen ein kleines, wohlriechendes Souvenir hinterlassen.”
„Nicht schlecht. Wieviele siehst du?” fragte Dan.
„Vier. Der mit dem Gewehr scheint der Anführer der Truppe zu sein. Und wo wir gerade dabei sind: Schau dir die Gebäude an.”
„Mach ich. Rechts der Hangar. Daneben das lange ...”
„Nennen wir es "Hotel". Und dann das kleinere links davon, .... taufen wir es "Villa", ist ganz interessant. Auf dem Dach ist eine relativ neue Antenne.”
Bald kehrte wieder Ruhe im Lager ein. Die Ganoven standen im Kreis zusammen und wurden von dem Blonden lautstark angebrüllt. Robyn nutzte die Chance und montierte ein großes Teleobjektiv an ihre Kamera. Sie drückte ein paar mal auf den Auslöser und freute sich, dass die Gesichter gut zu erkennen waren. Sie schoss eine weitere Serie, als ihre Begleiter sahen, wie Jake vom Hangar zum - wie sie es nannten - Hotel geführt wurde.
„Was hältst du davon, Dan?” fragte Jerry nachdenklich.
„Keine Ahnung, was ich im Moment davon halten soll ..... oder davon halten will.”
„Jedenfalls ist er nicht freiwillig da”, sagte Robyn und zeigte auf den Monitor ihrer Kamera. Sie konnte eine Aufnahme so weit vergrößern, dass die Handschellen, die Jake mit seinem Begleiter im blauen Overall verbanden, gut zu erkennen waren.
Die Sonne versank langsam hinter den Bergen und tauchte den Himmel in eine Mischung aus warmen apricot- und pinkfarbenen Tönen. Yello war längst wieder zu seinen zweibeinigen Freunden gestoßen. Seit seinem Verschwinden am Nachmittag hatte sein Bauchumfang zugenommen und an Unterkiefer und Hals fanden sich Reste geronnenen Blutes. Nun lag er neben Dan auf der Seite und ruhte. Auf dem Coleman-Kocher dampfte ein Eintopf aus der Dose und die Zeit bis zur ersten warmen Mahlzeit dieses langen Tages wurde zur Putz- und Flickstunde. Die Männer pflegten ihre Waffen während Robyn einem Riss in ihrer Hose mit Nadel und Faden zu Leibe rückte.
Ruckartig hob der Wolf seinen Kopf und blickte zum Eingang der Höhle. Dan beeilte sich mit dem Zusammenbau seines Revolvers und bevor Jerry Fragen stellen konnte, waren die beiden im Freien.
„Was hat er?” fragte Jerry, der nun aus der Höhle trat. Yello sah nicht hinunter zum Lager, sondern nach Norden in Richtung Geiki Inlet. Seine Ohren bewegten sich und verrieten Dan, dass das Raubtier etwas hörte, das er noch nicht hörte. Er nahm eine Handvoll Staub vom Boden auf und ließ ihn langsam aus der Faust rieseln. Immer noch Südwind. Robyn hatte sich zu der Gruppe gesellt und sie hörten langsam anschwellenden Lärm Motorenlärm. Eine grün-weiße Piper Warrior flog aus Norden kommend tief durch das Tal und setzte zur Landung auf die Naturpiste an.
Die Warrior stoppte vor den Gebäuden. Der Pilot entstieg dem Flugzeug und wurde von dem Blonden mit Handschlag begrüßt.
„Sieh an, sieh an. Du wolltest doch neulich einen gewissen O´Bannion kennen lernen”, sagte Dan und reichte Jerry das Fernglas.
„Ist das der Typ, dem Melissa die schlaflosen Nächte zu verdanken hat?” fragte Robyn und drückte auf den Auslöser der Nikon.
„Yup.”
„Und in Gustavus spielt er den Samariter. So ein Dreckschwein.”
„Wenn sie Jake wirklich gefangen halten, Dan, dann haben die Typen einen weichen Keks.” Jerry gab Dan das Fernglas zurück und sein Blick schweifte über das Tal. „Hier gibt es genug Möglichkeiten, jemanden spurlos verschwinden zu lassen.”
Patrick O´Bannion zündete sich einen Zigarillo an und sah Pete Heitmeyer über die Hand, die er zum Windschutz um einen Streichholz geformt hatte, an. „Ich habe ein neues SSB-Funkgerät dabei. Das ziehe ich dir von deinem Anteil ab, Pete. Kipp deinen Schnaps das nächste Mal gefälligst woanders hin, von mir aus in die Blumen. War was besonderes in den letzten Tagen?”
„Heute kamen zwei Wanderer durch und wir hatten wieder mal Besuch von einem Bären”, sagte Tommy Spraggett.
„Was waren das für Wanderer?”
„Ein Pärchen. Sie stellten ein paar blöde Fragen und sind schnell wieder verduftet .. nach Norden. Sie kamen von Süden und faselten was von einem Skipper. Morgen sollen sie am Geiki Inlet abgeholt werden. Außerdem habe ich die Befürchtung, dass wir es jetzt noch mit Wölfen zu tun bekommen. Ganz ehrlich, Patrick, mir kommt mein Humor abhanden.”
Patrick O´Bannion sah den Männern zu, die seine Piper entluden und überlegte einen Moment.
„Wie sahen die aus?” bohrte er weiter.
„Sie war so eine kleine Blonde und er dunkelhaarig, so 1,80 Meter groß. Wieso?”
„Meine Kontaktperson bekam gestern einen Anruf wegen der Genehmigung für das Camp. Aber deine Beschreibung passt auf niemanden, den ich kenne. Wo ist Boris? Ich hoffe, der hat seinen Wodka heute noch nicht gehabt. Will mit ihm gleich die Cessna nach Atlin bringen. Danach setze ich ihn in Whitehorse ab.”
„Er liegt in der Koje und freute sich schon, hier weg zu kommen. Gibt´s nochmal Nachschub für uns?”
„Nur noch eine. Ich hoffe, wir bekommen etwas in der Größenordnung TurboOtter oder Caravan. Ende nächster Woche hauen wir ab. Will Dominic den Sommer immer noch an der Nordwestpassage verbringen?”
„Er redet von nichts anderem, Pat.”
„Dann flieg ich mit ihm und wir nehmen Turner mit. Ihr anderen macht euch dann mit der Großen aus dem Staub und nehmt mit, was hineinpasst.”
O´Bannion wandte sich an den Mann in der salbeigrünen Fliegerjacke, der an einem Laternenmast gekettet den Rauch einer Zigarette inhalierte.
„Hast du gehört, Turner? Übernächste Woche machen wir einen kleinen Ausflug. Ich hörte, dass es auf Prince Patrick Island recht schön sein soll um diese Jahreszeit. Da hast du ein paar Tausend Quadratkilometer ganz für dich allein.”
O´Bannion sah seinen blonden Komplizen um Anerkennung heischend an. Begleitet von einem dreckigen Lachen schlug er ihm mit der flachen Hand auf die Schulter.
„Was hälst du davon, Tommy? Ein Urlaub auf einer Insel als Dankeschön für seine Kooperation. Ach verdammt. Ich sollte den Kanadiern ein Angebot machen und mir den Haufen Felsen selber unter den Nagel reißen.”
Der Sohn irischer Einwanderer lachte erneut laut auf, als ihm Jake Turner wortlos einen ausgestreckten Mittelfinger entgegen hielt.
„Ja. Ganz toller Einfall, Patrick”, antwortete Spraggett mit einem gelangweilt klingenden Tonfall.
„Habt ihr noch einen Kaffee bevor wir fliegen? Ich bin übermorgen früh wieder in Gustavus. Dann melde ich mich kurz per Funk. Hier der Zettel mit der Frequenz. Verlier ihn nicht. Jetzt geh und hol Boris.” Er sah kurz zu der Piper Cub und brüllte los: „Und dann schiebt ihr Faulpelze das verdammte gelbe Ding in den Hangar!”
„Sieh an, sieh an. Die Herren haben ein neues Spielzeug bekommen. Robyn, kannst du eine von deinen Nähnadeln entbehren?”
„Sicher.”
Dan blickte zum Himmel. Die Nacht legte sich über das Tal und in ihm reifte ein Plan. Die Warrior machte sich, gefolgt von einer Cessna 172, auf den Weg zur Landebahn.
„Da waren es nur noch drei”, kommentierte Jerry das Treiben unterhalb der Bergflanke.
„Und denen werde ich gleich einen Besuch abstatten. Vielleicht gelingt es mir, mit Jake ein paar Worte wechseln.”
„Ich komme mit.”
„Vergiss es, Jerry! Du hattest deinen Spaß. Schnappen sie uns beide, dann werden sie sich mit Sicherheit an Robyn erinnern. Du bleibst hier und passt auf sie auf”, sagte er und blickte kurz zu Yello. „Und er passt auf dich auf. Sollte ich morgen früh um sechs Uhr nicht zurück sein, dann setzt ihr euch ab und holt Hilfe.”
Jerry schmeckte Dans Plan überhaupt nicht, obwohl er ihm im Stillen Recht geben musste. Es war Robyn, die ihr Veto einlegte: „Wie ich sehe, wollt ihr Jake da also auf eigene Faust herausholen. Und wie soll das laufen? Durch das Camp rennen und wie John Wayne herumballern?”
„Zu jedem Schuss gibt es eine lautlose Alternative, Robyn”, sagte Dan, „ich muss nur noch überlegen, wie das laufen könnte.”
Mit dem letzten Tageslicht brach Dan auf. Um sich besser bewegen zu können, zog er einen Fleece-Pullover und eine dünne Weste der sperrigen Gore-Tex-Jacke vor. Jerry spendierte ihm zur besseren Orientierung sein Nachtsichtgerät. Yello blieb bei den beiden in der Höhle, wozu es erstaunlich wenig Überzeugungsarbeit erforderte. Auch wenn er der Truppe treu folgte, war er immer noch ein wildes Tier, das seinen eigenen Gesetzte hatte und sich, anders ein gewöhnlicher Haushund, selten um die Anweisungen eines Menschen scherte. Auf dem Weg hinab ins Tal vergewisserte sich Dan mehrfach, dass ihm Nichts und Niemand mit mehr als einem Bein folgte. Der Grizzly vom Nachmittag lief noch in seinem Hinterkopf herum, also stapfte pfeifend und singend durch den Wald. Jeder Vierbeiner sollte wissen, dass hier ein Mensch unterwegs war und er sorgte sich nicht darum, dass ihn die Bewohner der ehemaligen Forschungsstation hören konnten. Die beschäftigten sich vernehmbar mit anderen Dingen.
Nach 23 Uhr erreichte er das Gelände. Im Hangar brannte immer noch Licht. Dan hörte Musik, die einige Male von Gelächter überlagert wurde. Ein Lattenzaun, der durch Verrottung und Vandalismus mehrere einladende Löcher erhalten hatte, umfriedete ein Areal auf der Rückseite des Hangars, das von einem geordneten Chaos beherrscht wurde. Gestapelte Holzkisten mit eingebrannten Beschriftungen aus den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatten sich längst der Natur ergeben. An einer anderen Stelle blinkten neben rostenden Stahlträgern die Scherben zerbrochener Schnapsflaschen im Schein der Außenbeleuchtung. Sie wurde von einem Generator versorgt, der irgendwo auf dem Gelände leise vor sich hin brummte.
Vorsichtig tastete sich Dan vor. Er vertraute darauf, dass man durch die Fenster eines beleuchteten Raumes nur schwer nach draußen sehen konnte. Bald fand er einen gemütlichen Platz auf einer gut erhaltenen Holzkiste eines Stapels neben dem Fenster und betrachtete die Männer, die um einen Tisch saßen. Regelmäßig stießen ihre Gläser klingelnd zusammen. Sie machten sich über den Mann in der Fliegerjacke lustig und schubsten ihn auf seinem Stuhl hin und her. Jake wirkte abgemagert und müde. Er ließ die Beschimpfungen ohne Gegenwehr über sich ergehen. Sein Gesicht sah schlimm aus. Neben dem linken Auge erkannte Dan die Reste eines Blutergusses, die Unterlippe wies eine alte Platzwunde auf. Also war er bestimmt nicht aus eigener Initiative hier. Einen Moment lang dachte Dan an Robyns Worte und verspürte den Drang, jetzt durch das Fenster zu springen und die Typen zu erledigen. Neben einem der Kerle lugte der Lauf eines Gewehres über die Tischkante. Und so besoffen wirkte der Mann neben dem Stück Metall nicht, dass er nicht wusste, was um ihn herum passiert. Abwarten war ohne Zweifel die gesündere Alternative. Abwarten und ihre nächsten Schritte, ihre Gewohnheiten, genau studieren. Jedes System hat eine Schwachstelle. Oder den weichen Keks, wie Jerry es formulierte. Dan richtete sich auf eine lange Nacht ein und versuchte, eine gemütlichere Körperhaltung zu finden. Als er sein Gewicht verlagerte, vernahm er ein Knirschen unter sich. Und das klang gar nicht gut, denn es hörte auch nicht auf, als er sich in seine ursprüngliche Postion zurück bewegen wollte. Im Gegenteil. Es wurde lauter und nach einem Stakkato krachender Geräusche lag er Sekunden später wie ein Maikäfer auf dem Rücken und sah auf das geborstene Holz neben sich.
Im Hangar wurden Stühle gerückt und eine Metalltür schepperte wie ein beschädigter Gong. Dan wollte einfach nur weg und hoffte, dass ein paar Sekunden ausreichten. Aber er sah sich in neuen Problemen. Sein Pullover hing an mehreren Nägeln fest und jede Bewegung löste ein neues Geräusch aus.
`Super, Dan Miller. Einsame Spitze. Du bist ein Idiot, wie er im Buche steht.´ Er lag regungslos am Boden, schloss seine Augen und schimpfte stumm mit sich selbst. Eine Flucht war nicht möglich. Er hing zwischen den Kisten fest.
„Was war das, Tommy?” brüllte jemand.
„Keine Ahnung. Pete, leuchte mal da rüber!” befahl ein Zweiter.
Dan traute sich nicht, die Augen zu öffnen und wartete auf den Moment, in dem ihn der Schein einer Taschenlampe fand.
„Das glaub ich nicht. Mutiges Kerlchen”, sagte der Erste.
Die Stimme erklang nicht in Dans unmittelbarer Nähe. Er öffnete die Augen und sah sich vorsichtig um. War es der Grizzly, der am Nachmittag das Lager aufsuchte und jetzt auf einen Mitternachtsimbiss hoffte?
„Los Tommy. Brenn ihm was auf den Pelz!”, schrie derjenige, der von der anderen Stimme Pete genannt wurde. Die Kisten am Fenster gaben Dan immer noch Deckung und jemand fuchtelte hinter ihm mit einer Handlampe herum. Vorsichtig bewegte er seinen Kopf, um herauszufinden, was hier interessanter war als seine Anwesenheit. Der Lichtkegel der Lampe traf die Holzkisten an der dem Wald zugewandten Seite des Lattenzauns.
„KNALL IHN AB!” Petes Geschrei hallte von den Bergen wider. Ein schwarzer Wolf stand in geduckter Haltung auf den Holzkisten. Dan stockte der Atem.
`Verdammt, Yello. Mach, dass du wegkommst!´ Dan hätte am liebsten laut gebrüllt. Mit stechendem Blick musterte das Raubtier die Männer und fletschte die Zähne, bevor es mit einem kraftvollen Satz über den Zaun im Dunkeln verschwand.
„Wieso hast du ihn nicht in die Jagdgründe geschickt?” maulte Pete, als Tommy seine Winchester senkte.
„Damit er euch auf dem Weg zum Scheißhaus den Arsch wegbeisst. Ihr Holzköpfe solltet gelernt haben, euren Abfall nicht in den Wald zu werfen. Kein Wunder, dass wir uns laufend mit so einem Dreck beschäftigen müssen. Und jetzt haut euch hin! Für heute habt ihr genug Mist gebaut.”
Murmelnd zogen sich die Männer zurück und Dan machte sich in aller Stille daran, seinen Pullover zu befreien und Schutz im Wald zu suchen. Aus sicherer Entfernung beobachtete er die Leute, die vor dem Hangar eine letzte Zigarette rauchten.
Einer geleitete Jake danach zu dem kleinen Gebäude mit der Antenne, dass Jerry am Nachmittag auf den Namen "Villa" taufte. Dan stutze über die Tatsache, dass die drei Ganoven die Nacht in dem als "Hotel“ bezeichneten Gebäude verbrachten, aus dessen Schornstein eine nach verbranntem Holz riechende Rauchfahne stieg.
Kurz vor Mitternacht erloschen die letzten Lichter. Dan wartete einige Zeit im Wald ab um sicher zu gehen, dass etwas wie Nachtruhe einkehrte, bevor er zur Villa schlich. Mit Jerrys Nachtsichtgerät warf er einen Blick durch eines der zerbrochenen Fenster. Da lag sein Kumpel aus Gustavus regungslos in einem Raum von vier mal drei Metern, der an legendäre Einrichtungen wie San Quentin oder Alcatraz erinnerte. Eine alte Petroleumlampe baumelte an einem der Deckenbalken. Sie hatten ihm nicht mal ein Feldbett oder gar eine Luftmatratze gegeben. Er musste auf Zweigen und dem, was der Wald sonst an Polstermaterial hergab, in einem zerrissenen Schlafsack schlafen, von dem man bei den nächtlichen Temperaturen keine Behaglichkeit erwarten durfte. Nicht einmal den Luxus eines Ofens hatten sie ihm gegönnt. Dan versuchte, sich dem Schlafenden gegenüber möglichst leise bemerkbar zu machen und warf kleine Zweige auf Jake.
„Was soll der Mist? Lasst mich endlich in Ruhe, ihr versoffenen Arschlöcher!” Jake Turner wand sich schutzsuchend in dem Schlafsack. Jede Bewegung wurde von dem Klirren einer Kette begleitet, die zwischen dem Fußende des Schlafsacks und einem Betonwürfel mit 50 Zentimetern Kantenlänge wie eine Schlange im Raum lag.
„Pst. Jake. Nicht so laut. Ich bin´s, Dan.”
Für einen Moment lag Jake Turner still da, bevor er sich traute, zum Fenster zu sehen. Dans Gesicht erschien ihm im Licht eines Feuerzeugs wie etwas aus einer anderen Welt.
„Oh mein Gott”, stammelte er und sah das lächelnde Gesicht am Fenster eine halbe Minute lang stumm an.
„Das ist zu viel der Ehre. Kannst du aufstehen?”
Ohne Antwort stand Jake auf und näherte sich bis auf Armlänge dem Fenster.
„Tut mir leid. Mehr Auslauf habe ich nicht.” Es klang, als wolle er sich für diese Repressalie entschuldigen und brach in Tränen aus, als er Dans Hand berührte.
„Verdammt. Du bist es wirklich. Dan. Was, zum Henker, machst du hier?”
„Ich dachte gestern so bei mir: `Hey. Gutes Wetter. Zeit, um einen Freund zu besuchen.´ Ich hab die Pralinen vergessen. Entschuldige.”
„Verfluchtes Großmaul.” Jake versuchte, seine Freude nicht lautstark hinaus zu brüllen.
„Ich sah heute Abend ein bekanntes Gesicht. Was hat O´Bannion mit der Sache zu tun?”
„Der steckt hinter allem. Und als er merkte , dass ich ihm auf die Schliche kam, haben die mich kurzerhand einkassiert.”
„Und in Strawberry Point das Gerücht in die Welt gesetzt, dass du in inniger Umarmung mit dem Brady Gletscher ruhst.”
„Ich weiß. Wie geht es meiner Tochter?”
„Mach dir um sie keine Sorgen. Ihr geht es gut und sie vermisst ihren Vater. Sag mal, Jake. Die Antenne auf dem Dach. Funktioniert die?”
„Das ist deren Verbindung zur Außenwelt. Wieso?”
„Einen Moment Geduld, mein Freund”, sagte Dan und verschwand.
Neben der kleinen Hütte stand ein altes Fass, das Dan als Steighilfe benutzte, um auf das Dach des kleinen Anbaus der Villa zu gelangen. Von dort aus zog er sich auf die Dachfläche mit der Antennenanlage hoch. Jake sah auf, als er die knirschenden Geräusche des Wellblechs über sich hörte.
„Was machst du da? Pass auf, dass du da nicht runter segelst!” ermahnte er den Kletterer laut flüsternd. Dan antwortet nicht. Er zog die Nähnadel, die er von Robyn schnorrte, aus dem Innenfutter der Weste und trieb sie durch das Koaxialkabel. Die überstehenden Enden kniff er mit der Zange seines Multitools ab. Es dauerte keine fünf Minuten, bis er wieder am Fenster stand.
„Was hast du gemacht?”
„Ich kann es dir erzählen, aber dann muss ich dich töten, Jake.”
Dan betrachtete die kleinen Fenster und die Kette, die Jake mit seinem Ballast verband.
„Zu dumm, dass ich keinen Bolzenschneider in der Tasche habe”, bemerkte er.
„Kalter Kaffee, Dan. Die Fenster sind für mich zu klein und vorn an der Tür ist eine Alarmanlage. Die pfeift schon los, wenn ich nur an der Tür rüttel. Glaubst du, dass ich nicht schon selber versucht habe, von hier abzuhauen? Schau dir mein Gesicht an. Was glaubst du, woher das kommt?” sagte Jake und zeigte auf seine Blessuren.
„Dann müssen wir einen anderen Weg finden, wie wir dich hier herausholen.”
„Wer ist wir? Wieviele sind noch hier?”
Dan ließ Jake über die Stärke seines Gefolges im Unklaren. Ein falsches Wort zur richtigen Zeit würde alle Bemühungen wie eine Seifenblase zerplatzen lassen.
„Ich bin allein. Mit wir meine ich uns zwei Hübschen.”
„Einer gegen drei klingt nicht nach einem ausgewogenen Vorteil zu deinen Gunsten, Dan.”
„Ich weiß. Deshalb werden wir beide wohl oder übel für die Vier einspringen müssen, die nicht kommen konnten. Bringen sie dich jeden Abend in dieses Loch?”
„Erzieherische Maßnahme für den Rest der Woche, nachdem mir vorgestern der Salzstreuer in den Kochtopf fiel.”
„Das kann uns helfen. Was sind das für Typen?”
„Stadtjungs. Zwei von ihnen waren mal bei der Navy. Die machen verdammt viel falsch, Dan. Vergraben ihren Müll nicht und solche Dinge. Haben Angst vor Bären, aber ballern nicht unnötig auf alles, was sich bewegt. Und seitdem hier heute Wölfe aufgetaucht sind, wissen sie die Abgeschiedenheit richtig zu schätzen. Hast du das Rudel auch gehört?”
Dan suchte mit dem Nachtsichtgerät die nähere Umgebung ab. In der von dunklen Grüntönen beherrschten Farbsuppe leuchteten einen Meter über dem Boden zwei hellgrüne Punkte.
„Yup. Einer von denen markiert da hinten zwischen den Sträuchern sein Revier.”
„Dan Miller, irgendwann wird dein großes Maul fürchterlich baden gehen. Hast du so etwas wie einen Plan?”
Dan dachte einen Moment lang nach. Irgend etwas musste er zur Aufmunterung seines Freundes sagen.
„Klingt albern, aber renn morgen Nacht einfach in den Wald.”
„Ist das alles? In den Wald rennen?” zischte Jake. „Wie heißt die Krankheit? Ich hab dir doch eben erzählt, dass ich das schon versucht habe.”
„Aber dieses Mal erwartet die bösen Buben eine kleine Überraschung. Du musst dir nur einen kleinen Vorsprung herausholen. Jake. Vertrau mir ..... und denk an Melissa. Ich hau wieder ab bevor mich die Brüder noch zum Frühstück einladen.”
Regen zog auf, als Dan auf dem Weg zur Höhle war und grübelte, ob es wirklich so laufen und was bei dem Stunt alles schief gehen könnte. Er versuchte, sich in Jakes Lage zu versetzen. Recht hatte er. "Lauf in den Wald" klang verzweifelt nach Plan C. Laubwerk raschelte in seiner Nähe. Ihm folgte etwas Vierbeiniges und Dan war froh, dass der Wolf nicht auf seine Worte hörte und bei Robyn und Jerry in der Höhle blieb. Ein Heulen zerriss die nächtliche Stille und die Antwort oben vom Berg ließ nicht lang auf sich warten.
`Klingt nicht schlecht, Jerry.´ dachte Dan und grinste still über die Kunst der Kommunikation. Er stapfte weiter durch den feuchten Wald. Die kalten Nächte des Spätfrühlings am 58. Breitengrad waren kurz und um halb drei Uhr morgens dämmerte es bereits. Singvögel begrüßten zwitschernd den neuen Tag. Der stärker werdende Regen kroch in seine Klamotten und Dan wünschte sich nichts sehnlicher, als in seinen wärmenden Schlafsack zu krabbeln.
Wieder hallte ein zweistimmiges Heulen durch das Tal.
„Was für ein Plappermaul”, lachte Robyn. Yello legte sich nach seinem Part bäuchlings in den Höhleneingang und betrachtete gespannt die Gegend.
„Es klingt, als war die Jagd erfolgreich. Ich muss Dan mal fragen, wie oft er den Sprachkurs besucht hat”, griente Jerry. Die LEDs einer Campinglampe tauchten das Versteck in bläuliches Licht. Man hatte es sich in der Höhle gemütlich gemacht. Beide saßen in ihren Schlafsäcken und lehnten an der Wand. Die Zeit vertrieben sie sich damit, Spielkarten in Robyns umgedrehten Schlapphut zu ihren Füßen zu werfen. Auf dem Kocher dampfte das Teewasser.
„Unglaublich”, staunte sie und betrachtete den schwarzen Torwächter. „Er hat sich wirklich die ganze Nacht nicht von der Stelle bewegt.”
„Ja. Das ist wirklich .... beeindruckend. Ich kenne genug Jäger, die bei der Ausbildung ihrer Hunde graue Haare bekommen.”
„Als es vor ein paar Tagen durchgehend geregnet hat, war Dan jede freie Minute bei ihm. Er hat ihn aus dem Käfig gelassen und ich sah, wie ihm Yello aus der Hand fraß.”
„Wundert mich nicht.” Jerry schnaubte durch die Nase und zog einen Mundwinkel hoch. „Wolfman”, murmelte er und sah zu Yello.
„Das wollte ich dich heute .... gestern Mittag schon fragen. Wieso Wolfman?”
Jerry schob die Unterlippe vor und betrachtete einen Moment lang die gegenüberliegende Felswand.
„Es ist jetzt zehn oder elf Jahre her. Wir beide waren oben in Eielson stationiert. Eines schönen Tages flog Dan mit seinem Flügelmann oben an der Brooks Range. Sollte Auftanken in der Luft üben und so Zeug. Irgendwann fiel das Triebwerk von Dans F-16 aus und er musste aussteigen. Zum Glück war es Sommer. Er lag dann irgendwann am Boden und konnte sich nicht bewegen. Hatte ein gebrochenes Bein und eine gestauchte Wirbelsäule vom Exit. Sein Flügelmann kreiste noch einige Zeit und musste sich dann auf den Rückweg machen, bevor ihm der Sprit ausging. Es dauerte drei Stunden, bis die Jungs von der Combat Rescue mit ihrem Pave Hawk einschwebten. Sie sahen Dan inmitten eines Wolfsrudels liegen und zwei von ihnen sollen sogar dicht neben ihm gelegen haben. Die Grünschnäbel in der Pave Hawk kannten Wölfe wohl nur aus Gute-Nacht-Geschichten. Also versuchten die Jungs, die Viecher zu vertreiben und ballerten herum. Dan schrie sie über sein Funkgerät an, dass sie damit aufhören sollten und schoss eine seiner Signalraketen auf den Chopper.”
„Und wie haben sie ihn da raus gekriegt?”
„Das ging verdammt einfach. Als sie landeten, verschwand das Rudel.”
„Also haben sie auf Dan aufgepasst?” Robyn sah Jerry an, als hätte er ihr kompromittierende Fotos aus seiner Schulzeit gezeigt.
„Ich besuchte ihn ein paar Tage später. Es war wirklich etwas fremd, als er sagte, dass zwei von den Biestern stundenlang neben ihm lagen. So, als ob sie ihn wärmen wollten. Naja. Ich juxte etwas herum von wegen Delirium und so. Aber wir haben nie mehr darüber gesprochen.” _________________ Beste Grüße
Jörg
Irren ist menschlich. Aber wenn man richtig Mist bauen will, braucht einen Computer.
Dan Rather |
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JörgB Moderator


Anmeldungsdatum: 18.08.2006 Beiträge: 2195 Wohnort: Bielefeld FS-Version: 9.1
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Verfasst am: Di 02 Feb 2010, 18:35 Titel: (Kein Titel) |
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Teil 9
Die kleine, ernsthaft anmutende Begrüßungsbalgerei vor der Höhle schreckte die Vögel aus den nahen Bäumen. Robyn und Jerry sahen zu, wie Yello um den auf dem Boden hockenden Dan umher sprang und ihm durch´s Gesicht leckte.
„Mit der Nummer kannst du diesem Engländer wirklich Konkurrenz machen”, sagte Robyn.
„Ja. Er tut so, als hätten wir uns tagelang nicht gesehen. Dabei hat er mir da unten vor ein paar Stunden den Arsch gerettet.” Dan freute sich sichtlich über Yellos Attacken. Jerry fasste Robyn am Arm bevor sie Luft holte, um zu antworten, und sah sie mit leichtem Kopfschütteln an.
„Deine Nachtwanderung war erfolgreich?” fragte er stattdessen.
„Aufschlussreich. Aber ich bin total im Arsch, kann ich euch sagen. Habt ihr schon ein Auge zumachen können?”
„Nein. Wir haben uns die Zeit mit Kartenspielen und schmutzigen Witze totgeschlagen. Was ist mit Jake?”
„Den Umständen entsprechend gut. Zum Sexiest Man Alive reicht es zwar nicht mehr, aber er kann sich bewegen.” Dan sah kurz hinunter zur Forschungsstation. „Da unten ist es ruhig und ich schlage vor, wir genehmigen uns auch eine Mütze voll Schlaf. Die letzten 24 Stunden waren lang genug.”
Der Nachmittag lief zäh. Es war windstill, kühl und es regnete Bindfäden. Die Highlights waren eine warme Mahlzeit, Doseneintopf mit Räucherfleisch, und heißer Kaffee. Und wenn es um Futter ging, war Yello seinen domestizierten Verwandten näher als sonst. Einem weggeworfenem Stück von Dans Räucherfleisch folgte er nach der Aufforderung "Los. Hol´s dir!” ohne Zögern.
„Und du glaubst, dein ... Plan funktioniert?” Kopfschüttelnd blies Jerry den Rauch einer Zigarette durch die Nase.
„Hast du einen besseren Vorschlag? Dann verschieben wir die Sache um weitere 24 Stunden. Ich besuche Jake heute Abend gern nochmal.”
Jerry sah kurz schweigend auf seine Schuhe und lächelte ohne Humor zu Robyn. „Irgendwie beneide ich John Wayne. Eine Herde Longhorns, das wär´s. Wie sagtest du gestern, so schön, Robyn? Fünf Sekunden Chaos?”
„Also ich bin immer noch dafür, dass wir zum Flugzeug laufen und die Polizei verständigen.”
„Quatsch”, wehrte Jerry ab. „Bis die ihren bürokratischen Eid umsetzen, weilt Jake längst in Kanada. Außerdem gibt´s hier draußen keine Doughnut-Bude. Und um mein liebstes Filmzitat zum Besten zu geben: Ich steh in einem Haufen Scheiße und hab die falschen Schuhe an.” Er ging mit dem Feldstecher hinaus vor die Höhle. Dan folgte ihm.
„Ist was besonderes?”
Jerry antwortete nicht und sah sich die Gegend unterhalb der Bergflanke minutenlang genau an. Dann grinste er breit und sagte: „Das könnte klappen. Ich hau mich mit dem Gewehr unter die Bäume an der Kurve von dem Rollweg hin. Da hab ich alles im Blick und, falls nötig, ein freies Schussfeld. Ihr legt euch hinter der Hütte auf die Lauer. Immer noch EMCON?”
„Ich glaube, das brauchen wir nicht. Aber wir müssen trotzdem wachsam sein.”
„Okay. Dann werden wir nach jedem Durchgang zwei Kanäle höher schalten. Also ich quatsche, hochschalten, dann du, wieder hoch schalten, und so weiter bis die Finger bluten.”
Drei Stunden vor der Abenddämmerung machte sich die Gruppe auf den Weg und tauchte ab in das dichte Grün des Pazifischen Regenwaldes. Der Regen ließ nach und Robyn griff wieder nach der Kamera. Kleinere Baumbewohner suchten ihr Heil in der Flucht und ihr liefen Eichhörnchen und ein Baumstachler vor die Linse.
„Wart´s ab Dan. Die Einzigen, die nachher auf den Fotos auftauchen, sind wir beide”, witzelte Jerry. Er hörte Robyn lachen.
„Na hört mal, Jungs. Der Eine rennt mit einem Wolf durch die Gegend und der Andere bringt mit seinem Gewehr arme Hasen zum Platzen. Also wenn ich das an eine Zeitung verkaufen kann und keine Fotos habe, dann liest es sich wie ein schlechter Roman.”
Bald kamen sie an eine Stelle, von der sie ausgehen konnten, dass sie sie nach hoffentlich erfolgreicher Mission auf dem Weg zum Lake Seclusion passieren würden. Die Rucksäcke baumelten an einem über einen hohen Ast geworfenen Seil außerhalb der Reichweite von Bärentatzen als sie sich auf den Weg zur Forschungsstation machten. Die mitgeführten Habseligkeiten beschränkten sich auf das Notwendigste und sie stapften im langsamen Tempo durch den Wald.
Die Baumriesen standen dicht beieinander, als würden sie sich Anekdoten aus den vergangenen zwei Jahrhunderten erzählen. Wer meinte, sich dem Irrtum hingeben zu müssen, dass man sich nur anhand des Moosbewuchses an den Bäumen in einem Wald orientieren könne, würde hier eines Besseren belehrt werden. Es umgab die Baumstämme, die davon heimgesucht wurden, wie ein Maßanzug bis hinauf zu den unteren Ästen. Die Flechten, die wie ungetrimmte lange Vollbärte von den dicken Ästen hingen und denen man aufgrund ihrer Farbe und Struktur Namen wie Pferdeschwanz oder Hexenhaar gab, vermittelten den Dreien das Gefühl, sich zwischen weisen Propheten zu bewegen. Die Wanderung wurde am Rand einer kleinen Lichtung jäh gestoppt, als eine Elchkuh mit ihrem Kalb auftauchte.
„Oh Shit”, raunten die Männer wie aus einem Mund und sahen zu Yello, der seinerseits zu ihnen aufschaute, als erwartete er das Kommando zur Jagd.
„Was habt ihr?”
„Elchmütter nehmen ihren Job verflucht ernst. Ist besser, wenn wir einen großen Bogen um sie machen”, flüsterte Dan.
„Yup”, pflichtete ihm Jerry bei. „Robyn. Ich denke, du kommst aus Maine. Habt ihr da nur Plüschelche?”
„Wir hatten ein paar Mal welche im Garten als ich noch in der Blüte meiner Jugend war. Aber als wir die Tür aufmachten, verschwanden sie immer.”
„Glaube es, meine Liebe. Da überlegen selbst die Bären zweimal. Wenn so eine Elchkuh richtig stinkig wird, kann sie dir ohne Weiteres mit ihren Hufen den Schädel spalten. Also Rückzug.”
Yello verstand nicht, warum man angesichts einer reich gedeckten Tafel abhauen sollte. Er beobachtete die Tiere noch eine Zeit lang bevor er den Menschen folgte.
„Gut, dass er keinen Hunger zu haben scheint.”
„Glaub es, Jerry. Er hat”, sagte Dan. „Erinnere dich. Als ich ihn fand, war er allein. Und da er noch lebt und gesund ist, weiß er wann es lohnt und wann nicht. Allerdings möchte ich auch nicht wissen, wie weit unsere Aktien gerade in den Keller gerutscht sind.”
Nach Einbruch der Dunkelheit hatten Robyn, Jerry und Dan ihre Plätze im Wald eingenommen und warteten. Dan schlich sich zu der Hütte, in der Jake auch in dieser Nacht unterkommen sollte. Zum Glück war sie noch leer und er informierte Jerry, der mit seiner Kimber unter Tannen in der Kurve des Taxiways ein gutes Versteck fand.
„Also kann der Tanz losgehen”, flüsterte Dan in das Headset seines Funkgeräts. Er postierte sich mit Robyn neben einem Strauch gute 30 Meter hinter der Hütte im Dickicht, von wo aus sie gute Sicht auf den Vorplatz des Hangars hatten. Beide versahen ihre Gesichter mit einer dünnen Schlammschicht, damit kein Licht von ihrer Haut reflektiert wurde. Wieder begann es zu regnen und sie spürten bald, wie die ersten Rinnsale den Weg durch ihre Kleidung fanden. Yello lag bäuchlings neben ihnen und observierte das Camp, als ob er wüsste, worum es hier ging. Das ferne Brüllen eines Bären versetzte die Mannschaft in Unruhe.
„Das wär´s noch, wenn der uns in die Quere kommt”, raunte Robyn.
„Jerry. Hast du das gehört?” flüsterte Dan in sein Headset.
„Schockt mich nicht, Kumpel. Der ist noch weit weg.” Das dumpfe Knacken am Boden liegender Zweige und Blätterrascheln weckten Jerrys Aufmerksamkeit. „Aber hier ist noch mehr unterwegs. Ist ja heute Nacht ein Betrieb wie in Donna´s Restaurant.”
„Probleme?”
„Stand by”, sagte Jerry leise. Lächelnd sah er durch sein ATN Cougar. Keine zehn Meter von ihm, auf der anderen Seite des Taxiways, sah er zwischen den Büschen zwei Blacktails auf der Futtersuche.
„Keine Probleme, Dan. Ich bin jetzt besser still.”
Dan sah sein Funkgerät an und drehte den Lautstärkeregler auf. Jerrys letzten Durchgang konnte er kaum verstehen.
„Was ist?” fragte Robyn.
„Weiß der Kuckuck, was der gnädige Herr wieder im Schilde führt, meine Liebe. Aber wir halten jetzt besser auch den Mund.”
„Du hast gut reden. Wir liegen jetzt schon mehr als eine halbe Stunde hier in der Pfütze. Etwas Aufmunterndes wäre doch toll.”
„Einfach nicht dran denken. Hast du als Reporterin hast du noch nie eine Observation oder sowas mitgemacht?”
„Schon. Aber im Auto mit einer Tasse Kaffee.”
Eine nervenaufreibende Ewigkeit lang tat sich Nichts und als ob der Regen nicht schon schlimm genug wäre, dachte jeder für sich daran, was Alles schief gehen konnte. Jedes Geräusch trieb den Puls in die Höhe. Wo war der verfluchte Bär? Dann irgendwann setzte sich Yello auf und sondierte mit allen Sinnen die Gegend vor ihm.
„Was hat er?”
„Sechster Sinn. Ich weiß es nicht, Robyn.”
„Sieht der überhaupt was?”
„Mehr als wir beide zusammen.”
Dan betrachtete die schwarze Silhouette neben ihm und drückte auf die Sendetaste. „Jerry? Wie sieht es bei dir aus?”
Der Mann unter den Tannenzweigen am Taxiway sah hinter den Fenstern des Hangars zwei Schatten, die sich der Tür näherten. Dan hörte, dass er die Sendetaste drückte, aber statt eines Kommentars vernahm er nur das kurze Rauschen, als Jerry seine Sendetaste wieder los ließ.
„Verdammt, Jerry. Was ist los?”
Das Funkgerät schwieg. Dan wäre jetzt gern zu Jerry gelaufen, um ihm eine runter zu hauen. Wieso antwortete er nicht? Fast gleichzeitig drang ein weinerliches Quietschen durch die Nacht, kurz darauf das blecherne Scheppern, das Dan bereits in der Nacht zuvor kennenlernte.
Zwei Männer traten in den Schein der Außenlampen des Hangars. Tommy Spraggett und Jake Turner. Jake wie üblich in Handschellen und der kleine Blondschopf trug seine Winchester wie einen Säugling auf dem Arm.
„Was ist? Noch eine Zigarette, bevor ich seine Lordschaft zum Chateau geleite?” Tommy Spraggett hielt seinem Gefangenen auffordernd eine Packung Lucky Strike unter die Nase. Jake grinste selbstsicher und fischte sich einen Glimmstengel heraus.
„Warum nicht? Bald habe ich ja nicht mehr die Gelegenheit dazu.”
Für einen kurzen Moment lachte Spraggett heiser und sagte: „Bedank dich nicht bei mir für das Ferienlager in Kanada, Turner. Wenn es nach mir ginge, hätten wir dich längst gefesselt mit den verottenden Resten eines Blacktails auf dem Rücken in den Busch gejagt.” Er wies mit dem Gewehr in das Dunkel des Waldes. „Da draußen gibt es genug Lebewesen, die mir gern die Drecksarbeit abnehmen.”
Unter dem Busch hinter der kleinen Hütte waren die Nerven zum Zerreißen gespannt.
„Mann, die machen es aber spannend”, meckerte Robyn, „tauschen die noch Telefonnummern ihrer Dates aus? Was ist da los?”
Dan biss sich auf die Unterlippe. Jeder Kommentar war jetzt einer zuviel und er wäre liebend gern zum Amokläufer geworden. Er sah, wie sich Jake mit seinem Bewacher unterhielt und deren Zigaretten wurden nicht kürzer. Und Jerry meldete sich immer noch nicht. Der Einzige, der wie ein Fels in der Brandung ruhig auf seinen vier Buchstaben saß, war Yello.
Dann, endlich, warfen die Männer die Reste ihrer Zigaretten auf den Boden und setzten sich in Bewegung. Es ging los. Dans Herz schlug ihm bis zum Hals.
„SHOWTIME!” Obwohl er flüsterte, hatte Jerrys Stimme in Dans Kopfhörer die Ausmaße eines Erdbebens.
Ein modriges Stück Holz flog drei nicht enden wollende Sekunden lang wie ein Pass eines Quarterbacks auf einen Wide-Reciever über den Taxiway. Jerrys Blicke folgten dem Wurfgeschoss, dass sich wie in Zeitlupe durch die Luft zu bewegen schien bevor es einen der grasenden Blacktails am Rücken traf.
Äste brachen und die Sträucher schüttelten sich raschelnd, als die beiden Hirsche aus ihrer Deckung heraus direkt auf den Hangar zu liefen. Reflexartig drehte sich Tommy Spraggett um und legte auf die Tiere an. Er riss das Gewehr hoch, als er erkannte, dass es keinen Grund zum Schießen gab und atmete tief durch.
„Verdammter Mist”, murmelte er und richtete seinen Blick wieder auf seinen Gefangenen. Der salbeigrüne Schatten eines Ellbogens traf ihn mit voller Wucht mitten im Gesicht. Tommy Spraggett hörte ein knirschendes Geräusch und ging benebelt zu Boden. Sein Gesicht schwoll an und Tränen liefen im über die Wangen. Der Versuch, sich aufzurichten, endete abrupt. Wieder traf ihn irgend etwas Hartes am Unterkiefer. Er spürte, wie seine Hosentaschen durchsucht wurden, bevor Dunkelheit seine Sinne umgab.
Mit flinken Händen entlud Jake Turner die Winchester und warf die Patronen wie Konfetti ins Unterholz des Rondells vor dem Hangar. Hinter ihm ertönte wieder dieses vertraute traurige Quietschen. Dominic Lareau und Pete Heitmeyer starrten auf den am Boden liegenden Mann und sahen Jake Turners Gesicht, das sich zu einer grinsenden Fratze verzog.
„Einen schönen Abend noch, Jungs”, sagte er und tippte sich mit zwei Fingern zu einem kurzen Salut an die Schläfe, bevor er zu der kleinen Hütte rannte, hinter der er seine Retter vermutete.
„Den Mistkerl schnappe ich mir”, zischte Heitmeyer und versuchte, den Flüchtenden einzuholen.
„Lass den Quatsch, Pete!” rief Dominic Lareau seinem Komplizen nach. Der Franko-Kanadier erreichte nach kurzem Spurt den bewusstlosen Tommy Spraggett. In dessen Gesicht sah er, welchen Preis sie für ihre Nachlässigkeit zahlten. Seit Jake Turners erstem Fluchtversuch gingen sie immer zu zweit. Nur heute Nacht nicht. Alles zwischen Augen und Mund des kleinen, sonst gebildet dreinschauenden Blonden war eine in allen Regenbogenfarben schillernde Masse. Jake Turner hatte ihm das Nasenbein gebrochen. Lareau klappste sanft auf Spraggetts Wangen.
„Tommy. Verdammt. Komm zu dir.”
Als Jake Turner das rettende Dickicht erreichte, war das Letzte, an das er sich für die folgenden Momente erinnern sollte, ein Paar gelblich schimmernder Augen. Irgend etwas traf ihn mit der Wucht einer Dampframme auf der Brust und holte ihn sauber von den Füßen. Endlos scheinende Sekunden lang lag er am Boden, bevor er versuchte sich aufzurappeln und zu sehen, was ihn getroffen hatte. Wieder wurde er heftig zu Boden gedrückt und etwas Schweres auf seiner Brust presste die Luft aus seinen Lungen. Mit dem Kopf lag er in der Richtung, aus der er kam. Die Silhouette dieser schwarzen Kreatur, die mit den Vorderpfoten auf seiner Brust stand, verschwamm mit dem Dunkel des Waldes, in dem er seine Freunde vermutete. Angsterfüllt und unfähig sich zu bewegen, starrte er in kalte gelbe Augen und auf eine Wand aus Reißzähnen.
„Wenn ich den heutigen Tag intensiv Revue passieren lasse, dann war "Los, holen wir ihn uns!" vielleicht nicht das, was du hättest sagen sollen, Dan.”
Er hockte mit Robyn immer noch, in der Haltung eines 100-Meter-Läufers kurz vor dem Start, an der Stelle, an der sie sich versteckt hielten und erinnerte sich an das Mahl in der Höhle. Es ging rasend schnell. Kaum hatte Dan diesen Satz gesagt, schoss Yello wie ein Pfeil durch den Wald. Geradewegs auf seinen Freund zu, der nicht den Hauch einer Ahnung hatte, was im wahrsten Sinn des Wortes auf ihn zu kam.
„Was, zum Teufel, ist da bei euch los? Dan? Habt ihr ihn?” Jerry bekam in seinem Versteck von all dem nichts mit. Er hatte das Areal vor den Gebäuden im Blick, die Sicht in den Wald behinderte die Tanne, unter der er lag.
„Um Himmels Willen. Jerry. Nicht schießen!” flüsterte Dan eindringlich.
„Ich sehe sie beide, Dan. Ein Wort, und das Rumpelstilzchen liegt flach.”
„Verflucht! Jerry. Hörst du schlecht?”
Still und entrückt betrachtete Dan das Schauspiel am Waldrand.
„Wie in der ersten Nacht”, flüsterte er kaum vernehmlich. „Mein Gott.”
„Was?” fragte Robyn und sah ihn an.
„Vergiss es.” Dan sah mit weit geöffneten Augen zu Jake und Yello und erinnerte sich an seinen Albtraum. Pete Heitmeyer, den Jerry als Rumpelstilzchen bezeichnete, führte einen ungelenken Kriegstanz auf und lachte dabei wie ein Irrer.
„Na mach schon! Friss ihn!” Heitmeyers Stimme überschlug sich, als er den Wolf anfeuerte und ging zwei Schritte auf ihn zu. In geduckter Haltung stand Yello mit aufgerichtetem Rückenhaar und angelegten Ohren über Jake Turner. Er sah Heitmeyer mit zu Seite geneigtem Kopf an und knurrte mit gefletschten Zähnen. Mit lautem Krachen schlugen seine Zähne zusammen, als er zweimal in dessen Richtung schnappte.
Wer diese Warnung nicht verstand, war schlicht dumm. Abwehrend und beschwichtigend hielt der angetrunkene Ganove beide Hände vor sich.
„Okay, okay. Er gehört dir. Ich will nur ein bisschen zusehen”, sagte er mit einem kalten Lächeln.
„Pete, du verfluchter Hurensohn. Schwing endlich deinen Arsch hier hin!” Lareau kniete immer noch neben dem Verletzten. Zögernd ging Pete ein paar Schritte rückwärts, bevor er sich umdrehte und zu seinen Komplizen lief.
„Verdammter Mist”, sagte er, als er Tommys Gesicht sah. Langsam kam der Blonde zu sich und verlangt stammelnd nach seiner Brille.
„Los Pete, trag ihn rein!”, befahl der Franko-Kanadier und sah sich nach der Sehhilfe und dem Gewehr um. Bevor die Männer in der Unterkunft verschwanden, gellte abermals diese verrückt klingende Stimme durch die verregnete Nacht und hallte von den Bergen wider:
„EINEN SCHÖNEN ABEND NOCH, JAKE!”
Minutenlang geschah Nichts und man hörte nur die zerplatzenden Regentropfen.
„Ich glaube, die Luft ist rein”, sagte Jerry mit gespielter Gleichgültigkeit.
„Dann los!” kommandierte Dan und sprang auf.
„Holen wir ihn uns?” Robyn erntete für ihre Frage einen bösen Blick, doch sie kicherte mit der Unbefangenheit eines Schulmädchens. „Sorry. Etwas Galgenhumor wird doch wohl noch erlaubt sein.”
Dan erreichte Jake als Erster. Yello, der immer noch knurrend über Jake stand, ließ sich von ihm ohne Gegenwehr wegdrücken. Jake erkannte seinen Freund trotz der Schlammschicht in dessen grinsendem Gesicht und bevor er einen Ton sagen konnte, presste ihm Dan eine Hand auf den Mund und schüttelte mit dem Zeigefinger vor seinen Lippen den Kopf. Jake verstand und nickte. Dann fühlte er zwei Hände in seinem Jackenkragen und jemand schliff ihn, der immer noch auf auf dem Rücken lag, tief in den Wald. Und er hörte Dan sagen: „Okay. Wir haben ihn.”
Sie halfen dem unter Schock Stehenden auf die Beine. Jake erschrak, als ihn jemand von hinten an die Schulter fasste und er starrte in ein zweites, mit Schlamm und Blättern bedecktes Gesicht, das ihn erfreut anstrahlte.
„Jake? Ich bin´s, Jerry. Alles klar?” sagte das Gesicht und schnippte zweimal mit den Fingern direkt vor seiner Nase.
„Ja ....... ja, ich bin okay”, stotterte Jake. „Dan. Verdammt. Was war das eben? Du hast nichts von einem Hund gesagt.”
„Erkläre ich dir später. Wir haben noch ein paar Meilen. Kannst du laufen?”
„So gut es mit vollen Hosen geht. Wohin müssen wir?”
„Lake Seclusion. Dein Flugzeug wartet da .... hoffentlich. Aber vorher müssen wir unsere Klamotten holen.”
Jake nickte und die Truppe eilte zu der Stelle, an der sie die Rücksäcke zurückgelassen hatten. Dan führte die Gruppe. Nach ungefähr dreißig Metern stolperte über ein Hindernis auf dem Boden und er fiel mit voller Länge in einen Busch.
„Verflucht!” motzte er und stand mit weichen Knien wieder auf. „Was war das? Ein Stück Holz fühlt sich anders an.”
Im Lichtkegel seiner Taschenlampe lag der Kadaver eines jungen Sitkahirsches. Die Köpfe der Männer zuckten angeekelt zurück.
„Mann, das ist ja der reinste Horrortrip”, sagte Jake.
„Grizzly”, resümierte Dan und zerrieb zwischen seinen Fingern ein Büschel Haare, das er aus einem Strauch neben dem Kadaver barg. „Und er war eben verdammt dicht dran.”
Alarmiert von diesem einen Wort sondierten drei Augen- und Ohrenpaare die nähere Umgebung. Jerry indes untersuchte den Tierkörper genauer und fechelte sich mit weit ausholenden Bewegungen seiner Hände Luft zu.
„Riecht ihr das?”
„Was?”
„Totes Tier”, sagte Jerry mit Kennermiene, „ich liebe den Geruch von toten Tieren am Morgen.”
„Oh Mannerhoff. Du hast echt einen Riss im Plätzchen”, maulte Jake und sah zu Dan. „Gott sei Dank gibt es hier wenigstens einen Vernünftigen. Dan, du hättest ruhig andeuten können, dass du nicht allein......”, Jake unterbrach sich selbst, machte einen Schritt zurück und erstarrte erneut mit einem ängstlichem Blick. Yello saß treu neben seinem Gefährten.
„Heilige Mutter Gottes”, Jake sah Dans Hand auf dem Kopf des Wolfs, „Vergiss das mit dem Vernünftigen. Ihr habt alle ein Ding an der Birne.”
„Ich dachte, je weniger du weißt, desto besser.....”
„Papperlapapp. Dan. Weißt du eigentlich.....” Wieder presste Dan seinem Freund die Hand auf den Mund.
„Was schnauzt ihr Idioten euch an? Haltet endlich die Klappe”, zischte Jerry. Er zeigte auf die Lichter der Forschungsstation zwischen den Bäumen und vermied es, die beiden Männer mit der Lautstärke eines Drillsergeants zusammen zu stauchen. Jake fuhr Dan erneut flüsternd und erbost an: „Du hättest mir ruhig sagen können, dass du mit ..... Ach Scheiße.”
„Was hast du für ein Problem, Jake? Ich bring dich gern wieder zurück”, maulte Jerry.
„War meine Schuld”, sagte Dan kleinlaut. „Bevor ich Yup sagen konnte, hatte ihn Yello bereits in der Mangel.”
„Woher hast du das Vieh überhaupt?” fragte Jake und wartete die Antwort nicht ab. „Ach, ist mir auch scheißegal. Los! Ich will hier weg.”
„Moment.” Jerry hielt Jake am Arm zurück und sah ihn und Dan an. „Wollt ihr mir gerade weismachen, dass die Jungs nur unseren pelzigen Freund hier gesehen haben?”
Dan zuckte mit den Schultern. „Bist du taub? Ich sagte doch gerade, dass ich...”
„Das ist gut. Das ist sogar sehr gut”, sagte Jerry mit verschmitztem Grinsen und sah den Kadaver an. Er zeigte auf Jakes Handschellen. „Wir müssen dir nur noch die Armbänder abnehmen.”
Jake öffnete wortlos seine Faust. Ein kleiner Schlüssel blinkte im Schein der Taschenlampe.
„Nur gut, dass ich mir den nicht in den Mund gesteckt habe. Sonst müssten wir 24 Stunden warten. Und jetzt?”
„Wenn die den Eindruck haben, dass du ein Opfer der ortsüblichen Fauna geworden bist, sollten wir sie nicht unnötig auf andere Gedanken bringen. Oder? Jake. Gib mir deine Jacke und die Hose.”
Die Männer sahen sich einen Moment lang schweigend an und Jake begann, sich zu entkleiden. „Schade”, sagte Jake, als er die Jacke zu Boden warf. „Sie hat mich immer warm gehalten.”
„Mach dir um die Jacke keine Gedanken”, erwiderte Dan. „Ich besorge dir eine Neue. Und für den Weg hab ich in meinem Rucksack einen Poncho.”
Mit geübten Griffen machte sich Jerry daran, dem Kadaver das Fell abzuziehen und dessen Kopf abzutrennen.
„Das ist doch nicht euer Ernst. Mir wird schlecht”, sagte eine Frauenstimme hörbar angewidert von dem, was sich im Licht zweier Taschenlampen abspielte. Erst jetzt bemerkte Jake, dass noch jemand anwesend war. „Heilige Mutter Gottes”, rief er aus und hastig bedeckte er, der hemdsärmelig und in Unterhosen im Wald stand, seinen Unterleib mit seiner Jacke.
„Hi Jake”, lachte Robyn.
„Kennen wir uns?” fragte der Angesprochene mit Falten auf der Stirn.
„Robyn”, sagte die Blonde aus Maine und reichte ihm die Hand.
„Robyn?” Er reichte ihr ebenfalls die Hand und versuchte, mit der anderen die Jacke über dem Rückenende zusammen zu halten.
„Hatchett”, ergänzte sie mit herausforderndem Blick.
„Ach du Sch....” Er wandte sich Dan zu. „War es nötig, sie da hineinzuziehen?”
„Gewissermaßen hat sie uns dazu angestiftet”, verteidigte Jerry, der mit beiden Armen bis zu den Ellbogen in den Resten des Sitkahirsches steckte, seinen Freund. „Gib mir mal die Jacke.” Jake sah ihn und Robyn an.
„Das macht mir Nichts aus”, sagte sie und schnalzte mit der Zunge. „Seit zwei Tagen hänge ich mit den Beiden hier im Wald herum ..... also ich bin Kummer gewohnt. Aber der Gestank ist widerlich. Ihr entschuldigt mich. Ich werde lieber nachsehen, ob uns jemand gefolgt ist.”
Vorsichtig nahm sie Jerry das Nachtsichtgerät vom Kopf und verschwand in der Dunkelheit. Dan schnappte sich die Kimber und folgte ihr nach.
Eine halbe Stunde später war Jerry fertig und verpasste seinem Werk den letzten Schliff. Robyn, die von ihrem Posten herbei kam, hätte sich fast übergeben.
„Ich musste ..... das Ding etwas umbetten und unter den Busch legen, damit der fehlende Kopf nicht auffällt”, sagte er, als müsse er sich entschuldigen. „Zum Glück hat er deine Kleidergröße.”
Auch Jake hatte bei diesem Nahtoderlebnis der besonderen Art zu tun, dass er seinen Würgereiz im Zaum hielt.
„Sieht aus, als hättest du so etwas schon mal gemacht.”
„Vor zwei Jahren. Admiralty Island. Ned Carpenter. Er hatte einen jungen Elch geschossen und ein Bär meinte ..... Na ja. Ned war so blöd und wollte seine Beute verteidigen. Wir fanden ihn am nächsten Tag. Der Bär hatte nicht viel....”
„Oh bitte. Erspar uns das. Wir sollten uns jetzt lieber verpissen.”
Die Truppe setzte ihren Weg zu den Rucksäcken fort und man staffierte Jake mit Poncho und Regenhose aus, bevor sie unter Robyns Führung den Weg durch die Morgendämmerung fortsetzten.
„Wie ich sehe, habt ihr Nichts ausgelassen, Dan.” Andächtig betrachteten Jake und seine Retter das grünbraune Gebilde am Ufer des Lake Seclusion.
„Yup. Jerrys Idee. Offiziell sind wir zum Fischen oben am Alsek River. Wie spät ist es?”
„Halb sieben”, antwortete Robyn und schob die Unterlippe vor, als sie auf ihr GPS-Gerät sah. ”Guter Schnitt. Legt eure Rucksäcke ab.”
Sie verstaute die Ausrüstung. Die Männer kümmerten sich schweigend um die Tarnnetze. Dan bereitete sich, wie üblich, in Gedanken auf den Start vor und sah auf die Wasserfläche. Der schwache Südwind bildete nur im nördlichen Teil des Sees kleine Wellen. Der Rest lag ruhig im Windschatten des Waldes, nur bewegt von fallenden Regentropfen, die kleine Ringe zeichneten.
„Jerry. Brauchst du die Dinger?” fragte Dan und zeigte auf die drei Transportsäcke.
„Hol sie bei Gelegenheit. Wichtiger ist, dass du die Kiste heil aus dem Wasser bekommst.”
Dan sicherte die Säcke mit einem Seil an einem der Bäume und er sah Yello, der einige Meter von ihm vor dichten Büschen stand und keine Anstalten machte, näher zu kommen. Der Motor der Cessna brabbelte los und eine blaugraue Wolke wehte zu ihm herüber. Einige Meter ging er auf seinen vierbeinigen Freund zu und hielt inne, als sich das Buschwerk zu beiden Seiten des Wolfs bewegte und zwei weitere Tiere aus der Deckung traten. Einer war ebenfalls schwarz und wenige Zentimeter kleiner, das Fell des Anderen hatte die gewöhnliche braun-graue Färbung. Dan huschte ein Lächeln über das Gesicht und er zwinkerte Yello noch einmal zu. So unspektakulär wie sie in Erscheinung traten verschwanden die beiden anderen Wölfe. Yello zögerte noch einen Moment, bevor er ihnen folgte.
Lächelnd bestieg Dan das Flugzeug. Jerry und Robyn hatten es sich in der zweiten Reihe gemütlich gemacht. Jake auf dem Sitz des Copiloten trommelte mit den Finger auf seinem Oberschenkel. Die Steuerbordtür war noch offen.
„Allein?”
„Yup. Preflight?”
„Alles okay. Propeller sieht gut aus, alle Flächen intakt, Schwimmer sind ausgepumpt. Also. Es gibt keinen Grund, auch nur eine Minute zu warten”, sagte Jerry.
Dan gab Gas und die Stationair rauschte bei mittlerer Drehzahl gemächlich über das Wasser. Jake legte seine Hand auf den Bedienhebel der Landeklappen.
„20 Grad bei 60?”
„Yup.” Dan nickte lächelnd. Am Nordufer wendete er und gab Vollgas. Meckernd malte der Propeller eine Spirale aus kleinen Kondensstreifen in die feuchte Luft. Die Gischt stieg mit jedem Kilometer an Fahrt höher und die Bäume am Südufer wurden mit jeder Sekunde größer.
„60.”
Jake brachte die Landeklappen in Position und durch den Zugewinn an Auftrieb machte das Flugzeug einen Satz aus dem kühlen Nass. Dan hielt die Schwimmer wenige Dezimeter über dem Wasser und beschleunigte im Bodeneffekt weiter. Sekunden später zog er die Nase sanft hoch und flog eine weite Linkskurve in Richtung Osten.
„Next Stop: Gustavus Airfield.”
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Wood Lake Resaerch Station.
Etwa zur gleichen Zeit.
„Wohin willst du, Pete?”
Dominic Lareau wachte die ganze Nacht am Bett des Verletzten und sah Heitmeyer mit dessen Gewehr in der Tür von Tommy Spraggetts Zimmer.
„Nachsehen, was mit Turner passiert ist. Kommst du mit?”
Lareau sah den Schlafenden kurz an und nickte. Sie nahmen die Suche an der Stelle auf, an der sie ihren Gefangenen zuletzt sahen.
„Wieviel, glaubst du, hat er übrig gelassen?” fragte Pete und zündete sich eine Zigarette an.
„Kann ich dir sagen, wenn wir was finden. Ich hab nie das Ammenmärchen geglaubt, dass Wölfe auf Menschen losgehen. Weißt du, in dem Nest in Quebec, wo ich aufgewachsen bin, kamen sie in harten Wintern bis an den Rand des Dorfes und suchten etwas zu fressen. Manchmal rissen sie auch eines von LeBons Rindern. Aber als Menschen auftauchten, waren sie weg. Aber hier? Sieh dich um. Der Wald ist voll mit Wild.”
„Mag sein. Aber das Vieh letzte Nacht.... Also ich hab mal welche im Zoo gesehen....”
Dominic lachte leise vor sich hin.
„Hör auf zu lachen, du Idiot. Das Vieh gestern Abend .... also der war irre .... und riesig. Vielleicht hatte er Tollwut oder so was. Ich hab noch nie .... kennst du American Werewolf ?”
Wieder hörte Heitmeyer seinen Komplizen lachen. „Au weia, Pete. Du bist Spitze, Mann. Kino. Mach dich nicht verrückt. Schließlich hast du dich nett mit ihm unterhalten. Allein dafür hättest du einen Tritt in den Arsch verdient.”
Heitmeyer schwieg. Sie suchten auf dem nassen Boden nach Spuren. Hier und da drückten sie das Buschwerk zur Seite oder stocherten mit einem langen Ast oder dem Gewehr darin herum. Über ihnen tobte trotz des Regens die Partnersuche für die kommende Brutsaison mit fröhlich klingendem Gezwitscher. Die Männer gingen tiefer in den Wald und wollten die Suche schon aufgeben, als Dominic seinen Komplizen an den Arm fasste.
„Da drüben”, sagte er und nickte in die Richtung. Einen Steinwurf entfernt sahen sie die ihnen bekannte Pilotenjacke und Jeans.
„Verdammt.”
„Und? Wenigstens kann er uns nicht mehr verpfeifen. Er ist selbst schuld. Hätte ja nicht abhauen müssen.”
Lareau sah Pete einen Augenblick lang kopfschüttelnd an. „Komm. Schauen wir, ob wir noch was tun können.”
Es war Pete Heitmeyer, der plötzlich stoppte und in die Baumkronen sah. Sein Komplize schaute ebenfalls auf.
„Was ist?”
„Die Vögel. Sie singen nicht mehr.”
„Und wenn schon.”
Als sie ihre Blicke senkten, trauten sie ihren Augen nicht. Zwischen ihnen und der vermeintlichen Leiche stand ein Wolf.
„So so. Alles nur Kino”, murrte Heitmeyer.
„War das in den letzten Nächten nicht ein Schwarzer?”
„Und wenn schon.” Heitmeyer spannte den Hahn der Winchester und legte an.
„Pete. Nein.”
Der Franko-Kanadier wurde sichtlich nervös, als ein zweiter Wolf aus dem Gebüsch trat. Pete Heitmeyer drückte ab. Das Geräusch, was folgte, war für die Ohren der Männer lauter als jeder Schuss.
„Verflucht.” Heitmeyer riss hektisch am Repetierhebel, legte an und drückte erneut ab. Anstatt eines Schusses ertönte wieder nur ein einsames Klick. Beide Männer starrten auf das Gewehr.
„Lass mich raten: Du hast nicht nachgesehen, ob das Ding geladen ist.”
„Hey. Tommy hatte sie immer geladen.”
„Na? Wer ist hier jetzt der Idiot?”
Die Männer gingen langsam rückwärts und ließen die Wölfe, die ihnen mit gleichem Tempo folgten, nicht aus den Augen. Ihre Unsicherheit steigerte sich, als sich ihren Verfolgern zwei weitere, nicht weniger gut genährte, Exemplare anschlossen.
„Verdammt. Wieviele kommen denn noch?”
„Der Schwarze ist nicht dabei”, bemerkte Pete und sah sich um.
„Die Farbe ist mir im Moment, ehrlich gesagt, verdammt egal. Geh langsam weiter. Wenn du läufst, sind wir tot.”
„Und wer sagte eben, dass sie keine Menschen angreifen?”
„Leck mich. Das Gesetz des Dschungels. Die verteidigen ihre Beute.”
Die Tiere stellten nach zehn Metern ihre Verfolgung ein. Die Ganoven tasteten sich vorsichtig, in alle Richtungen blickend, weiter durch den Wald in Richtung Camp. Als die Tür der Unterkunft hinter ihnen ins Schloss fiel, atmeten sie tief durch. Schweißperlen rannen von Heitmeyers Stirn.
„Hast du sowas schon mal erlebt?”
Der Franko-Kanadier schüttelte stumm den Kopf. Pete stürmte mit einer Portion Wut im Bauch in Spraggetts Zimmer. Der Blondschopf saß wie ein krankes Kind aufrecht in seinem Bett und nippte an einer Tasse Tee.
„Wo ist die verfluchte Munition?” wetterte der Eindringling. „Wir wären da draußen fast vor die Hunde gegangen.”
„Das checkt man vorher”, entgegnete Tommy unter der Wirkung starker Schmerzmittel gelassen. „Die Munition ist drüben im Hangar.”
„SCHEISSE !”
Heitmeyer stürmte aus dem Zimmer und rempelte Dominic an, der im Türrahmen lehnte.
„Was hat er?” fragte Tommy. Statt einer Antwort zuckte Lereau mit den Schultern und ließ einen Finger an seiner Schläfe kreisen. Just als er sich zu seinem Patienten setzte um die Erlebnisse zu schildern, hallte eine Mischung aus Jaulen, Knurren und angedeutetem Bellen durch den Korridor. Die Männer hörten ihren Komplizen schreien. Dominic rannte los und sah Heitmeyer, der vor der offenen Eingangstür lag. Zwei Wölfe zerrten an seinen Hosenbeinen. Wieder stieß Heitmeyer in Todesangst gellende Schreie aus. Geistesgegenwärtig warf der Franko-Kanadier einen Stuhl nach den Raubtieren, die daraufhin von ihrem Opfer abliessen und winselnd das Weite suchten.
„Sie verteidigen also nur ihre Beute”, schrie Heitmeyer und unter Flüchen presste er die Hände auf seine blutende Wade.
Schuldzuweisungen über ungeladene Gewehre und bestimmten neben tollwütigen Tieren die Diskussion, als Dominic Lareau, mittlerweile von seinen Komplizen zur Nurse of the Year nominiert, seinen zweiten Patienten im Zimmer des Blonden versorgte. Die Unterhaltung endete abrupt, als sie das allmählich lauter werdende Geräusch eines Flugzeugmotors vernahmen. Ihre Köpfe folgten dem Geräusch und sie sahen zur Zimmerdecke, als sei diese aus Glas.
„Boris. Das ist Boris”, jubelte Heitmeyer und stieß siegessicher eine Faust in die Luft.
„Hoffentlich ist die Kiste groß genug für uns. Noch so eine verfluchte Cub und ich werde zum Amokläufer,” sagte Tommy Spraggett und sah aus dem dreckigen Fenster.
Es sollte nicht lange dauern, bis sie auf dem Taxiway ein Flugzeug ausmachten, dass sie von diesem Ort wegbringen würde.
„Wo sind die Viecher? Wenn sie sich Boris schnappen, ist endgültig Feierabend”, sagte Pete und presste seine Stirn an die Scheibe um die Lage unterhalb der Fenster zu peilen.
„Scheiße. Was macht der Idiot?” Mit eiligen Schritten humpelte er durch den Korridor zur Eingangstür.
Jetzt war es ihm egal, ob und was vor der Tür lauerte. Er ging hinaus, winkte dem Piloten mit ausgestreckten Armen zu, schrie, warf kleine Steine hinüber zum Flugzeug und musste mit ansehen, wie sein Komplize die Cessna 206 dicht vor dem Tor des Hangars parkte. Er wusste, ihren Propeller konnte man nicht verstellen, um damit rückwärts zu rollen. Seine Schreie wurden noch lauter als der Pilot den Motor abstellte. Verzweifelt nahm er einen Stein und traf die Motorhaube.
Boris Schelesnow kannte die manchmal anstrengenden Streiche seiner Genossen und winkte vergnügt zurück. Als er die Tür öffnete, gefror ihm das Blut in den Adern. Zwei hundeähnliche Gestalten kamen unter dem Wasserturm neben dem Hangar hervor und sie sahen alles andere als verspielt aus. Brutal riss er die Tür zu und erkannte schnell, dass das Flugzeug ein sicherer Ort für ihn war. Pete Heitmeyer erging es nicht anders. Gleich drei der Raubtiere kamen um das Haus herum und er konnte sich in letzter Sekunde in das Gebäude retten. Schwer atmend lehnte er mit offenem Mund an der Wand und suchte die Decke des muffigen Korridors nach einer Idee ab.
„Können wir Boris nicht irgendwie verständlich machen, dass er Hilfe......”, Pete lachte über Dominics Vorschlag.
„Netter Versuch, Dom. Aber am Boden und bei den Bergen um uns herum ist das Funkgerät im Flugzeug nur hilfreich, wenn direkt über uns....”, Pete unterbrach den Redeschwall und humpelte, gefolgt von Lareau, mit großen Schritten in sein Zimmer.
„Was hast du?”
„Pat hat uns doch das Funkgerät....”, Gelächter schallte durch den Bau. „Dom, ich werde alt.”
„Hoffentlich erreiche ich Pat. Er sagte vorgestern, dass er heute wieder zu Hause ist.” Der alte Holzstuhl ächzte unter dem Gewicht des ehemaligen Footballspielers. Seine Finger flogen über die Schalter und Drehknöpfe.
„March Hare, hier Cottonwood. Copy.”
Vier Mal wiederholte er den Ruf. Durch den Äther kam nur ein leises monotones Rauschen. Pete regelte die Rauschunterdrückung neu ein.
„Verflucht.”
„Probleme?”
„Normalerweise hört man athmosphärische Störungen oder so was... Pfeifgeräusche, Rattern.” Er versuchte weitere Frequenzen, mit dem selben Ergebnis.
„Vielleicht sitzt ein Vogel auf der Leitung?” Als Reaktion auf den Scherz des Kanadiers drückte sich Pete die Nase am Fenster platt.
„Die Antenne steht. Sieht okay aus.” Er stütze sich mit beiden Händen auf der Stuhllehne auf und sah schweigend auf das Funkgerät. Noch einmal drückte er die Sendetaste und sah, wie der Zeiger der Feldstärkeanzeige bis hinter den roten Bereich sprang. Bevor Dominic reagieren konnte, fegte er das Funkgerät mit dem Stuhl vom Tisch.
„Von wegen Repariert. Wir sind im Arsch. So sieht´s aus.” _________________ Beste Grüße
Jörg
Irren ist menschlich. Aber wenn man richtig Mist bauen will, braucht einen Computer.
Dan Rather |
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JörgB Moderator


Anmeldungsdatum: 18.08.2006 Beiträge: 2195 Wohnort: Bielefeld FS-Version: 9.1
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Verfasst am: Di 02 Feb 2010, 18:35 Titel: (Kein Titel) |
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Teil 10
An Bord der weiß-gelben Cessna Stationair wurde es ruhig. Die Anspannung der vergangenen Tage wich aus den Körpern. Der Motor brummte monoton vor sich hin und die warme Luft der Heizung sorgte für komfortable Gemütlichkeit. Während Jerry und Robyn die Gunst der Stunde zu einem Nickerchen nutzten, bombardierte Jake seinen Piloten mit Fragen. Mit jeder Meile, die sie sich ihrem Heimatort näherten, wurde er ruhiger und sah aus den Fenstern. Dan rastete das Funkgerät auf die Frequenz des AWOS und beide hörten die aktuellen Wetterdaten für den Flugplatz von Gustavus: Wind aus 143 mit elf Knoten, Sichtweite 15 Meilen, leichter Regen.
„Das bedeutet Landbahn Eins Eins”, sagte Dan und zwinkerte seinem Copiloten zu.
„Ja”, sagte dieser mit ruhiger Stimme. „Eins Eins.”
Die Berg Bay hatten sie längst hinter sich gelassen und querten den Hauptarm der Glacier Bay in östlicher Richtung. Aus dem Dunst schälte sich Strawberry Island heraus. Nördlich von Bartlett Cove kamen Young Island und Lester Island in Sicht, die die Secret Bay wie ein Kind im Mutterleib schützten und deren Uferlinien, von oben betrachtet, an die Silhouette eines Tieres aus der Feder eines Höhlenmalers erinnerte. Jake lächelte und stieß Luft durch die Nase.
„Als ich die Inseln das letzte Mal sah lagen dort noch Reste von Schnee. Verdammt. Ich weiß nicht mal, welcher Tag heute ist.”
Dan legte seine Stirn in Falten und sah still auf die Instrumente.
„Dienstag .... glaube ich.” Er lachte und massierte mit zwei Fingern seine Nasenwurzel. „Verdammt.”
Der grauhaarige Mittfünfziger war im Landeanflug auf den Flugplatz von Gustavus keine Hilfe. Er reckte sich, um einen Blick aus den Backbordfenstern zu erhaschen und rutschte nervös auf seinem Sitz hin und her. Dan sah selbst hinaus und zeigte vor sich aus dem Seitenfenster.
„Da links. Sie führt gerade die Pferde auf die Koppel.”
Entrückt sah Jake für einen Wimpernschlag die kleinen Punkte auf dem satten Grün hinter seinem Haus.
„Oh Mann. Lange habe ich den Augenblick herbeigesehnt und jetzt hab ich die Hosen voller als letzte Nacht.”
„Beruhige dich. Gleich sind wir unten. Es ist vorbei, Jake.”
„Ja.... vorbei.” Als er sich in seinem Sitz zurücklehnte, fühlte er die Handschellen in der Tasche der Regenhose. Nach einer wenige Sekunden dauernden Ewigkeit signalisierte ein Ruck und ein rumpelndes Geräusch den Insassen, dass die Cessna über welligen Asphalt rollte.
Michael Buchanan stand rauchend und mit einer Tasse frischen Kaffees in der Hand auf dem Vorfeld. Sein Blick folgte dem Flugzeug, das an diesem verregneten Morgen die einzige Lärmquelle auf dem Flugplatz war. Als ihr Motor vor seinem Hangar verstummte, trottete er zur Tür des Piloten.
„Hi Dan. Ihr seid früh. Guten Fang gehabt?”
„Yup. Kann man so sagen”, antwortete er lächelnd und sprang von seinem Sitz auf den Schwimmer.
„Hi Buck.”
Es vergingen mehr als fünf Sekunden, bis der kleine Flugplatzmanager das vollbärtige Gesicht erkannte, das ihn vom Sitz des Copiloten anlächelte. Der Rest seiner Zigarette fiel ihm aus dem Mund direkt in den Kaffeebecher vor seinem Bauch. Ehrfürchtig ging er einige Schritte zurück, als sich Jake den Weg aus dem Flugzeug bahnte und sich vor ihm aufbaute.
„Oh mein Gott....... Du bist es wirklich”, stammelte Buck.
Augenblicklich führte der kleine untersetzte Mann einen Freudentanz auf und umarmte den Totgeglaubten.
„Jake. Du bist es wirklich!” rief er aus.
„Ja, alter Freund. Ich bin es. Aber bleib auf Abstand.” Jake lachte und versuchte seinen Jugendfreund abzuwehren. „Die letzte Dusche liegt schon ein Weilchen zurück.”
„Du hast keine Ahnung, wie egal mir das ist”, gröhlte Buck in seinem Freudentaumel. Er ließ den Kaffeebecher fallen, nahm Jakes Kopf in seine Hände und küsste ihn auf beide Wangen. Und es dauerte nicht lang, die Heimkehrer zu einer Tasse Kaffee zu überreden.
„Weiß Melissa schon davon?” fragte Buck, der die Truppe durch den Hangar zu seinem Büro führte.
„Ähem”, räusperte Dan. „Buck. Wir sind eben erst gelandet.”
„Stimmt. Wo hab ich nur meinen Kopf?” Der Laienprediger klatschte sich mit der flachen Hand auf die Stirn und öffnete kichernd die Tür zu seinem Büro.
„Ich werde sie gleich anrufen. Ich würde dich gern heimfahren, wenn ich nicht zu tun hätte. Alaska Airlines nimmt morgen den Sommerbetrieb auf. Seit gestern geht´s drunter und drüber”, entschuldigte er sich hektisch. Eifrig hastete er zum Telefon und wählte. Durch die Holzwände des Büros wummerte das Dröhnen eines sich nähernden V8-Motors. Buck legte den Hörer wieder auf und nickte zum Fenster.
„Sie muss euch gerochen haben”, sagte er und warf dem verdaddert dreinschauendem Dan das Sitzkissen seines Bürostuhls zu.
„Für deinen Arsch. Sie hatte euch bereits gestern Abend erwartet.”
„Ich gehe ihr besser entgegen”, sagte Jake, „wenn meine Tochter auf dem Kriegspfad ist, macht sie keine Gefangenen.”
Jake verließ das Büro, weil er wusste, was unweigerlich kommen würde. Tränen waren ihm, auch vor Freunden, peinlich. Jeder im Raum verstand es und doch war man scharf auf einen Platz vor dem kleinen Fenster. Lächelnd sahen sie zu, wie sich Vater und Tochter wieder und wieder in die Arme fielen. Buck füllte die Tassen auf seinem Schreibtisch mit Kaffee und rief das Trio am Fenster zur Räson.
Arm in Arm, mit feuchten und geröteten Augenrändern, kamen die Turners nach einer Weile in das kleine Büro. Wie auf Kommando erhoben sich alle von ihren Stühlen. Melissa ging lächelnd und schweigend an den Anwesenden vorbei und sah jedem von ihnen in die Augen. Einen Moment lang verharrte sie vor Dan.
„Du Mistkerl”, sagte sie mit vibrierender Stimme und holte mit ihrer rechten Hand aus. Jeder ihm Raum verzerrte mitfühlend sein Gesicht, aber das klatschende Geräusch einer Ohrfeige blieb aus. Die Hand der großen Brünetten schwebte wenige Zentimeter neben Dans Gesicht. Die folgende Umarmung drückte die Luft aus seinen Lungen. Sie küsste ihn.
„Warum hast du nichts gesagt?”
Er sah in ihre Augen und antwortete mit einem Lächeln: „Weil ich keine Mitwisser dulde.”
Einen Moment lang war es still im Büro und man hörte ein mehrstimmiges Ausatmen. Jake fand als Erster die Sprache wieder.
„Ich muss mal eben .....Na. Ihr wisst schon.”
„Hab Spaß”, lachte Buck, „du weißt ja, wo es ist.”
Die Anderen forderte der kleine Flugplatzmanager auf, ihm haarklein das Erlebte zu berichten, solang der Kaffee noch heiß war. Aus einer Tasse wurden zwei und es war Dan, der Jake als Erster vermisste.
„Gib ihm Zeit”, witzelte Jerry. „Den Glanz von strahlend weißer Keramik und Toilettenpapier mit Blütenmuster weiß man eben erst nach einigen Wochen in der Wildnis wirklich zu schätzen.”
Das Gelächter im Büro verstummte, als die Tür aufsprang und Derek Waltrip schwitzend und schwer atmend in der Tür stand.
„O´Bannion ......”, keuchte er und sah fragend in die fünf Gesichter, „Jake lebt?”
Nach einem kurzen Austausch von verwirrten Blicken und einem Sprint über das Vorfeld fanden sie beide in Patrick O´Bannions Hangar. Jake kniete triumphierend über den bäuchlings am Boden Liegenden und legte ihm Handschellen an.
„Hier. Du Arschloch. Ein kleines Souvenir vom Wood Lake.”
Man half den beiden Streithähnen auf. O´Bannions Gesicht zierte ein Veilchen und Blut rann aus seinem Mund. Jake sah Dan und Jerry mit zusammengekniffenen Augen an.
„Tankt den Vogel auf! Wir bringen ihn sofort nach Juneau.”
„Sollten wir nicht den Sheriff rufen?” Robyn Hachtett sah sich fragend um.
„Nun meine Liebe”, antwortete Buck und legte beim Hinausgehen väterlich einen Arm um sie, „der Staat Alaska erachtet die Bewohner unserer kleinen Gemeinde als erwachsen genug, um uns die Anwesenheit derlei Personen zu ersparen. Das nächste Polizeirevier ist drüben in Hoonah und die Leute dort würden ihn auch nach Juneau bringen.”
Die Überführung des Gefangenen klappte wie am Schnürchen. Nach der Landung in Juneau standen Streifenwagen parat, um das sauber verschnürte Paket in Empfang zu nehmen. Am Abend des selben Tages überquerten Robyn, Jake und Dan auf dem Rückflug die Chilkat Range südlich des Mount Golub. An Bord machte sich trotz Müdigkeit gedämpfte Feierstimmung breit.
„Ist das wirklich schon nach 19.00 Uhr?” fragte Jake nach einem Blick auf die Borduhr.
„Yup. Die haben uns ganz schön lang da behalten. Aber dafür ist hoffentlich Alles geklärt.”
„Ich hätte zu gern das Gesicht des Officers fotografiert, als ihm Jerry die Sache mit dem Hirsch erzählte”, witzelte Robyn vom Rücksitz. Dan lachte auf und drehte sich zu seinen Mitreisenden um.
„Ich dachte wirklich, dass jeden Moment die Jungs mit der Jacke kommen. Hey. Und Danke, dass ihr wegen Yello die Klappe gehalten habt.”
„Dann hätten sie uns wirklich eingewiesen. Ich hatte mit meinem Outfit schon arge Befürchtungen”, sagte Jake, zupfte an der Regenhose und atmete durch die Nase ein. „Was werde ich die Dusche genießen.... zwei Stunden mindestens. Und dann in einem richtigen Bett schlafen, mit frischer Bettwäsche. Und glaubt nicht, dass ich vor Ende der Woche aufstehe.”
„Naaaa”, Dan grinste zu ihm herüber, „du hast doch Buck heute morgen gehört. Ab morgen ist die Ruhe vorbei.”
„Weißt du, Dan”, sagte Jake und drehte sich auf seinem Sitz zu dem Piloten, „da die Wetterfrösche uns eben die Hoonahlulu Days schmackhaft gemacht haben .....”
„Die Hoonah ... Was?” wurde er von Robyn unterbrochen. Jake zeigte auf die Fenster an Backbord und wandte sich zu ihr.
„Da drüben. Auf der anderen Seite der Icy Srait liegt Hoonah. Deren Bewohner haben diese sonnigen Tage mit Schäfchenwolken und mehr als 20 Grad irgendwann einmal Hoonahlulu Days getauft. Absolut treffend, finde ich. Die haben eine alte Lastenseilbahn umgebaut. Den Zipper. Scharfes Ding. Eine Meile lang. Ich meine, wir sollten uns von .....”, Jake nickte kurz zum Piloten, „Dan´s Air Service rüberfliegen lassen und etwas Spaß haben. Im Ort gibt es auch ein vorzügliches Restaurant.....mit Meerblick. Was meinst du?”
Robyn presste sich in den Sitz und brachte nur ein "Oho" hervor.
„Große Pläne für Jemanden, der nur schlafen will.” Dan lächelte kurz zu seinem Sitznachbarn herüber und sah wieder nachdenklich nach vorn aus dem Fenster. Jake kannte diesen Gesichtsausdruck.
„Stimmt. Freiheit hat was Stimmulierendes. Aber okay. Wir sollten erstmal ausschlafen. Morgen sieht die Welt anders aus.”
„Yup.”
„Deine wird nach Putzmitteln riechen. Ich würde als Tourist keinen Fuß in diese Mühle setzen.”
Dan sah erneut nach rechts und legte die Stirn in Falten. Jake klatschte sich mit der flachen Hand auf den Bauch.
„Die Zeit im Busch hatte wenigstens etwas Gutes. Ich werde mir neue Klamotten kaufen müssen. Meine alten Hosen musste ich mir mit Draht zusammenbinden, sonst wären sie mir vom Arsch gerutscht. Und unsere nette Begleitung hier wird mir für ihre Story bestimmt noch ein paar Löcher in den Rest von meinem Bauch fragen. Ich werde mich erholen und von meinem Schaukelstuhl auf der Veranda zusehen, wie du dir die Finger blutig fliegst. Sind vier Wochen okay?”
Dan schob die Unterlippe vor und nickte. „Klingt gut.”
„Das will ich meinen. Und ich bin sicher, dass es danach irgendwie weiter geht.”
Über der Icy Strait. Zwei Nächte später.
In 13000 Fuß Höhe flog ein zweimotoriges Flugzeug, Typ De Havilland Twin Otter, mit ziviler Kennung von Juneau kommend auf westlichem Kurs. Die zehn schwarzgekleideten Männer in der Kabine saßen entspannt auf den in Längsrichtung montierten Bänken, in Unterhaltung oder Kartenspiel vertieft. Die zwei Kommunikationsspezialisten, die ihre Plätze an der Trennwand zum Cockpit hatten, verfolgten auf ihren Monitoren eine Partie Poker, die via Helmkameras aus dem Heck der Maschine übertragen wurden. Der kommandierende Lieutenant, ein durchtrainierter Mann mit scharf geschnittenem Gesicht namens Kelly Young, neben ihnen sah kaugummikauend und lächelnd zu seinem Gegenüber, der mit geschlossenen Augen Kopf und Zeigefinger zu den Klängen seines iPod wiegte. Sanft stieß ihn der Lieutenant mit seinem Stiefel am Schienbein.
„Na. Luigi. Was wird heute Nacht gegeben? Verdi?”
„Nein Sir. L’Arianna ...... von Monteverdi”, antwortete der Mann mit einem freundlichem Lächeln und schloss seine mandelförmigen Augen wieder.
„Jeder so, wie er mag, Sir”, sagte dessen Sitznachbar und sah grinsend zu dem kleinen, schwarzhaarigen Asiaten, dessen Eltern in den 1960er Jahren ihren Wohnort in Japan gegen einen diesseits des Pazifiks eintauschten. Hayao Takahashi war verrückt nach italienischen Opern, die ihm den südeuropäischen Spitznamen einbrachten.
Über den Inian Islands nördlich von Elfin Cove drehte die Twin Otter in Richtung Norden, überflog die Dundas Bay und folgte dem Lauf des Dundas River. Die schnippenden Finger am ausgetreckten Arm im Durchgang zum Cockpit signalisierten Kelly Young, dass seine Anwesenheit im Cockpit erwünscht war. Der Pilot zeigte nach vorn.
„Da unten, Sir.”
„Das nenne ich eine Einladung”, sagte der Lieutenant, als er die Lichter der Wood Lake Research Station am Boden sah. Die Copilotin markierte die Position auf dem GPS.
„Wir wenden und fliegen neu an. Fünf Minuten.” Zur visuellen Untermalung hielt sie eine Hand mit ausgestreckten Fingern hoch. Young nickte, klopfte ihr auf die Schulter und sah an ihr vorbei aus dem Fenster. Die Morgendämmerung malte den Himmel am Horizont bereits in warme Gelb- und Orangetöne.
„Perfekt.”
„Schade, dass sie uns schon verlassen”, sagte der Pilot. „Ich hoffe, sie empfehlen uns weiter.”
„Gott bewahre, Herrschaften”, stieg Young in die nicht ernstzunehmende Unterhaltung ein. „Der Champagner war lauwarm und den Film kannte ich schon.”
Der Kommandierende wandte sich seinen Leuten in der Kabine zu und hob ebenfalls seine Hand mit ausgestreckten Fingern. Jeder auf den Bänken stieß seinen direkten Sitznachbarn an und wiederholte diese Geste. In gebeugter Haltung bahnte sich Kelly Young den Weg zum Ausstieg. Die Männer prüften nochmals ihre Ausrüstung und nickten ihm zu. Nach exakt fünf Minuten löschte der Pilot das Licht in der Kabine. Die Motore wurden gedrosselt, die Jalousientür öffnete sich und es wurde kühl im Innern der Maschine. Die Männer an der Tür sahen in ein Nichts aus Grau und Schwarz.
„Gott. Ich liebe diese Nachteinsätze”, sagte eine sarkastisch klingende Stimme.
„Sind sie verheiratet, Gibson?”
„Nein, Sir.”
„Nun. Ich habe eine Frau und einen Hund. Einen Neufundländer. Raten Sie mal, wer von beiden lauter schnarcht.”
Gibson lachte und hielt einen Daumen hoch. „Verstehe, Sir.”
Der Lieutenant tastete mit einer Hand nach der kleinen Reling außen über der Tür. Er setzte einen Fuß auf das schmale Riffelblech unterhalb des Ausstiegs und hangelte sich hinaus in die kühle, nach verbranntem Kerosin riechende Luft. Der Fahrtwind zerrte brutal mit 150 Stundenkilometern an seiner Kleidung. Drei weitere Männer folgten ihm. Kurze Zeit später tropften auf das Kommando "READY....SET...GO" zehn Schatten vom Rumpf der Twin Otter ab.
Keine zehn Minuten später liefen neun von ihnen mit ihren Fallschirmen über den Armen zum Sammelpunkt, der Baracke am südlichen Ende der Naturpiste der Wood Lake Research Station. Kelly Young musterte seine Männer.
„Einer fehlt.”
„Reed, Sir. Da hinten kommt er.”
Die Männer sahen ihn humpelnd auf die Baracke zulaufen.
„Alles okay, Reed?”
„Ja, Sir. Einer von diesen Büschen war im Weg. Nur ein blauer Fleck. Nichts, was mich an einem Urlaub auf Hawaii hindert.”
„Sehr schön. Lasst die Schirme hier und dann weiter.”
Das Licht im Zimmer der Unterkunft brannte noch, aber Tommy Spraggett, Dominic Lareau und Pete Heitmeyer bemerkten nichts von dem, was draußen passierte. Spraggett lag in seinem Bett. Seine Komplizen ruhten auf ihren Stühlen. Ihre Oberkörper vorn über gebeugt auf dem Tisch, auf dem zwei leere Flaschen und Gläser standen. Eine kleine Kamera an einem Gewehrlauf beobachtete sie durch die trübe Fensterscheibe.
„Wir kommen zu spät zu der Party”, raunte Kelly Young und betrachtete die Bilder auf dem kleinen LCD-Monitor. „Okay, dann wollen wir sie mal wecken. Drei zum Hintereingang. Zwei kommen mit mir.”
Lautlos tasteten sich die Männer durch den dunklen Korridor und blickten in jedes angrenzende Zimmer. Vor der Tür zu Spraggetts Zimmer trafen sie sich. Auf das Nicken des Lieutenants öffnete einer die Tür einen Spalt breit. Dann rollte ein kleiner zylindrischer Körper über die Dielen. Ein lauter Knall und im Zimmer wurde es gleißend hell. Noch bevor die drei Ganoven wussten, wie ihnen geschah, klickten die Handschellen. Unsanft zerrte man Lareau und Heitmeyer mit ihren Stühlen brutal zu einer Wand des Zimmers. Zwei Männer der Einheit drückten Spraggett tief in die durchgelegene Matratze.
„Guten Morgen, Gentlemen.” Kelly Young stand mit triumphierendem Lächeln in der Mitte des Raumes. Er nahm eine der am Boden liegenden Flaschen auf und roch naserümpfend an ihr. „Schätze, das war die letzte Feier für die nächsten Jahre.”
Boris Schelesnow wurde, gestützt von zwei der Schwarzgekleideten, in den Raum gebracht.
„Hier, Sir. Wir fanden ihn draußen im Flugzeug in seinen Exkrementen.”
Der Lieutenant musterte den Sohn russischer Einwanderer, der mit verdrehten Augen gegen eine Bewusstlosigkeit ankämpfte.
„Schafft ihn raus! Der Gestank ist ja nicht auszuhalten. Der Medizinmann soll nach ihm sehen...... und gebt ihm Wasser.”
„Wasser haben wir nicht”, lallte Heitmeyer mit wiegendem Kopf. „Die Wölfe haben unseren Wasserträger gefressen. Kein Wasser.”
„Sehr interessant”, wandte sich ihm Young zu und warf einen kurzen Blick zu Takahashi.
„Ja. Wir haben ihn....... AU. Du Arschloch.” Dominic Lareau stoppte den Redeschwall seines Komplizen mit einem Tritt gegen dessen verletzte Wade.
„Er wollte abhauen”, sagte der Kanadier. „Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen die Stelle.”
„Sehr vernünftig, dass Sie mit uns kooperieren wollen, Sir”, sagte Young mit versöhnlichem Ton und half ihm auf die Beine. Er sah zu seinen Männern. „Luigi. Hanson. Ihr kommt mit! ..... Albright?”
„Sir?”
„Wenn Reed draußen fertig ist, soll er sich die beiden hier ansehen.”
„Okay, Sir.”
„Ja genau. Reed soll nach uns sehen”, hörten sie beim Hinausgehen Heitmeyer lallen.
Lareau ging mit den Männern zum Waldrand neben der kleinen Hütte und nickte zum Boden.
„Er hat unserem Freund das Nasenbein gebrochen und wollte in den Wald laufen. Und hier hat ihn der Wolf gepackt. Wie aus dem Nichts war er plötzlich da. Und dann hat er ihn in den Wald gezogen.”
„Haben Sie das gesehen?”
„Nein, Sir. Wir trugen unseren Kumpel ......”
„Wie hieß der Mann?”
„Jake Turner, Sir.”
„Und wo haben Sie ihn gefunden?”
Der Kanadier führte die Männer, ahnungslos von der Tatsache, dass sein Tun von den Helmkameras seiner Begleiter aufgezeichnet wurde. Nach kurzer Zeit erreichte das Quartett die Stelle. In der Twin Otter, die ein paar Meilen südlich der Forschungsstation kreiste, spuckte einer der Kommunikationsspezialisten beim Anblick der Szene einen Schluck Kaffee aus.
„Danke. Wir brauchen Sie nicht mehr”, Kelly Young nickte in die Richtung aus der sie kamen. Hanson drückte dem Gefangenen den Lauf seiner Waffe in den Rücken und sie entfernten sich. Aus der Ferne hörte man Rotorenlärm.
„HANSON?”
„SIR.”
„Sie, Blackman, Albright und Reed fliegen mit den anderen Dreien im ersten Helikopter. Wir nehmen mit dem Rest die zweite Maschine.”
„AYE, SIR.”
Der Lieutenant wandte sich seinem asiatischen Untergebenen zu: „Okay, Luigi. Mach ein paar Fotos. Dann nehmen wir die Kleidung und eine Gewebeprobe mit.”
„Sollten wir nicht besser einen Leichensack...”
„Hast du beim Briefing gepennt oder möchtest du den Laborratten zu einem bunten Tag verhelfen? Das ist kein Mensch.”
„Oh ....Ja. Stimmt. Sorry. Also wer immer das war ......”
„Man lernt nie aus, Luigi”, unterbrach ihn der Lieutenant. Er musterte den stinkenden Kadaver und schnalzte mit der Zunge, als er das Geschwaderabzeichen auf der Jacke bemerkte.
„Beeindruckend......höchst beeindruckend.” _________________ Beste Grüße
Jörg
Irren ist menschlich. Aber wenn man richtig Mist bauen will, braucht einen Computer.
Dan Rather |
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JörgB Moderator


Anmeldungsdatum: 18.08.2006 Beiträge: 2195 Wohnort: Bielefeld FS-Version: 9.1
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Verfasst am: Di 02 Feb 2010, 18:36 Titel: (Kein Titel) |
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Epilog
Auf dem Flugplatz von Gustavus.
Mitte September.
Pünktlich rollte die 737 der Alaska Airlines an diesem herrlich warmen Nachmittag zur Startbahn. Jake, Buck und Dan sahen das lächelnde Gesicht der blonden Journalistin aus Maine neben einer winkenden Hand hinter einem der Fenster.
„Ich werde sie vermissen”, sagte Dan wehmütig.
„Ich auch. Aber nicht lange”, zwinkerte Jake ihm zu, „man hat ihr in Juneau einen Job als Chefredakteurin angeboten.”
„Oho. Na okay. Wir bekommen am Wood Lake nicht viel von der Außenwelt mit.”
Jake sah an Dan herunter.
„Wann kommt ihr Eremiten wieder nach Hause?”
„In zwei, spätestens drei Wochen”, schätzte Dan. „Wir machen die Station in den nächsten Tagen winterfest und dann ist dort Schluss für diesen Sommer. Im Winter können wir die Lage bequem vom PC daheim beobachten.”
„Klingt gut. Melissa wird von ihren Kunden bereits vermisst. Von mir übrigens auch. Bestell meiner Tochter liebe Grüße.”
„Was ist, Jungs?” fragte Buck. „Das war die letzte Maschine für dieses Jahr. Gehen wir rüber in die Snackbar und begießen das mit einem Kaffee und Doughnuts?”
„Lasst mich aus”, bat Jake, „ich muss nach Juneau, um unseren neuen Mitbürger und seine Mutter abzuholen.”
„Mich auch. Jerry wird meine Beaver bestimmt schon auf den Rädern haben.”
„Dann komme ich mit”, sagte Buck. „Ich muss sowieso noch zu Jerry wegen der Taufe.”
Jake sprang nach einem flüchtigen Abschied in seine Cessna und ließ den Motor an.
Mit Händen in den Taschen schlenderten Buck und Dan zwischen den Gebäuden hindurch.
„Und du fliegst gleich wieder rüber, Dan?”
„Wenn meine Kutsche soweit fertig ist, darf ich keine Zeit verlieren. Dann noch Proviant verladen und Tally-Ho. Es wird früh dunkel und Mel erwartet mich.”
„Das die zweite Klage von diesem .... Spraggett, oder wie der heißt, abgewiesen wurde, weißt du?”
„Nein. Ich habe den Tag mit meinen Eltern verbracht und mit Jake kaum gesprochen. Ist sowieso ein Hammer, dass sich der Typ erdreistet, wegen seiner lädierten Nase den Aufstand zu proben.”
„Jake nimmt es gelassen, Dan. Robyn hat ihn mit Erfolg abgelenkt.”
„Freut mich, dass die beiden gut miteinander auskommen.”
„Naja, Dan. Das trifft es nicht ganz.” Buck zwinkerte Dan zu und sprach mit gedämpfter Stimme: „Es ist besser als nur gut. Aber das hast du nicht von mir, also...”
Er legte einen Zeigefinger auf seine Lippen. Dan atmete tief durch und lachte.
„Ich war wirklich zu lang im Wald. Aber keine Sorge, Buck. Das soll Mel von ihm erfahren.”
Beide verharrten einen Moment vor Dans Flugzeug. Derek Waltrip sorgte mit klirrenden Geräuschen in seinem Werkzeugwagen für Ordnung.
„Hi, Dan. Gutes Timing. Bin gerade fertig geworden. Um deine Schwimmer kümmere ich mich gleich morgen”, rief Derek zu ihnen herüber. Dan hob kurz die Hand.
„Hat Zeit, Derek. Dein Boss ist im Büro?” Dan sah Derek nicken.
„Ich muss sagen, Dan, das ist genau das, was ich mir für dich gewünscht habe”, sagte Buck
„Danke. Ich bin auch froh, dass sich Rowdy bis zuletzt nicht von dem alten Bussard trennen wollte. Mir leistet er gute Dienste.”
„Bei dir weiß er sie in guten Händen. Beste Grüße übrigens. Ich telefonierte gestern mit Rowdy.”
„Geht es ihm gut?”
Buck lachte auf.
„Doch doch. Er ist okay. Nur seine Enkel rauben ihm den letzten Nerv.”
„Ich werde ihn im Winter auf jeden Fall besuchen.”
„Nimm das Boot. Sonst bist du die Beaver los.”
Lachend spazierten Buck und Dan zu Jerrys Büro. Nach einem kurzen Hallo machten sich die Besucher über den Kaffee auf der Warmhalteplatte her. Jerry brütete über irgendwelchem Papierkram. Mit seinem Kugelschreiber klopfte er im Takt zu einer Bluegrass-Nummer im Radio: Man Of Constant Sorrow.
„Jake ist unterwegs?” fragte er kurz.
„Ist vor fünf Minuten gestartet”, antwortete Buck.
„Deine Beaver ist fertig, Dan”, sagte Jerry und lehnte sich in seinem Sessel zurück.
„Schon gesehen. Derek hat sie bereits draußen. Und über welchen Kummer brütest du?”
„Ob ich das Datum unauffällig in die Rechnung flechte.”
„Also brauchst du im kommenden Jahr keine Jagdlizenz?”
„Scheißkerl. Ich hab gewusst, dass es Probleme gibt, wenn man einen Parkranger zum Freund hat”, lachte Jerry an und schob einen Karton über seinen Schreibtisch. „Hier. Einer deiner Kollegen von der Parkverwaltung brachte das eben vorbei.”
Dan nestelte in dem Karton herum und zog einen Gurt mit einem kleinen schwarzen Kasten aus der Verpackung.
„Super. Die GPS-Halsbänder. So, Leute. Dann werde ich meinen Krempel einräumen und verschwinden.”
„Wie geht es überhaupt Melissa?” fragte Jerry und nahm einen Schluck aus seinem Kaffeebecher.
„Die blüht regelrecht auf. Sie würde am liebsten den ganzen Winter drüben bleiben. Die Forscherei macht ihr einen Höllenspaß.”
„Ich sehe schon, mit Euch beiden sitzen genau die Richtigen am Wood Lake. Wie stark ist das Rudel jetzt?”
„Vierzehn Tiere plus fünf Welpen. Aber die sind schon aus dem Gröbsten heraus und werden den Winter überleben.”
„Apropos Welpen....”
„Wir haben es nicht vergessen, Jerry. Mel und ich haben zwar noch etwas Arbeit, aber pünktlich zur Taufe sind wir wieder hier.”
„Dann ist´s gut”, strahlte Jerry. „Ohne Pateneltern sehen Debbie und ich reichlich blass aus. Bestell Melissa Grüße.”
„Von mir auch”, fügte Buck hinzu. Dan stand auf und an der Bürotür sah er nochmal in den Karton.
„Ist noch was?”
„Ich überlege gerade ob ich nicht ein Halsband als Geschenk für Deborah herrichten soll.”
„Gute Idee”, griente Jerry.
„Ja, nicht wahr? Dann haben wir es leichter, falls wir dich nach der Party im Wald suchen müssen.” Dan lachte und konnte im letzten Moment dem heranfliegenden Papierkorb ausweichen.
 _________________ Beste Grüße
Jörg
Irren ist menschlich. Aber wenn man richtig Mist bauen will, braucht einen Computer.
Dan Rather |
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Eddy Captain


Anmeldungsdatum: 08.03.2007 Beiträge: 501 Wohnort: Kleve/Bedburg-Hau FS-Version: FSX - Accel
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Verfasst am: Di 02 Feb 2010, 19:16 Titel: (Kein Titel) |
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ALTER SCHWEDE!!!
Mann Mann Mann, da hast Du Dir aber eine Menge einfallen lassen Jörg!
Ich habe es noch nicht durchgelesen... das braucht Zeit!
Morgen muß ich mit meiner Frau ins Krankenhaus und dort werde ich
wohl 2-3 Stunden warten müssen. Ich drucke mir heute Abend mal
die komplette Story aus... das wird die Wartezeit bestimmt verkürzen!  _________________ Gruß Eddy
.........................................................................................
Meine Videos bei Youtube:
http://www.youtube.com/user/troetti71
.........................................................................................
Toleranz ist die Erkenntniss, dass es eh keinen Sinn hat sich aufzuregen. |
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Flugi Pilot


Anmeldungsdatum: 04.09.2007 Beiträge: 410 Wohnort: Ailertchen EDGA FS-Version: FSX+Accel -- FS2004 -- Condor
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Verfasst am: Mi 03 Feb 2010, 19:48 Titel: (Kein Titel) |
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Puhh... So einmal komplett gelesen. Hm schon praktisch wenn man einen freien Nachmittag hat und über die Hälfte der Geschichte ein einem Stück lesen kann....
Super Story Jörg! da hat sich die ganze Arbeit gelohnt, die du in den letzten Wochen, Monaten reingesteckt hast ; Echt gelungen  _________________ Gruß Steffen
FSX, FS 9.1 und Condor |
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wingman555 Captain


Anmeldungsdatum: 13.01.2008 Beiträge: 711 Wohnort: Berlin (Umland) FS-Version: FSX+Accel...DX10
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Verfasst am: Mi 03 Feb 2010, 20:33 Titel: (Kein Titel) |
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Mein Gott Jörg, so ein Schock am Abend! Aber ein positiver Schock. Ich habe seit Wochen kein gutes Buch und freue mich schon, wenn ich morgen Zeit habe um alles in Ruhe zu lesen.
Aber trotzdem schon jetzt ein riesiges DANKE, dass du die Story fortgesetzt hast. Das muss enorm viel Arbeit gewesen sein...wil ich gar nicht dran denken.  _________________ Liebe Grüsse wünscht Max
Und am 7. Tage, als GOTT dem Menschen Flügel schenken wollte, sah er, dass einige von ihnen inzwischen schon in Airlinern mit FMC und Autopilot in der Business-Class flogen und entschied, dass es unnötig sei.
Liebe Berliner,
wir haben euch umzingelt.
Die Brandenburger. |
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